Dungeon Crawler Carl: Entertainment ist Pflicht

  • Fischer
  • Erschienen: Februar 2026
  • 1
Dungeon Crawler Carl: Entertainment ist Pflicht
Dungeon Crawler Carl: Entertainment ist Pflicht
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Marcel Scharrenbroich
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonAug 2026

Barfuß und in Unterhose dem Weltuntergang entgegen

Happy New Year…, B*tch

Das Jahr fängt so richtig schön scheiße an. Der 27-jährige Carl, ein Küstenwache-Veteran in bester körperlicher Verfassung, hat gerade herausgefunden, dass seine Freundin Bea ihn während eines Silvester-Urlaubs mit ihrem Ex beschissen hat. Ihr Social-Media-Account hat dies verraten, woraufhin Carl ihr liebenswerterweise gleich mal die Koffer packt, damit ihr Auszug nach dem Heimkommen schnell und unkompliziert vonstattengehen kann. Damit reißen die schlechten Neujahrs-Neuigkeiten aber nicht ab. Während er noch Beas eingebildete Perserkatze hütet, die die Fremdgeherin mit dem saudämlichen Namen Prinzessin Donut gestraft hat, entwischt das flauschige Vieh nach draußen. Trotz Eiseskälte eilt Carl ihr hinterher, irgendwie mag er das stoische Tierchen mit dem platten Gesicht halt. Notdürftig mit einer Lederjacke und pinken Crocs bekleidet, was jetzt modisch nicht zwingend zu seinen Boxershorts passt. Als ihm so der frostige Nachtwind um die blanken Waden bläst, passiert dann das, was seinen eh schon dürftigen Tag komplett macht: die Erde wird von Aliens angegriffen… und die machen keine halben Sachen.
FASHION-SKILL: -3

Der Apartment-Komplex, in dem er eben noch die letzten Reste seines Beziehungslebens in Pappkartons verfrachtete, zerbröselt vor seinen Augen. So wie ziemlich alles um ihn herum. Irgendein dämliches Alien-Syndikat, welches quer durch sämtliche Sonnensysteme und darüber hinaus wohl eine große Nummer ist, fordert den Anspruch auf das gesamte Elementarvorkommen unseres bis eben noch recht wohnlichen Planeten ein. Grund ist ein bürokratischer Scheiß, da die Erde wohl versäumt hat, irgendwelche Abkommen einzuhalten. Tja, wer kennt das nicht? Einmal das Kleingedruckte nicht gelesen und >zack!<… haben sie dich an den in deinen Boxershorts baumelnden Eiern. Hohlräume werden zermalmt, Rohstoffe abgebaut.

Da die Aliens aber welche der lustigen Sorte sind, die nix gegen gutes Entertainment haben, lassen sie die paar Millionen Menschen, die den Überraschungsangriff überlebt haben, um ihre ungewisse Zukunft kämpfen. Live, in Farbe und quer durch die Galaxis gestreamt. In einem 18-Level-Welt-Dungeon können die sogenannten „Crawler“ zeigen, aus was für einem Holz sie geschnitzt sind. Ohne zu wissen, welche Gefahren in den finsteren Dungeons auf sie lauern, müssen sie sich in einer bestimmten Zeit durch die unterschiedlichen Ebenen schlagen. Zähnefletschende Kobolde, blutrünstige Monstrositäten und tödliche Fallen lauern an jeder Ecke, während die „Crawler“ sich mit jedem ausgeschalteten Feind hochleveln können. Ein paar Erfahrungspunkte hier, eine prall gefüllte Lootbox da, und schon bekommt das „Spiel“ den nötigen Pfiff. Carl und Prinzessin Donut haben zwei Arschkarten gezogen, keine Frage… aber sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Doch aller Anfang ist schwer… und schmerzhaft… und blutig…
SURPRISE-BONUS: +10x2

LitWAS?

Matt Dinnimans Überraschungs-Hit „Dungeon Crawler Carl“ zählt zur Gattung der LitRPGs. So beschreibt man das literarische Fantasy-Subgenre, welches sich an klassischen Rollenspielen orientiert. Am bekanntesten sind wohl die Pen-&-Paper-Spiele „Dungeons & Dragons“, „Warhammer 40.000“ oder „Das Schwarze Auge“, während Gamern das Prinzip von Videospielen wie „Diablo“, „The Witcher“, „Fallout“, „The Elder Scrolls“ oder natürlich dem MMORPOG (Massively Multiplayer Online Role-Playing Game) „World of Warcraft“ vertraut sein dürfte. Wie bereits erwähnt, geht es darum, seine Attribute stets zu verbessern, um mit wachsenden Aufgaben bzw. schwierigeren Gegnern so verfahren zu können, dass diese einem nicht mit einem Angriff die Lampen austreten. Offensiv- und Defensiv-Fähigkeiten wollen optimiert werden, während Muskelkraft und Grips ebenfalls nicht zu unterschätzen sind. Nahkampf, Fernkampf, sogar Magie gibt es zu entdecken. Eine widerstandsfähige Rüstung sollte ebenfalls angelegt sein und es kann nicht schaden, eine gute Bandbreite unterschiedlicher Waffen im Inventar zu haben. Denn die Gefahr, dass der nächste Gegner der letzte sein könnte, ist hier allgegenwärtig. Besiegte Gegner werden mit Erfahrungspunkten belohnt, die den allgemeinen Zustand nach oben schrauben, und besonders happige Gegner droppen nach dem Sieg spezielle Lootboxen von unterschiedlich hoher Wertigkeit.
50/50-SKILL: 50/50

Das Genre LitRPG (Literary Role-Playing Game) verbindet all diese Elemente mit einer gedruckten Geschichte, was sich immer größerer Beliebtheit erfreut. „He Who Fights with Monsters“ von Shirtaloon (ab Oktober 2026 ebenfalls im Programm von FISCHER Tor), „Primal Hunter“ von Zogarth, „Deadworld Isekai“ (KNAUR) oder „Die Eisraben-Chroniken“ von Richard Schwartz (PIPER) sind prominentere Beispiele, doch auf dem Selfpublishing-Markt ist die Auswahl noch am größten.

Dort begann auch Dinniman mit „Dungeon Crawler Carl“, doch nach überwältigendem Erfolg rissen sich die namhaften Verlage geradezu nach seiner Reihe. Seit 2020, als der Autor während der Pest… äh, Pandemie kräftig in die Tasten hämmerte, ist die Reihe im Original auf stattliche acht Bände angewachsen. Mit Stand vom Juli 2026 wurden mehr als 14 Millionen Einheiten verkauft, was natürlich die üblichen Folgen nach sich zog und noch immer zieht: Via Crowdfunding wurde in Rekordzeit ein Tabletop-RPG von RENEGADE GAME STUDIOS finanziert, während der amerikanische „Free Comic Book Day“ Anfang Mai 2026 ebenfalls voll im Zeichen von „Dungeon Crawler Carl“ stand. Ausgabe #0 des Publishers VAULT COMICS, die das erste Kapitel der mega-erfolgreichen WEBTOON-Reihe enthielt und auf die erste Graphic-Novel-Veröffentlichung einstimmen sollte, entwickelte sich zum regelrechten Hype, sodass manche Händler den Gratis-Comic sogar zum Kauf anboten und der Zweitmarkt auf den bekannten Portalen richtig florierte. Die reguläre „FCBD“-Ausgabe wird noch immer für ein ordentliches Sümmchen gehandelt, während limitierte Variant-Motive komplett durch die Decke gehen. Na, da will ich doch hoffen, dass sich der Aufwand, gleich mehrere Quellen anzuzapfen, um lediglich ein Exemplar in Händen zu halten, gelohnt hat… schließlich soll das Mistding mir mal den Lebensabend finanzieren!
FINANCIAL SKILLS: -9,50€

Hollywood hat natürlich – wie sollte es anders sein – ebenfalls angebissen. Für PEACOCK adaptieren Showrunner Seth MacFarlane („Family Guy“, „Ted“, „The Orville“) und Chris Yost den Stoff bei MacFarlanes Produktionsstudio FUZZY DOOR PRODUCTIONS. Yost, Comic-, Film- und Fernseh-Autor, der unter anderem an „The Mandalorian“ und den „Thor“-Filmen „The Dark World“ und „Ragnarok“ mitgeschrieben hat, soll auch bei der „Dungeon Crawler Carl“-Serie kreativ in die Tasten hauen, während er, MacFarlane und Dinniman die Produzenten-Zügel in der Hand halten. Bisher ist lediglich bekannt, dass man für die Stimme von Prinzessin Donut (hatte ich nicht erwähnt, dass das pelzige Plattgesicht sprechen kann? Ich dachte, das versteht sich von selbst…) den bekannten Voice-Actor Jeff Hays gewinnen konnte. Kein Zufall, denn Hays spricht in den überaus erfolgreichen US-Audiobooks sämtliche Rollen der Reihe.
DIALECT-SKILL: +100

Metzeln! Looten! Fluchen!

Unterm Strich ist der erste Teil der „Dungeon Crawler Carl“-Reihe ein großartiger Spaß, bei dem es nicht zimperlich zur Sache geht. Gegner werden gnadenlos ausgeweidet oder zerquetscht und auch verbal geht Matt Dinniman in die Vollen. Mir persönlich hat das (und jetzt tut bloß nicht überrascht…) sehr gefallen, denn hier halten wortgewandte Rededuelle zwischen Carl und Euer Hoheit, prustender Schenkelklopfer-Humor und aus dem Nichts auftauchende Gag-Bomben eine erstaunliche Balance mit den leisen Momenten, in denen es auch mal moralisch und nachdenklich wird. Denn natürlich gibt es auch in der interstellaren Entertainment-Welt Parallelen zu unserer Realität, in der Klicks und Selbstvermarktung oft mehr zu zählen scheinen, als Anstand, Nachsicht und Mitgefühl. Allerdings drückt Dinniman das den Lesern nicht direkt mit beiden Daumen in die Augen, sondern lässt die Kritik clever durchschimmern.

Über allem thront aber natürlich die wahnsinnig unterhaltsame Dynamik zwischen den Hauptprotagonisten. Lediglich in der Mitte des Buches hakt es mal kurzzeitig, bevor es im letzten Drittel aber mit Vollgas durch die Dungeon-Flure geht. Spätestens dann hat man das (nicht selten unhöfliche!) Belohnungssystem der Alien-KI auch verinnerlicht, sodass man die Rollenspiel-Elemente auch als „Normal“-Leser nicht mehr als Ausbremser im Lesefluss sieht. Wenn der eigentliche Sidekick im späteren Verlauf dann einen eigenen Sidekick bekommt – so viel darf verraten werden –, konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten. Aber lest selbst…
TEASE-SKILL: +10

Fazit:

Ein starker Auftakt, der dem Hype um „Dungeon Crawler Carl“ als Gesamtpaket jetzt schon gerecht wird. Herrlich derber Humor, satte Action und ein ebenso witziges wie gut durchdachtes RPG-System. Den kleinen Schlenker in der Mitte verzeiht man der Story gern, denn ansonsten würde ich wohl den Zorn von Prinzessin Donut zu spüren bekommen, die beleidigt ihre Mana-Leiste leert und mir Blitze durch den Arsch bläst. Und das kann man nicht wollen!
CAT-LOVER: +/-0

Dungeon Crawler Carl: Entertainment ist Pflicht

Matt Dinniman, Fischer

Dungeon Crawler Carl: Entertainment ist Pflicht

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