Tief unten im dunklen Wasser
- Festa
- Erschienen: Februar 2026
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Geist sucht Rache & Anschluss
Teenager Ali kämpft mit den üblichen Schwierigkeiten eines pubertär geprägten Lebens. Die familiäre Situation ist (stereo-) typisch angespannt; Mutter Claire leidet unter Depressionen und Stimmungsschwankungen, der Vater ist so einfühlsam wie ein Holzklotz. Dulcie Thornton, Claires Schwester, lässt sich selten blicken. Sie ist als Malerin erfolgreich und blickt prinzipiell nach vorn.
Mit ihrem aktuellen Vorhaben sorgt sie für Aufruhr: Dulcie will den Sommer in Gull Cottage verbringen. Das alte Ferienhaus der Familie liegt am Sycamore Lake im Hinterland des US-Staates Maine. Viele Jahre stand es leer, denn vor allem Claire hasst und meidet den Ort, will aber nicht damit herausrücken, was sie stört. Also schafft es die energische Dulcie, ihre Nichte ungeachtet der mütterlichen Klagen und Einwände zu überreden, mit ihr zu reisen. Sie möchte malen, und Ali soll ein Auge auf ihre dreijährige Cousine Emma - Dulcies Tochter - halten.
Es ist schön am See, aber auch ein wenig unheimlich. Zudem erinnern sich die Anwohner noch gut an eine Tragödie, die drei Jahrzehnte zuvor für Aufsehen sorgte: Ein Boot kenterte mit Claire, Dulcie und einem einheimischen Mädchen an Bord. Nur die Schwestern konnten sich retten. Nie konnte geklärt werden, was damals geschah.
Der Sommerurlaub lässt sich gut an, bis sich das Mädchen Sissy Ali und besonders Emma aufdrängt. Sissy ist dreist, aufdringlich, womöglich gefährlich - und unheimlich. Ali kann nicht feststellen, woher sie kommt, und im Ort kennt sie niemand. Die Situation spitzt sich zu, denn eine alte Rechnung muss beglichen werden ...
Der See ist nicht tief genug
Wer nach der Lektüre dieser Inhaltsskizze meint zu wissen, welchen Kurs dieser Geisterzug einschlagen wird, liegt leider richtig. Tatsächlich gibt es keine Möglichkeit, sich spoilerfrei über den Inhalt dieses Romans zu äußern, ohne die Katze aus dem Sack (oder dem See) zu lassen. Allerdings liegt es nicht im Interesse der Autorin, eine ‚richtige‘ Gruselgeschichte zu erzählen, in der die Identität gewisser Protagonisten möglichst lange im Schatten zu halten sind.
„Tief unten im dunklen Wasser“, erstmals erschienen bereits 2007, ist vor allem eine „Coming-of-Age“-Story, in der ein Mädchen „an der Schwelle zur Frau“ (wie es so schön & verdruckst heißt) einen Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten des Erwachsenseins bekommt. Ausnahmsweise geht es nicht um „Jungs“ und ihre emotionalen Schwerfälligkeiten, sondern um die Erkenntnis, dass Erwachsene an sich und Eltern (oder Tanten) ganz besonders nur Menschen sind.
Claire und Dulcie haben (scheinbar) in ihrer Kindheit einen Fehler begangen. Diesen würde man ihnen damals wie heute kaum vorwerfen, da sie mit der Situation überfordert waren. Das Opfer dieser Bootsfahrt denkt darüber jedoch anders. Sie ist Kind geblieben und wird daher weiterhin von Emotionen außerhalb des nüchternen Menschenverstandes geleitet. Dies ist erst recht verständlich, da sie sich ihrer Situation durchaus bewusst ist und begreift, dass ihr ein normales Leben verwehrt bleibt und sie gefangen ist in einer traurigen Existenz zwischen Diesseits und Jenseits.
Eine Frage der Kommunikation
Ali und Emma müssen ausbaden, was ihre Mütter verursacht haben. Unheimliche Ereignisse setzen ein, nachdem die beiden Mädchen und Dulcie in Gull Cottage eingezogen sind. Dem geht eine (sehr) lange Einleitung voraus, in der Mutter Claire zunehmend zerrüttet ‚andeutet‘, dass am und im Sycamore Lake Unerfreuliches auf die Mitglieder dieser Familie wartet.
Zunächst erzählt Autorin Hahn eine typische Geistergeschichte: Der Ort ist abgelegen, die Natur ungewohnt nahe, und tief im Wald gibt es einen vergessenen Friedhof. Auf ihre Weise ist Dulcie ebenso verschlossen wie ihre Schwester, was das verdrängte Kapitel der Familiengeschichte betrifft. (Warum es sie dennoch genau dorthin zieht, kann oder will uns Hahn nicht erklären.)
Dass eine Schuld nicht mit dem Tod endet, ist ein zentrales Motiv der klassischen Geistergeschichte. Solange die Sache nicht geklärt ist, geistert das Opfer umher und hält die Augen offen, falls sich die Verantwortlichen (oder ihre Nachfahren) vor Ort zeigen. Dann werden andere Saiten aufgezogen.
Was ist zu tun?
In der Regel drücken sich Geister vage aus, wenn man sie anspricht und auffordert auszusprechen, was sie eigentlich wollen. Sind sie Vertreter des Prinzips „Auge um Auge ...“, bedarf es keiner Worte, und es wird heftig. Doch Mary Downing Hahn versucht einen anderen Weg - und stellt unfreiwillig klar, wieso die meisten Autoren von „ghost stories“ auf diese Wendung verzichten.
Kommunikation mag der Schlüssel zur Verständigung sein, und Hahn will deutlich machen, dass dies auch im Kontakt mit Geistern zutrifft. Damit lässt sie allerdings endgültig die Luft aus einer ‚Geistergeschichte‘, deren Geheimnisse längst geklärt sind. Hahn betrachtet Hahn ihr Garn offensichtlich als Lektion für die Leser/innen der Generation Ali. Sie sollen lernen, was Verantwortung bedeutet, dass - es wurde schon erwähnt - auch Eltern nur Menschen sind und eine Schuld getilgt werden kann, ohne dass dafür buchstäblich Köpfe rollen müssen.
Diese Botschaft kleidet sich in die Gestalt einer Spukgeschichte von begrenzter Kraft. Geister, mit denen man Mitleid hat, verlieren ihren Schrecken, der in „Tief unten im dunklen Wasser“ nur ein Schwungrad für eine ‚versöhnliche‘ Story ist. Der Versuch, zwei Genres miteinander zu verknüpfen, funktioniert nicht, eine ‚unheimliche‘ Grundstimmung stellt sich nicht ein.
Flache Figuren im tiefen Wald
Schon die emotionalen Gefechte zwischen Dulcie, Claire und Ali folgen tief ausgetretenen Pfaden, erregen kein Mitgefühl, wirken schrill und aufgesetzt. Das liegt auch an der Beliebigkeit sämtlicher Figuren, deren Stimmungen von einem Absatz zum nächsten abrupt wechseln können. Gleichzeitig werden Emotionen so ausgiebig unterdrückt, dass man das Interesse verloren hat, wenn sie endlich entkorkt werden: Anders als die Protagonisten wissen wir Leser stets (zu) früh, welche ‚sensationelle‘ Entdeckung bevorsteht.
Klein-Emma ein echtes Ärgernis in ihrer stumpfen Entschlossenheit, dem erst bösen, dann plötzlich Mitleid erregenden Geist in jede Falle zu gehen: So dämlich sind Kinder ihres Alters nicht! Emma dient Hahn als Brechstange, wenn es gilt, dem Geschehen ‚Gefahr‘ einzuhauchen. Dann verschwindet sie irgendwie, und Ali rennt durch den Wald, um nach ihr zu suchen. Dies wiederholt sich zu oft, um als Spannungselement wirksam zu bleiben.
Darüber hinaus leidet dieser Roman unter seinem (deutschen) Erscheinungsumfeld. Wollte der Festa-Verlag das thematische Spektrum seiner phantastischen Veröffentlichungen unter Beweis stellen? Dieser Schuss geht nach hinter los bzw. erweist sich als Rohrkrepierer: (angejahrter) Soft- bzw. ‚Proto-Young-Adult‘-Horror, der zwar gut geschrieben, aber generisch und ideenarm ist.
Fazit:
Coming-of-Age-Drama im Gewand einer Geistergeschichte. Dass es im Finale anders kommt als erwartet, kann der Mischung aus künstlich aufgerührter Aufregung und Light-Grusel kein Leben oder gar Schrecken einhauchen: ein Jugendbuch, das heute selbst das einstige Zielpublikum verfehlen dürfte.

Mary Downing Hahn, Festa

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