Die toten Katzen-Assassinen
- Cross Cult
- Erschienen: September 2025
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Tote Mörderin soll sich selbst umbringen
Auf einer teils mittelalterlichen, teils frühneuzeitlichen Parallelerde übt Eveen, genannt die Ausweiderin, in der Hafenmetropole Tal Abisi den ehrenwerten Beruf einer Meuchelmörderin aus. Als solche darf sie nicht einfach ihre Mitmenschen umbringen. Zuvor muss ein offizieller Vertrag abgeschlossen und die Tat im Einklang mit dem Kodex der jeweiligen Mörder-Zunft begangen werden In Eveens Fall sind dies die „Toten Katzenschwanz-Assassinen“, die streng auf die Regeln achten, denn Verstöße werden geahndet; notfalls schaltet sich die Göttin Aeril persönlich ein und sorgt für grausige, nie endende Strafen.
Der seltsame Name der Mördertruppe resultiert zum Teil aus der Tatsache, dass sämtliche Mitglieder - also auch Eveen - tot waren und wiederbelebt wurden. Dies verwandelte sie nicht in geistlose, menschenfressende Zombies, verleiht ihnen aber übermenschliche Stärke und Schnelligkeit. Allerdings gingen sämtliche Erinnerungen an das Leben vor dem Tod verloren.
Eveen ist eine zuverlässige Mitarbeiterin, doch ihr neuer Auftrag entpuppt sich als ebenso infam wie perfekt gestellte Falle: Das Opfer, ein Mädchen namens Himmel, ist ein jüngeres Ich Eveens, das durch Magie aus der Vergangenheit ‚entführt‘ wurde. Wenn die Attentäterin ihren Job erledigt, würde sie sich quasi selbst umbringen. Deshalb stellt sie sich quer. Dummerweise sieht das Vertragsrecht der Assassinen so etwas nicht vor. Bald sind Eveen und Himmel auf der Flucht vor kopfgeldgierigen Auftragsmördern, während sie versuchen, einen Ausweg aus diesem Schlamassel zu finden ...
Ganz woanders und doch vertraut
Phenderson Djèlí Clark (geboren 1971 als Dexter Gabriel und hauptberuflich als Historiker an der University of Connecticut beschäftigt) liebt nach eigener Auskunft im ausführlichen Nachwort die Fantasy, ohne deshalb kritiklos allzu bewährten Pfaden zu folgen. Schon in seinen Erzählungen aus dem „Djinn“-Universum, einer alternativen, ebenfalls durch Magie gestützten, aber der Realhistorie näheren Parallel-Erde, brachte er frischen Wind in ein formelhaft erstarrtes Genre.
Da ist zum einen der Schauplatz: ausdrücklich nicht irgendwo im europa- oder nordamerikaähnlichen Kontext verankert und den Rest der Welt als bunte Kulisse nutzend, in der Ungeheuer, Geister und „Wilde“ ihr Unwesen treiben, sondern diese ‚Fremde‘ nativierend und ihre Eigenheiten positiv in den Vordergrund stellend. Wie das ‚parallele‘ Kairo mag auch Tal Abisi in einem gleichermaßen mystischen wie alltäglichen Afrika liegen; der Autor drückt sich bezüglich der Geografie seiner Welt vage aus.
Tal Abisi und seine Bewohner wirken nicht „exotisch“, sondern interessant, obwohl sie ‚anders‘ sind - dies jedoch auf eine Weise, die rein gar nichts mit der weihevollen Pseudo-Mystik besonders der „heroischen“ Fantasy zu tun hat. Die Menschen (und Monster), die in Tal Abisi leben, betrachten ihr Dasein als gänzlich normal. So dürfte es realistisch sein in einer Welt, in der Zauberei Teil des Alltags ist und nur gefürchtet wird, wenn sie sich unkontrolliert von ihren Fesseln löst.
Ordnung muss sein - irgendwie ...
Ungeachtet der theoretisch unbegrenzten Möglichkeiten, die aus übernatürlicher Macht resultieren, unterliegt auch diese Welt festen Regeln, denen selbst die „Götter“ (mehr oder weniger bereitwillig) unterliegen. Dies spiegelt sich in einem Regelwerk wider, das auch die Assassinen einbezieht. Es sind oft verdrehte, auch körperlich gezeichnete Meuchelmörder, denen Eveen und Himmel im Laufe ihrer Ermittlungsflucht - das von diesem Rezensenten geschaffene Wort trifft es genau! - begegnen. Ungeachtet dessen wagt es niemand, an der elementaren Gründlichkeit besagter Regeln zu rütteln.
Dies versucht nur Eveen; nicht aus Wagemut oder Trotz, sondern aus reiner Not, weil sich die von ihrem lange unsichtbar bleibenden Feind aufgestellten Forderungen ungeachtet fauler Tricks scheinbar nicht in Frage stellen lassen. Sie stellt sich damit gegen die ganze Welt, was natürlich in der Absicht des Verfassers liegt, der auf diese Weise an der Spannungsschraube dreht. Immer wieder stößt er Eveen und Himmel in neue, aussichtslose Situationen, aus denen sie dennoch in letzter Sekunde entkommen, um sich umgehend erneut dorthin aufzumachen, wo die Spinne in ihrem sorgfältig gespannten Netz auf sie wartet.
In der Tat kommt es zu einer finalen Konfrontation der spektakulären Art. Clark bedient sich hier eines Höhepunkt, den er dem klassischen Rätselkrimi entliehen hat: Sämtliche Beteiligte dieser Geschichte kommen zusammen, um einerseits entlarvt zu werden, während andererseits - dies ist der Fantasy-Faktor - die Aufdeckung verruchter Taten nicht das Ende darstellt, sondern sich eine vom Genre definierte Auflösung anschließt: Götter fühlen sich nicht an die Gesetze der Irdischen gebunden. Eveen hat den, der sie und Himmel tot sehen will, demaskiert und seine niederen Beweggründe offengelegt. Das allein interessiert die auf den Plan gerufene Aeril nicht. Also muss sich Eveen im Wettlauf mit dem Tod noch etwas ausdenken, um diesem Schicksal zu entgehen.
Im Zweifel für die Angeklagte
Ist unsere Welt zynisch geworden? „Die toten Katzen-Assassinen“ ist eine im heiteren Ton erzählte, beschwingte Fantasy-Mär (deren Originaltitel übrigens mit „Die toten Katzenschwanz-Assassinen“ übersetzt werden müsste). Nichtsdestotrotz gibt es drastische Szenen, in denen verletzt, verstümmelt, gefoltert und getötet wird. Das ist ‚komisch‘, wenn man die Maßstäbe des Schwarzen Humors anlegt, dem im Widerspruch zwischen Tat und Beschreibung oder Kommentar eine eigene Botschaft innewohnt. Nicht immer lässt Clark diese Absicht erkennen. Manche Szene und vor allem mancher Dialog wirkt einem Film von Quentin Tarantino entliehen: Im Angesicht von Tod und Wahnsinn reden die Protagonisten über absurd banale Dinge, zeigen selbst Götter ‚menschliche‘ Schwächen. (Dass Aeriel sich jamaikanisch-kreolisch ausdrückt, konnte nach Auskunft der Übersetzerin nicht den Weg ins Deutsche finden.)
Damit diese Rechnung aufgeht, muss der Kontrast möglichst deutlich sein; eine Herausforderung, die Clark nicht durchweg meistert. Manchmal wirken seine Bemühungen, grotesk und witzig zu sein, in ihrem Misslingen eher peinlich. Hinzu kommt das Bemühen, Eveen gleichzeitig als Attentäterin und als Sympathieträgerin zu gestalten. Also muss die gefürchtete „Ausweiderin“ vorgeblich widerwillig Zeugen zu Wort kommen lassen, die ihre Taten als gerechtfertigte Selbstjustiz und Akte des Mitleids dar- bzw. bloßstellen. Wie dies der Story schadet, macht Clark unfreiwillig in einem finalen Absatz deutlich, in dem er solche Skrupel ablegt und eine Eveen blutig zu Werk gehen lässt, die sich plötzlich authentisch in ihre Welt einfügt.
Bis es soweit ist, unterhält der Autor mit einer Hetzjagd, die immer wieder durch bizarre Widersacher und Zufälle unterbrochen wird. Stück für Stück enthüllt sich die Hintergrundstory, die nach ihrer Enthüllung noch einmal in Frage gestellt wird: Clark hat kein Problem, auch die Science Fiction in sein erzählerisches Konzept einzubeziehen. Da er sein Garn schon nach 240 Seiten zum Finalknoten schürzt, stellt sich Langeweile nicht ein. Die Geschichte ist so lang oder kurz, wie ihre Idee sie trägt, und angefüllt mit Figuren und Schauplätzen, die das Primärgeschehen bereichern und unterstützen!
Fazit:
Moderne, die traditionellen Regeln des Genres durchaus mutwillig ignorierende bzw. neu interpretierende Fantasy, deren Autor eine nicht originelle, aber solide Geschichte ideenreich anreichert, um das turbulente Geschehen in Gang zu halten, ohne es unnötig in die Länge zu ziehen.

P. Djèlí Clark, Cross Cult

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