Die Nacht der zehn Milliarden Lichter
- Heyne
- Erschienen: November 1967
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Frohe Feste auf Planeten und Monden
Neun Autoren beschäftigen sich mit dem Thema Weihnachten, das auch in zukünftiger Zeit und auf fernen Planeten gefeiert wird; auch deshalb eine ungewöhnliche Originalkollektion, weil sie von zwei deutschen Herausgebern zusammengestellt wurde:
- Gordon R. Dickson: Das Geschenk (The Christmas Present; 1958), S. 7-18: „Harvey“ vom Planeten Cidor möchte seinem Freund von der Erde ein Geschenk machen und gibt dafür buchstäblich alles.
- John Christopher: Der letzte Flug (Christmas Tree; 1949), S. 19-30: Das Aus als Raumfahrer trifft ihn zur Weihnachtszeit und eine Station vor dem angepeilten Ruhesitz.
- Rod Serling: Sein größter Wunsch (The Night of the Meek; 1962), S. 31-55: Kaufhaus-Weihnachtsmann Henry springt ein, als der echte Santa ausfällt.
- Isaac Asimov: Weihnachten auf Ganymed (Christmas on Ganymede; 1942), S. 56-75: Sie fordern ein Fest mit Santa, Schlitten, Rentieren und Geschenken, sodass viel improvisiert werden muss, um dies auf dem Jupitermond Ganymed möglich zu machen.
- James White: Spielzeug-Raketen (Christmas Treason; 1962), S. 76-102: Einige Mutantenkinder sorgen in seliger Unkenntnis der wahren politischen Situation für ein Ende des atomaren Wettrüstens.
- Irving E. Cox, Jr.: Der Stern von Bethlehem (Christmas on Mars; 1954), S. 103-121: Am Weihnachtstag sollen die Marskolonisten auf die Erde zurückkehren, wo ein Weltkrieg droht.
- Frederik Pohl: Ende der Hochsaison (Happy Birthday, Dear Jesus; 1956), S. 122-149: Kommerzdenken trifft auf echte Weihnachtsfreude, was der Liebe zwischen George und Lilymary einen schweren Start gibt.
- Ray Bradbury: Die Nacht der zehn Milliarden Lichter (The Gift; 1952), S. 150-152: Die Eltern sorgen dafür, dass der Sohn auch an Bord des Raumschiffs ein richtiges Weihnachten feiern kann.
- David R. Bunch: Weihnachten in Utopia (A Little Girl’s Xmas in Moderan; 1960), S. 153-159: In einer Welt, in der sich die Menschen künstlich ‚verbessern‘ lassen, erinnern sich nur noch Kleinkinder an den Geist von Weihnachten.
Galaxisweite Harmonie und Freude
Weihnachten! Das Fest der Liebe und des Konsums hat sich längst von seinen religiösen Ursprüngen gelöst, obwohl sich noch immer die Kirchen füllen, wenn es auf dem Kalender naht. Echte Frömmigkeit ist wohl eher die Ausnahme; im Vordergrund steht der beinahe tragische Versuch, sich in jene versöhnlich-friedfertige Stimmung zu versetzen, die für diese Feiertage vorgeschrieben ist: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, lautet ein (abgewandelter) Spruch aus dem Lukas-Evangelium. Er beschreibt die Quadratur des Kreises, denn wieso sollte ausgerechnet jetzt gelingen, was zuvor misslungen ist? Doch da man sich zu Weihnachten vertragen muss, versucht man es immer wieder.
Da stattdessen der Frustrationsfaktor steigt, stürzen die miteinander eingesperrten Menschen sich gern auf tröstende Literatur, die an Kummer gewöhnte und ihren Verdienst daraus ziehende Autoren seit mindestens zwei Jahrhunderten produzieren. In diesen Werken gelingt, woran man in der Realität scheitert. Alternativ geht Weihnachten vollständig und buchstäblich zum Teufel; die angespannte Lage unter dem Christbaum provoziert das Erzählen schauriger Geistergeschichten.
Die Science Fiction kann und will natürlich nicht zurückstehen, und sei es nur, weil die hier aktiven Autoren auch ihren Zipfel von der Weihnachtswurst erhaschen möchten. Also werden bestimmte Begleitumstände des Festes in eine Zukunft projiziert, wo man immer noch auf Santa Claus wartet, der mit seinem Schlitten vom Nordpol kommt, um binnen weniger Stunden nicht nur die Kinder auf der Erde zu beschenken, sondern auch an diejenigen denkt, die unter anderen Sternen leben.
Das Unmögliche wird Wirklichkeit
Da besagte SF die Realität ohnehin nur vorgibt, kann sie sich dem Mythos hingeben oder ausdrücklich in dessen Schwachstellen leuchten. Das betrifft in erster Linie den Weihnachtsmann, der die globalen Handels- und Lieferplattformen der Gegenwart im Alleingang in den Schatten stellt. Natürlich ist er eine Idee, ein Symbol dafür, dass kein Mensch und vor allem kein Kind an diesem Tag vergessen wird. Dennoch ist er in allen Medien omnipräsent, je näher die Feiertage rücken, und gibt sich außerordentlich real. Wieso sollte er also seinen Aktionsradius nicht auf den Kosmos ausweiten?
Der Erde verhaftet bleibt Rod Serling (1924-1975), der für eine der Episoden (Folge 11 der Staffel 2, erstmals ausgestrahlt am 23. Dezember 1960) seiner TV-Serie „The Twilight Zone“ das Drehbuch zu „The Night of the Meek“ geschrieben und dieses in eine Kurzgeschichte umgewandelt hat. Die weihnachtliche Botschaft wird mit anlassbedingt akzeptabler Gefühlsduseligkeit von einem alkoholkranken Verlierer verkündet, der endlich eine Aufgabe findet, die ihn (und seine Mitmenschen) mit Festtagsfreude erfüllt.
Dramatisch, ein wenig traurig und ungewöhnlich geht Gordon Rupert Dickson (1923-2001) das Thema an. Er verlagert das Fest auf einen unwirtlichen Sumpfplaneten, dessen irdische Siedler sich mit einer fremdartigen und auch gefährlichen Natur herumschlagen müssen. Der dort lebende „Harvey“ versteht den Sinn des Festes und sorgt ungeachtet der für ihn tragischen Folgen dafür, dass seinem ahnungslosen Kinder-Freund von der Erde der größte Wunsch - die Heimkehr des Vaters - ermöglicht wird. John Christopher (1922-2012) verzichtet auf Mehrdeutigkeit und singt wehmütig das Lied vom Raumfahrer, der ausgerechnet zu Weihnachten erfährt, dass er seine Heimat niemals wiedersehen wird.
Die Bürde der Freude
In einer frühen Story setzt Isaac Asimov (1920-1992) gänzlich auf Slapstick. Heutzutage politisch absolut unkorrekt siedelt er sein Garn dort an, wo einheimische Außerirdische für Erdmenschen schuften müssen. Um ihre Arbeitsleistung zu sichern, muss das unvorsichtige Plappern über die sich ankündigenden Festtage in die Tat umgesetzt werden: Überforderte Raumbären fangen wenig kooperative Ganymed-Tiere, um sie als ‚Rentiere‘ zu verkleiden, bauen einen lebensgefährlichen ‚Schlitten‘ und stecken den Auslöser ihrer Schwierigkeiten in ein Weihnachtsmannkostüm; natürlich geht schief, was schief gehen muss. Das ist simpel, aber immer noch komisch, woran auch die absichtlich rumpelige SF-Kulisse, die betont schlichtgeistigen Raumfahrer sowie die solide deutsche Übersetzung beitragen.
Geradezu hintergründig erzählt James White (1928-1999) eine Weihnachtsgeschichte, die weder altmodisch wirkt noch an Wirkung eingebüßt hat. Vor dem ernsten Hintergrund des Kalten Krieges, der die Welt bedrohte, als diese Story 1962 erstmals erschien, kombiniert White die Angst der Erwachsenen mit der unschuldigen Neugier ganz besonderer Kinder. Sie verfügen über übernatürliche Fähigkeiten und unterlaufen spielerisch die Sicherheitsvorkehrungen in den weltweit bis zum Bersten gefüllten Atomraketenspeichern. Wirkung erzielt White, indem er die Kinder nie begreifen lässt, was sie durch ihre Suche nach dem Weihnachtsmann auslösen: Eine Botschaft entfaltet ihre Wirkung besonders gut, wenn sie nicht gepredigt wird.
Ebenfalls Kinder stellen Irving England Cox, Jr. (1917-2001), Ray Bradbury (1920-2012) und David Roosevelt Bunch (1925-2000) in den Mittelpunkt. Nur Bradbury gelingt es wie White, die frohe Botschaft stimmig in ein SF-Ambiente einzubetten. Cox gibt einen deutlich raueren Tonfall vor, wenn er den Geist der Weihnacht feiert, indem er die Erde in den Stern von Bethlehem verwandelt; diese Radikalisierung der ursprünglichen Aussage geht dann doch ein wenig zu weit. Bunch nutzt das Fest, um einer allgemeingültigen Tatsache Geltung zu verschaffen: Fortschritt ist keine Fahrkarte zum Paradies auf Erden (oder anderen Planeten), wenn darüber die Menschlichkeit verloren geht: eine Binsenweisheit, die er jedoch wirkungsvoll entwickelt.
Frederik Pohl (1919-2013) hat zwar unzählige SF-Romane und -Geschichten geschrieben. In dieser Sammlung taucht er wegen seines Namens auf, legt jedoch eine Erzählung vor, die ohne jede Science Fiction oder Weihnachts-Fantasy auskommt. „Ende der Hochsaison“ thematisiert eine Liebe, die zwischen handfester Realitätsverbundenheit und gefühlsreinem Idealismus ihren Platz finden muss. Weihnachten dient hier dem Konflikt als Anker.
Fazit:
Neun seltene Geschichten oft großer Genre-Namen verlagern das Weihnachtsfest bzw. dessen frohe Botschaft (oder deren Scheitern) ins Phantastische oder in die Zukunft. Meist werden nur typische Stereotypen aufgegriffen, aber manchem Verfasser gelingt das Kunststück, den Weihnachtsmann auch in der galaktischen Fremde aufleben zu lassen: eine kleine, aber feine Sammlung.

Helmuth W. Mommers, Arnulf D. Krauß, Heyne

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