The Red Winter - Macht ist eine hungrige Bestie
- Fischer
- Erschienen: Februar 2026
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Debüt mit Kinderkrankheiten
Red Winter ist der Debütroman des australischen Autors Cameron Sullivan, der den französischen Mythos von der Bestie des Gévaudan aufgreift und in einen Jahrhunderte umspannenden übernatürlichen Kontext einbettet. So verknüpft die Erzählung des Monsterjägers Sebastian Grave Ereignisse aus dem Römischen Reich, die Jungfrau von Orleans Jeanne d’Arc und die französische Revolution, bleibt dabei aber – wie im oft gezogenen Vergleich mit Abercrombies Devils – ziemlich humorvoll, trotz vieler sehr blutiger Szenen.
Solides Debüt
Gerade für einen Debütroman fallen viele Eigenschaften von Red Winter sehr positiv auf: die Sprache ist ausgezeichnet, die Dialoge und Szenerie sind beeindruckend lebendig und die Massaker und Actionszenen im besten Sinne abstoßend und mitreißend. Das fesselnde Worldbuilding integriert nicht nur antike Mythen und Theologien mit europäisch-ländlicher Folklore und dem Christentum des Mittelalters. Zudem sind einige Szenen überraschend berührend geschrieben, etwa als Sebastian und Co. dem Geist eines römischen Legionärs begegnen und ihm zur Erinnerung an seinen Tod und einer zumindest kurzzeitigen Errettung verhelfen, oder als sie eine durch Verrat und Erkenntnis wahnsinnig gewordene Wassernymphe erlösen müssen.
Grave selber ist eine überraschend moderne Mischung aus Indiana Jones und van Helsing. Dank eines Paktes mit dem mächtigen Dämonen Sarmodel, der seit mehreren tausend Jahren in seinem Geist wohnt, ist er unsterblich und kann auf die Kräfte seines „Gastes“ zurückgreifen. Zwar ist Sarmodel grundsätzlich eher unangenehm, die Co-Abhängigkeit zwischen den beiden und ihr häufig zärtlicher Umgang miteinander zeigen aber eine spannende Dynamik. Das Potenzial für die bereits angekündigte Fortsetzung (die die Hexenjagden im 15. Jahrhundert zum Thema haben soll) ist auf jeden Fall gegeben.
Noch verbesserungswürdig: Frauen
Allerdings krankt Red Winter durchaus an einigen Stellen. So ist der Umgang mit den weiblichen Figuren, ob Livia, Jeanne d’Arc oder die Kräuterfrau, oft extrem abwertend; so ist in „Red Winter“ die Argumentation der Kirche wahr, dass Jeanne d’Arc nur ein naives Mädchen ist. Und während Sarmodels übernatürliche Eskapaden von Grave rechtfertigt werden, wird Livias Verhalten ausschließlich negativ und misogyn kommentiert, obwohl sie als Sukkubus buchstäblich auf ihre Sexualität angewiesen ist (und diese regelmäßig zum Vorteil ihres Teams einsetzt).
Die Etablierung von Sarmodel als zusätzlichem Protagonisten ermöglicht eine Auslagerung des Narrativs ins innere Zwiegespräch zwischen ihm und Grave und könnte so, analog zu Pullmans Dæmonen, viel der notwendigen Exposition natürlich erscheinen lassen. Um den dokumentarischen Charakter der Erzählung zu unterstreichen hat der Autor sich dennoch für die Nutzung von zusätzlichen Fußnoten entschieden, die Begriffe oder Ereignisse nachträglich nochmals erklären und dadurch überflüssig erscheinen. Zudem sind sie oft übertrieben sarkastisch und werden damit sehr schnell nervig.
Eins der größten Probleme von Sullivans Debütroman sind allerdings die Figuren, die ohne Tiefe bleiben. Die Charaktere, die teilweise seit tausenden von Jahren miteinander verbunden sind sind – Grave, Sarmodel und Livia – haben erschreckend geringe Kenntnisse ihrer gegenseitigen Kräfte und Eigenschaften. Auch die Romanze zwischen Grave und Antoine erscheint flach, was in Ordnung wäre, sollte dem Leser nicht eine einzigartige Liebesgeschichte vermittelt werden. So erinnert dieser Teil der Geschichte an viele der üblichen Urban Fantasy- und Romantasy-Titel, in denen sich ein uraltes übernatürliches Wesen in einen eher unscheinbaren Menschen verguckt. Insgesamt ist Grave trotz seines gut ausgearbeiteten Hintergrundes und komplexen Situation in der akuten Geschichte ein eher langweiliger Protagonist.
Narrativ stellen die drei Erzählstränge, von denen zwei vergleichsweise extrem nah aneinander liegen, den Leser vor Herausforderungen; diese beiden stringent auseinander zu halten, wenn Figuren und Schauplätze sich überlappen und gerade mal zwanzig Jahre dazwischen liegen, ist nicht ganz einfach. Sullivan selber sagte in einem Interview, er habe sich „aus irgendwelchen Gründen“ für diese Struktur entschieden, was er „keinem anderen angehenden Autoren empfehlen würde“ – ein guter Rat. Die politische Stimmung, die schließlich zur Französischen Revolution führt, ist allerdings fein herausgearbeitet, wenn diese auch am Ende lediglich ein Symptom der übernatürlichen Machenschaften des Antagonisten ist und damit etwas unterkomplex bleibt.
Fazit:
T. Kingfisher nennt Sullivans Debüt „ambitioniert“, und das kann man im besten Sinne bestätigen: der Roman ist unterhaltsam, erfreut Freunde von historischer und paranormaler Fantasy gleichermaßen und bringt neue, spannende Ideen ins Genre. Für den neuen Abercrombie reicht es noch nicht, aber Ansätze sind auf jeden Fall bereits sichtbar.
Für die angekündigten Fortsetzungen würde man sich allerdings ein ausgewogeneres Verhältnis zu den weiblichen Figuren wünschen sowie ein Lektorat, das an einigen Stellen genauer auf Wiederholungen achtet. Dann sollte einer neuen Fantasy-Reihe, an der man als Genre-Leser nicht vorbeikommt, nichts mehr im Wege stehen.

Cameron Sullivan, Fischer

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