Gruselige Weihnacht überall

  • Anaconda
  • Erschienen: September 2025
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Gruselige Weihnacht überall
Gruselige Weihnacht überall
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Michael Drewniok
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2025

Zehnmal kommen sie ohne Einladung

Zehn Gruselgeschichten sorgen für einen schaurig-schönen Ausgleich zum (trügerisch) gemütlichen Weihnachtsfest:

- Louisa Baldwin: Der falsche Mönch (The Real and the Counterfeit; 1895), S. 7-32: Die scherzhafte Inszenierung eines Nachtspuks endet für den Darsteller mit einer Überraschung.

- Hugh Walpole: Schneetreiben (The Snow; 1929), S. 33-47: Die zweite Ehefrau unterschätzt den Willen der verstorbenen Vorgängerin, ihren Mann gegen jede Art von Widerspruch zu schützen.

- Charles Dickens: Der Bahnwärter (The Signal Man; 1866), S. 48-69: Als ihm der Geist ein drittes Mal erscheint, erkennt er zu spät, wovor dieser ihn warnen will.

- Elia Wilkinson Peattie: Auf dem nördlichen Eis (On the Northern Ice; 1898), S. 70-75: Die nächtliche Skifahrt hätte tödlich enden können, aber ihr glückliches Ende hat seinen Preis.

- Bithia Mary Croker: Haus Nr. 90 (Number Ninety; 1895), S. 76-91: Der Skeptiker will in einem berüchtigten Spukhaus übernachten und herausfinden, ob es dort tatsächlich Geister gibt.

- Marie Corelli: Der Mönch und sein Engel (The Sculptur's Angel; 1920), S. 92-114: Einst hat er - der Liebe erlegen - einen Fehler mit tödlichen Folgen begangen, für den er nun büßen darf.

- Marjorie Bowen: Das Rezept (The Prescription; 1933), S. 115-142: Am Tod seiner Gattin war er nicht unschuldig, und nach seinem Ende versucht er die böse Tat ungeschehen zu machen.

- Richard Henry Malden: Nebel über dem Moor (Between Sunset and Moonrise; 1943), S. 143-159: Der gutherzige Pfarrer begegnet des Nachts jener Kreatur, die seelengierig auf dem Weg zu einer bösen Frau ist.

- Howard Phillips Lovecraft: Das Fest (The Festival; 1925), S. 160-175: In der Stadt seiner Vorväter erfährt der Erbe einer uralten Familie, dass seine Vorfahren zwar tot, aber noch sehr aktiv sind.

- William Fryer Harvey: Bericht erstattet (Account Rendered; 1951), S. 176-189: Er fand einen Dreh, um bisher dem Geist des Mannes zu entwischen, dessen Tod er einst verursacht hatte, doch einmal endet jede Glückssträhne.

-  Quellenverzeichnis, S. 190/91

Fest der Liebe, Fest der Prüfungen

Auch im schon fortgeschrittenen 21. Jahrhundert trifft uns noch wuchtig der wahre Geist der Weihnachten: Die Familie kommt zusammen, ob sie will oder nicht, denn das Fest fordert Friede auf Erden und ein gemütliches Miteinander! Aus guten Gründen geht man sich sonst aus dem Weg, aber nun konzentriert sich die Gruppe auf engstem Raum und gleicht einem Dampfkochtopf, unter dessen Bodenplatte die Hitze allmählich ansteigt. Je höher der Innendruck ist, desto besser erinnern sich die Gäste alter und neuer Zwistigkeiten, die unter dem Einfluss feiertagsüblicher Alkoholika an Intensität zunehmen.

Ein Jahrhundert zuvor war eine Flucht praktisch unmöglich, wenn man sich etwa in einem abseits gelegenen Haus traf. Die eher rudimentäre Heizkraft offener Feuerstellen, im Eiswind klappernde Fensterrahmen und sichtbare Atemwolken selbst innerhalb des Hauses hielten Gastgeber und Gäste dort fest, wo es wenigstens halbwegs warm blieb. Vor dem Klimawandel waren die Winter grimmig und reich an einer heute weitgehend unbekannten Substanz, die sich „Schnee“ nannte. Einst fiel er über Tage und Wochen, wurde nicht geräumt und türmte sich zu beeindruckenden Wächten auf, die Wege und Straßen über Tage unpassierbar machten. Da konnte man sich glücklich preisen, für genug Vorräte gesorgt zu haben.

Ohne Fernsehen und die Wunder der digitalen Welt musste man sich etwas einfallen lassen, um Langeweile und Feindseligkeit unter Kontrolle zu halten. Ablenkung bot der Vortrag spannender und gruseliger Geschichten. Weihnachten eignete sich nicht nur aufgrund der Witterung für solche Garne. In dieser Sammlung ist es Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), der daran erinnert, dass es sich hier um zwei Feiertage handelt, die von der christlichen Kirche deutlich älteren, „heidnischen’ Festen übergestülpt wurden, um sie auf diese Weise in Vergessenheit geraten zu lassen.

Man sollte sie nicht herausfordern ...

Den Kontakt mit dem Jenseits gilt es tunlichst zu vermeiden, da von dort - siehe weiter unten - nur ausnahmsweise Gutes kommt. Die Aufklärung hatte dem Aberglauben angeblich den Garaus gemacht, doch was, wenn sich die Wissenschaft irrte und die Geschöpfe von „drüben“ weiterhin ihr Unwesen trieben? Dass dem so ist, daran lassen die zehn Autorinnen und Autorinnen, deren Werke Jochen Veit hier zusammengetragen hat, keinerlei Zweifel. Tatsächlich kommt es noch schlimmer: Die Wissenschaft hat sich auch über die Kirche erhoben und negiert deshalb Kräfte, gegen die (jedenfalls aus Sicht besagter Kirche) Gottesglaube und die Befolgung bestimmter Regeln helfen können (aber nicht müssen, wie Richard Henry Malden, 1879-1951, deutlich macht: Der Gottesmann macht sich auf den mühsamen Weg, um einer einsamen, alten Frau Trost zu spenden, und gerät in den Sog einer Dämonenbeschwörung, die in dieser Nacht ihr Opfer fordert; sein Glaube und sein Status sind ihm keinerlei Hilfe.)

Kein Wunder, dass Geistergeschichten immer wieder Personen in den Mittelpunkt stellen, die lauthals ihre Ablehnung abergläubischen Unfugs kundtun und diesen (meist) mannhaft auf die Probe stellen. In der Regel geht das so aus, wie Louisa Baldwin (1845-1925) und Bithia Mary Croker (1847-1920) es in Worte fassen: Hochmut kommt vor dem Fall und die Reue zu spät: Die Bewohner des Jenseits’ sind nicht für ihren Langmut bekannt. Entweder legen sie selbst mörderisch Hand an (Croker), oder der Schock der Erkenntnis, dass es eben doch seltsame Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, reicht aus, um den Lebensgeist über die Klippe zu jagen (Baldwin).

Manchmal haben Geister noch etwas zu erledigen. Zu Lebzeiten ist es ihnen nicht mehr gelungen, weshalb sie es nach dem bzw. im Tode nachzuholen versuchen. Reue kann der Beweggrund sein (Marjorie Bowen, 1885-1952), doch wesentlich häufiger sorgt Rache für (bösen) Spuk! Wer einem Mord zum Opfer fiel, den das irdische Gesetz nicht als solchen erkannte, will selbst für Sühne sorgen. Geister sind geduldig, weshalb ihnen der jeweilige Strolch ungeachtet aller Einfallskraft nie auf Dauer entkommt (William Fryer Harvey, 1885-1937). Hugh Walpole (1884-1941) variiert das Rachethema und beschreibt überraschend modern eine Ehekrise, deren unheimlicher Höhepunkt ungerecht nicht den steiflippigen Gatten, sondern die ‚schuldige‘, weil auf die eigenen Rechte pochende Ehefrau trifft: ein doppelt böses Ende.

Nicht böse, sondern tragisch

Manchmal bleibt das dicke = böse Ende aus, aber in der Regel geht auch eine friedliche Begegnung tragisch aus (Elia Wilkinson Peattie, 1862-1935): Nutzt man übernatürliche Kräfte, um dem Schicksal quasi in den Arm zu fallen, hält man selbst den Kopf hin, denn das natürliche/gottgegebene Gleichgewicht muss erhalten bleiben. Umgekehrt mag der Tod auch das versöhnliche Ende einer diesseitigen Heimsuchung bringen. Marie Corelli (1855-1924) erzählt (im Rahmen einer zeitgenössisch süßlichen, heute aufgrund ihrer Gefühlsduseligkeit schwer erträglichen Story) von verbotener und enttäuschter Liebe, Reue und Erlösung; der Geist gibt sich hier versöhnlich, aber der Protagonist überlebt das Finale trotzdem nicht (was bei Corelli freilich auch ein Instrument der Theatralik ist).

Dass man „Der Bahnwärter“ in unzähligen Kollektionen gruseliger Erzählungen findet, liegt an einer bemerkenswerten Zeitlosigkeit: Charles Dickens (1812-1870) meidet jeglichen ‚moralischen‘ Aspekt. Tatsächlich tritt überhaupt kein Gespenst auf. Die Übernatürlichkeit entzieht sich einer rationalen Erklärung. Dickens beschreibt sachlich. Was ist geschehen? Der Autor überlässt die Entscheidung seinem Publikum. Nicht alle Storys spielen zur Weihnachtszeit oder thematisieren das Fest. Doch im Vordergrund steht jene besondere Stimmung „zwischen“ den Jahren, wenn die Zeit für einige Tage stillzustehen scheint, während das alte Jahr ausklingt und man neue, hoffentlich bessere Zeiten erwartet.

„Gruselige Weihnacht überall“ ist die zweite Sammlung, die Jochen Veit herausgibt. Wieder besticht die Qualität der ausgewählten Texte, von denen die Mehrzahl erstmals übersetzt wurden. Hinzu kommen ein fester Einband, ein schönes Layout und ein Preis, der dieses Buch zu einem rundum erfreulichen Weihnachtsgeschenk aufwertet!

Fazit:

Zehn gut ausgesuchte, hierzulande meist unbekannte Erzählungen aus den Jahren 1866 bis 1951 künden von einem Jahrhundert stimmungsvollen und ‚schrecklich‘ unterhaltsamen Horrors: konkurrenzlos preisgünstiges Geschenk für die Freunde der klassischen Geistergeschichte.

Gruselige Weihnacht überall

Jochen Veit (Herausgeber), Anaconda

Gruselige Weihnacht überall

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