Flut aus schwarzem Stahl (Zeit des Zorns 1)
- Klett-Cotta
- Erschienen: Februar 2026
- 3


Anthony Ryan ist eine verdammt sichere Bank!
Der schottische Fantasyautor Anthony Ryan, aus dessen Feder unter anderem die Rabenschatten-Romane und die Draconis-Memoria-Serie stammen, kehrt mit seinem Werk „Flut aus schwarzem Stahl“ an seine alte Wirkungsstätte zurück. Mit „Der Paria“, dem ersten Band der Stählerner-Bund-Trilogie, erschuf Ryan ein für sich typisches Fantasyerlebnis:
Eine mittelalterlich gestaltete Welt, düster und erbarmungslos in ihren Strukturen, gepaart mit interessanten Figuren und eher unterschwelligen phantastischen Elementen.
Ähnlich wie bei seiner großartigen Rabenschatten-Trilogie (Das Lied des Blutes ist wahrlich eine Offenbarung), die Ryan nach einiger Zeit der Abstinenz mit zwei weiteren Bänden erweiterte, lässt die Welt des Stählernen Bundes den Autor noch nicht los.
Zugegeben, Ryans Rückkehr zu Vaelin Al Sorna, der Hauptfigur der Rabenschatten-Trilogie, konnte bei bestem Willen nicht mit der Großartigkeit der ursprünglichen Trilogie mithalten. Vielleicht gelingt ihm jedoch mit „Flut aus schwarzem Stahl“ das Husarenstück, die erste Generation dieser Reihe zu übertreffen.
Finden wir es heraus!
Die Wikinger sind los
Bevor wir uns der inhaltlichen Aufarbeitung dieses Romans widmen, möchte ich kurz vorwegnehmen, dass Fantasy-Enthusiasten, die den Stählernen Bund noch nicht gelesen haben, durchaus direkt zu „Flut aus schwarzem Stahl“ greifen dürfen. Natürlich werden dadurch diverse Anspielungen untergehen und alle Charaktere scheinen zu Anfang unbekannt. Kennern der Reihe, wird der ein oder andere Name durchaus bekannt vorkommen. Gleichwohl gelingt es Ryan hervorragend, neue Blickwinkel zu erschaffen, die für sich alleinstehend genug Strahlkraft entwickeln, um gelungenen Lesespaß zu entfalten. Nichtsdestotrotz kann ich den Stählernen Bund nur wärmstens empfehlen, egal ob als vorgelagertes Abenteuer oder als nachgelagerte Vorgeschichte.
Ryan verlagert in seinem neuen Werk den Blickpunkt auf das Königreich Ascarlia, das von drei Schwesterköniginnen regiert wird. Gesellschaftlich erinnert Ascarlia sehr an das Zeitalter der Wikinger. Axtschwingende Krieger und Kriegerinnen mit salzwasserverkrusteten Haaren gehören in diesem Roman zur Tagesordnung.
Als der Handelskontakt zu den entferntesten Inselgruppen des Reiches abbricht, entsenden die Königinnen ihren Velhir der Gerechtigkeit, Thera Speldrenda, um die Vorkommnisse zu untersuchen. Thera, eine meisterliche Kriegerin, ist die Speerspitze Ascarlias, wenn es darum geht, die Gesetze der Schwesterköniginnen durchzusetzen. Als Thera und ihre Besatzung am Ort des Interesses angelangen, sehen sie sich einem unbekannten Feind gegenüber, der ungeahnte Gräueltaten an den Inselbewohnern verübt. Der eiserne Duft des Krieges liegt in der Luft.
Während Thera gen äußere Inseln segelt, begibt sich Felnir, Theras Bruder, auf die Suche nach dem sagenumwobenen Gewölbe der Altvar, den Göttern der Ascarlianer. Sein Urgroßvater Margnus Gruinskard vermutet schon länger, dass Ascarlia in großer Gefahr schwebt. Er hofft, dass sein Urenkel in den Gewölben Informationen oder Artefakte findet, um Ascarlia vor dem Untergang zu bewahren. Felnir wird für seine Mission die Gelehrte Elvine zur Seite gestellt. Zusammen sollen sie das Dickicht aus Legenden und Mythen durchdringen, um die sagenumwobenen Schätze der Altvar zu bergen.
Ruhlin, ein junger Fischer von den äußeren Inseln, gerät urplötzlich in einen blutrünstigen Überfall fremdländischer Aggressoren. Zu spät merkt er, dass in ihm eine unheimliche Kraft schlummert, mit der er seine Liebsten hätte verteidigen können. Ruhlin wird entführt und findet sich als Sklave in einem entfernten Königreich wieder. Dort sieht er sich mit brutalen Gladiatorenkämpfen konfrontiert. Seine Peiniger nutzen seine Fähigkeiten aus, um aus ihm eine grausame Attraktion zu schaffen. Ruhlin setzt alles daran, sich mit seinen Mitgefangenen zu verbünden, um der Orgie der Gewalt, die ihn umgibt, zu entfliehen.
Thera, Felnir, Elvine und Ruhlin sind die Grundpfeiler dieses Romans. Aus ihren Perspektiven wird die Erzählung vorangetrieben.
Ryan gelingt das Kunststück
Anthony Ryan gelingt das seltene Kunststück, mit dem Auftakt seiner neuen Reihe die ursprünglichen Romane, also die Trilogie des Stählernen Bundes, an Lesespaß zu übertrumpfen. Selten war die literarische Rückkehr an alte Wirkungsstätte so gelungen.
Von Beginn an wird die Leserschaft von der Spannung des Unbekannten in ihren Bann gezogen. Die Skizzierung der vier Hauptfiguren ist Ryan hervorragend gelungen. Neben der eigentlichen Mission, eine mögliche Bedrohung für das Ascarlianische Reich abzuwenden, sind die Protagonisten mit reichlich eigenen Antrieben ausgestattet. Dadurch verkommen sie nicht zu stumpfen Handlangern des Reiches, sondern entfalten ein Gefühl der Echtheit, wodurch eine parallellaufende Sogwirkung entsteht. Einerseits möchte man als Lesender die eigentlichen Vorkommnisse aufgeklärt wissen, deren Details nach und nach ans Licht kommen, andererseits genießt man ebenso die ruhigeren Momente des Romans, um mehr über das Innenleben und die Vergangenheit der Figuren zu erfahren. Hinzu kommen interessante Nebenfiguren, die die illustre Schar der Hauptfiguren gekonnt ergänzen.
Das Ganze ist in eine für Ryan typisch düstere Welt verpackt, in der es stellenweise äußerst brutal und grausam vorgeht. Der Autor nutzt, wie in vielen anderen seiner Romane, keine schillernde oder ausufernde Magie. Außergewöhnliches tritt eher als seltene und exklusive Fähigkeit ins Rampenlicht. Da wären Charaktere, die einen speziellen Bezug zu Tieren haben oder von Zeit zu Zeit einen Blick in die Zukunft werfen können. Manchmal sorgen Artefakte dafür, dass Empfindungen ausgelöst werden. Außerdem ist eine unserer Hauptfiguren in der Lage, die Gedanken einer Frau, auf die sie im Laufe der Handlung trifft, anhand von Mimik und Gestik zu entschlüsseln. Die Magie bettet sich somit meist eher zaghaft in die gesellschaftlichen und religiösen Strukturen, die uns Anthony Ryan in seinem Roman auftischt. Eine Ausnahme hiervon ist eindeutig Ruhlin. Seine Fähigkeiten, die ihr bitte selbst entdecken möget, liebe Leser und Leserinnen, sind eindeutig von monströser Beschaffenheit.
Der Roman bietet uns spannungsgeladene Kämpfe, nervenaufreibende Intrigen sowie ruhige Momente, die das Innenleben und Miteinander der Figuren in den Vordergrund stellen.
Fazit:
Anthony Ryan ist einer der herausragenden Fantasyautoren der 2010er-Jahre und hält seinem gewohnt hohen Unterhaltungsniveau auch mit seinem neuen Roman im Jahr 2026 die Treue. Es gelingt ihm hervorragend, Handlung und Figuren miteinander zu verknüpfen und den Lesern einen außergewöhnlich guten Fantasy-Schmöker zu präsentieren. Dieses Buch lässt sich uneingeschränkt empfehlen. Wer Fantasy liebt, muss Anthony Ryan lesen!

Anthony Ryan, Klett-Cotta

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