Wilde Jagd (Contemporary Weird)

  • Jojomedia Verlag
  • Erschienen: Dezember 2025
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Michael Drewniok
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2026

Sie sickern durch die Ritzen der Realität

Ein Höllentrip durch die sämtlichen Jagdgründe klassischer und moderner Schreckensgestalten:

- Paul Trembly: Vorwort (Introduction), S. 4-8

I. Das Goldene Zeitalter des Gemetzels

- Screaming Elk, Montana (Screaming Elk MT; 2014), S. 11-50: Jessica Mace, unstet durch die USA wandernde Überlebende eines Massenmords, gerät in einen Winkel, wo ein weiteres Ungeheuer sein Unwesen treibt.

- LD50 (LD50; 2013), S. 51-77: Jessica verliebt sich in einen Serienkiller, der just von der Tier- zur Menschenjagd übergehen will.

- Termination Dust (Termination Dust; 2013), S. 79-113: Jessica trifft in einer besonders kalten Winternacht den Eagle Talon Ripper, der nicht nur ihr die Kehle aufschlitzt.

- Andy Kaufman schleicht zwischen den Bäumen herum (Andy Kaufman Creeping Through the Trees; 2016), S. 115-147: Julie Vellum will ihrem Vater einen Gefallen tun und engagiert einen Komiker, der als tot gilt.

II. Wilde Jagd

- Ardor (Ardor; 2013), S. 151-179: Nach einem Flugzeugabsturz in der Wildnis von Alaska geraten die Überlebenden an eine Macht, die ihre Menschengestalt nur angenommen hat.

- die Würmer kriechen rein (The Worms Crawl in; 2014), S. 181-207: Elmer wird vom Geliebten seiner Gattin umgebracht, aber eine unirdische Macht ruft ihn in ein gewalttätiges ‚Leben‘ zurück.

- (Little Miss) Queen of Darkness ([Little Miss] Queen of Darkness; 2014), S. 209-227: Möchtegern-Magier Zane Tooms experimentiert mit schwarzer Magie und lockt Kräfte an, die über die Gäste seiner Party kommen.

- Gespitzte Ohren (Ears Prick Up; 2015), S. 229-255: In einer fernen Zukunft tritt Androiden-Kampfhund Rex mit seinem Herrn dem Diktator dieser Erde entgegen.

III. Tomahawk

- Der schwarze Hund (Black Dog; 2013), S. 259-275: Mann trifft Frau, doch eine tödliche Bedrohung nimmt sie ins Visier, die wiederum mit einer Macht aus dem Jenseits konfrontiert wird.

- Sklavenarm (Slave Arm; 2013), S. 277-287: Dave Teague schildert seine Version der Ereignisse im Todeskeller des Toom-Anwesens.

- Todeslied der Wildnis (Frontier Death Song; 2012), S. 289-321: Auch in den Wäldern Nordamerikas tobt die Wilde Jagd, deren Teilnehmer sich gar nicht gern beobachten lassen, wie einige allzu neugierige Zeitgenossen erfahren müssen.

- Die Überlebenden vom Tomahawk Park (Tomahawk Park Survivors Raffle; 2016), S. 323-379: Jahre vor dem Wüten des Eagle Talon Rippers und den Ereignissen im Keller des Toom-Hauses werden die Weichen für diese und andere zuvor geschilderte Ereignisse gestellt.

Anhang

- Jo Piccol: Interview mit Laird Barron, S. 383-390

- Jo Piccol: Nachwort - Kult, Mythos und Grenzerfahrung, S. 391-397

Abseits abgewetzter Pfade

Als echter Fan der phantastischen Literatur hat man den Glauben an literarischen Schrecken, der Unsicherheit und Angst über seine Leser bringt, allmählich aufgegeben. Man kapituliert vor einer Übermacht jener Autorinnen und Autoren, die „spicy stories“ spinnen, in denen Vampire, Werwölfe u. a. einst ehrwürdige Gestalten personifizierter Furcht nur auftreten, um das zu verbreiten, was ihr Publikum für „Sex“ halten möchte. Kuckucksgleich dringen sie in die Buchläden dieser Welt ein und verdrängen aus den Regalen, was sonst noch bzw. tatsächlich gruselig und spannend sein könnte oder ist.

Glücklicherweise haben diverse kleinere Verlage die daraus resultierende Eintönigkeit erkannt und halten mit Romanen und Storysammlungen dagegen, die den wahren Geist der Phantastik am Leben halten. Dieses Genre bietet so viel mehr als gruseldumme Unterbelichtung, weshalb man heilfroh erschrocken einen Schriftsteller wie Laird Barron zur Kenntnis nimmt, der quasi durch sämtlichen Scharten auf die Realität feuert und sowohl inhaltlich als auch formal ein Grauen entfesselt, das nachdrücklich belegt, dass wir in einer nicht nur großen, sondern auch gefährlichen Welt leben.

Laird Barron ist ein Vertreter jenes „kosmischen Horrors“, den in seiner reinen Form Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) über den Planeten Erde und seine Bewohner hereinbrechen ließ. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sorgten vor allem Physik und Astronomie für die Erweiterung eines Weltbilds, das man beinahe schon für gesamtentschlüsselt gehalten hatte. Doch Albert Einstein und eine Vielzahl weiterer Forscher warfen diese Vorstellung über den Haufen und öffneten buchstäblich Pforten in unbekannte Dimensionen und Zeiten.

Die wohligen Schauer ‚echten‘ Schreckens

Der Gedanke lag nahe, dass auf fremden Welten Wesen leben könnten, die wie der Mensch über Verstand und Tatkraft verfügen. Da besagter Mensch gern von sich auf andere schließt, entstand daraus die bange Frage, ob solche Wesen sich uns wohl friedlich präsentieren würden, sollte sich irgendwie ein Kontakt ergeben.

Die Angst ist - wenn nicht mit realen Gefahren unterfüttert - ein Unterhaltungsfaktor. Also wurde und wird sie vor allem in den trivialen Medien als Lockmittel eingesetzt. In der Regel dominiert der reine Buh!-Horror, der vordergründig eine Gruselkraft entwickelt, die beruhigend abebbt, bevor sie in wahren Schrecken umschlägt. Doch es gibt wenige, begabte Geschichtenerzähler, die sich große Mühe geben, uns zu erschrecken und zu verunsichern - ein Doppelschritt, der für Nachhaltigkeit sorgt, weil er uns den ungeachtet des geschilderten Schreckens für sicher gehaltenen Boden unter den Füßen wegzieht.

Einmal ins Straucheln gekommen, beginnt sofort Unsicherheit aufzusteigen: Gefahr könnte drohen, weshalb Körper und Geist sich auf Flucht oder Gegenwehr vorbereiten! Diese Krisenstimmung durch Worte auf Papier zu wecken, ist eine Kunst, die vom Leser die Bereitschaft fordert, sich auf solche Pfade locken zu lassen. Dann heißt es, buchstäblich wach zu sein, um bis ins Detail die Wendungen (und Windungen) zu begreifen, die Autoren wie Laird Barron für uns bereithalten.

Die Kunst der wuchtigen Andeutung

Seine Welt ist ein ungastlicher Ort. Nordamerika mag berühmt sein für seine wilden Bilderbuchlandschaften. Barron akzeptiert die Großartigkeit dieser weiten Räume, die er - vor allem in „LD50“, „Ardor“ oder „Todeslied der Wildnis“ - mit enormer Wortgewalt zu inszenieren weiß. Allerdings lässt sich „großartig“ mehrdeutig definieren: Barrons Beschreibungen wecken keine Sehnsucht, sondern Unbehagen. Unendlichkeit ist immer auch eine potenzielle Deckung für jene Kräfte, die sich an ahnungslose Bewunderer der Szenerie heranschleichen.

Sie müssen keineswegs immer übernatürlicher Natur sein. Der Mensch sorgt selbst dafür, dass sein Planet keine ideale Heimat ist. Körperverletzung und Mord sind auch in der vom Verfasser zelebrierten Scheußlichkeit kein Privileg außerirdischer ‚Besucher‘. Gleichzeitig fehlt jener Faktor, der das Sub-Genre „Torture Porn“ bestimmt: Schmerz und Leid besitzen bei Barron keinen Lustfaktor. Mörder sind in ihren Häuten gefangen und tun, was sie tun müssen.

Bekannte Archetypen des klassischen Horrors werden vom Verfasser aufgegriffen und neu gestaltet. Natürlich erfindet er dabei das Rad nicht neu; der Werwolf als in Blut und Eingeweiden watende Bestie ist dem Genre keineswegs unbekannt. Doch Barron gibt dem seine eigene Note, indem er einmal mehr den übernatürlichen Schrecken in der Bosheit des Menschen spiegelt („Screaming Elk, Montana“). Der Untote in „die Würmer kriechen rein“ ist hässlich und gefräßig, aber dennoch untypisch für einen Zombie. Vor allem beeindruckt jedoch Barrons Interpretation der „Wilden Jagd“. Der uralte Mythos ist in Europa entstanden, schlägt aber dank des Autors kulturell und literarisch auch in der „Neuen Welt“ Wurzeln („Todeslied der Wildnis“).

Wissen ist keine Macht

In „Die Überlebenden vom Tomahawk Park“ liefert uns Barron eine Art ‚Karte‘ oder Wegweiser durch die Geschichten, die er uns in diesem Buch erzählt hat. Man sollte jedoch keine expliziten Erklärungen erwarten bzw. muss diese nicht befürchten: Der Autor verrät seine Geschöpfe nicht. Verfremdet und chiffriert sorgt er abermals andeutungsreich für einige Lichtstrahlen. So erfahren wir u. a., dass die entfesselten Schrecken keineswegs an einem Strang ziehen. Der erwähnte „kosmische“ Horror ist aus dem Weltall auf die Erde gekommen. Dort ging und geht es jedoch auch ohne diese Immigranten unheimlich zu. Übernatürliches und außerirdisches Grauen können sogar gemeinsam auftreten („Der schwarze Hund“).

Barron konfrontiert uns mit Personen, die durch eigene Schuld, Neugier bzw. Selbstüberschätzung („[Little Miss] Queen of Darkness“) oder Pech („die Würmer kriechen rein“) ihrem Schicksal begegnen: Wirklich ‚unschuldig‘ ist niemand. Immer wieder begegnen wir - oft nur in Nebensätzen - bekannten Namen. Barron bricht wie Lovecraft das Gefüge sicheren Wissens auf. Die Geschichten sind nicht chronologisch geordnet. Manchmal gibt es parallele Handlungsstränge, die durch die Augen anderer Figuren betrachtet die Kenntnis zuvor ungeklärte Vorgänge ermöglichen („[Little Miss] Queen of Darkness“ und „Sklavenarm“). Selbst ein ‚Ausreißer“ wie „Gespitzte Ohren“, der in einer Science-Fiction-artigen Zukunft spielt, ist fest im Barron-Mikroversum verwurzelt.

„Wilde Jagd“ hält wach während der Lektüre, weil man sich nie sicher sein kann, welche Wendung das Geschehen nehmen wird. Barron meidet Klischees, oder er spielt mit ihnen. Mit seinen Figuren springt er rau um. Selbst wenn sie die jeweilige Geschichte überleben, ist dies kein Ausweg. Wer den Saum des Universums gehoben hat und nun weiß, was darunter und dahinter ‚lebt‘, kann nicht mehr zurück in die wohlige Unkenntnis der menschlichen Mehrheit. Der Preis ist zu zahlen – irgendwann.

Mit diesem zweiten Band unterstreicht Herausgeber Jo Piccol Ehrgeiz und Anspruch der von ihm ins Leben gerufenen Serie „Contemporary Weird“, die ausdrücklich der Phantastik jenseits des Mainstreams gewidmet ist. Die Bände sind nicht nur ausgezeichnet übersetzt sowie schön und aufwändig auch innen layoutet, sondern werden auch kundig (vom Horror-Kollegen Paul Trembly und Herausgeber Piccol) kommentiert. Der Autor selbst wurde für diese Ausgabe interviewt. Für die auf diese Weise verbreiteten Zusatzinformationen ist man als Leser dankbar!

Fazit:

Bemerkenswerte Sammlung lose miteinander verbundener Storys, die von Mächten und Menschen erzählen, die aus dem Weltall oder dem Jenseits stammen und in einer derartig ‚erweiterten‘ Realität auf gezeichnete (oder tote) Menschen treffen: ein  intensives, wortmächtiges und Genre-Erwartungen auf den Kopf stellendes Meisterwerk.

Wilde Jagd (Contemporary Weird)

Laird Barron, Jojomedia Verlag

Wilde Jagd (Contemporary Weird)

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