Menschen für den Mars

  • Moewig
  • Erschienen: August 1966
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Michael Drewniok
80°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMär 2026

Sieben Fragen an den raumfahrenden Menschen

Sieben Storys thematisieren Herausforderungen, denen sich der Mensch im Weltall wird stellen müssen:

- Isaac Asimov: Etwas über Robert Silverberg (About Robert Silverberg; 1965), S. 5-7

- Einleitung (Introduction; 1965), S. 8/9

- Der alte Mann (The Old Man; 1957), S. 10-17: Reaktionstempo und Nervenstärke bestimmen die Navigation im Weltall, was die Raumschiffpiloten enorm belastet.

- Menschen für den Mars (New Men for Mars; 1957), S. 18-54: Will der Mensch den Mars besiedeln oder dort ein ständig gefährdeter ‚Gast‘ bleiben? Der Zufall fällt die Entscheidung.

- Die Herausforderung (Double Dare; 1956), S. 55-74: Wissenschaftler von der Erde lassen sich auf einen Wettbewerb mit ‚Kollegen‘ von einem fremden Planeten ein - und werden von der eigenen Tüchtigkeit mitgerissen.

- Das Urteil der Fremden (The Overlord's Thumb; 1958), S. 75-100: Ein Mensch tötet versehentlich einen Außerirdischen. Soll - oder darf - man ihn wie gefordert dem Gericht der Fremden überlassen?

- Die Erbschaft des Todes (Ozymandias; 1958), S. 101-119: Vor Äonen ging dieses Intelligenzvolk unter, aber das Wissen um ihre spektakulären Waffen hat sich erhalten.

- Das Ultimatum (Certainty; 1959), S. 120-138: Wie soll man seine Forderungen durchsetzen, wenn das Gegenüber das Menschenhirn manipulieren kann?

- Die Welt der Adaptierten (Misfit; 1957), S. 139-159: Sie wurden an die Verhältnisse fremder Planeten angepasst und sehen ‚anders‘ aus. Die ‚echten‘ Menschen verachten sie, aber nun ist eine Gelegenheit zur Rache gekommen.

Was (und wer) erwartet uns da oben?

In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre begann der Wettlauf ins Weltall. USA und UdSSR feuerten in kurzen Abständen immer neue Raketen mit Satelliten in den Himmel. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Menschen zustiegen und sich weiter in jene Sphäre jenseits der Erdatmosphäre vorwagten, die ebenso ängstigte wie lockte. Die Stimmung war positiv, das Ziel nicht nur neues Wissen, sondern auch die Ausbeutung potenzieller All-Schätze. Hinzu kam ein militärisch geprägtes Denken, das den Weltraum als strategischen Ort wahrnahm, von dem aus man buchstäblich das ‚Dach‘ über dem Land des Gegners zum Einsturz bringen konnte.

Robert Silverberg war unter denen, die sich diese vielversprechende Zukunft durch den Kopf gehen ließen. Als Science-Fiction-Autor griff er noch hypothetische Fragen und Probleme auf, um sie unterhaltsam darzustellen. Eine Zuspitzung auf das jeweilige Thema war auch deshalb erforderlich, weil eine Kurzgeschichte nur beschränkten Raum für eine Thematisierung bot, die nicht in die Tiefe gehen konnte - und sollte, um den Langmut einer Leserschaft, die an intensiven naturwissenschaftlichen oder gar philosophischen Ausführungen wenig interessiert war, nicht zu überfordern.

Der Blick in die Zukunft basierte auf den Erkenntnissen der Gegenwart. Was 1965 - in diesem Jahr erschien die Kollektion „To Worlds Beyond“ erstmals - Science Fiction im Sinne der ‚Beschreibung‘ einer Welt von Morgen war, wirkt heute bestenfalls nostalgisch. Ein gutes Beispiel ist die Story „Der alte Mann“. Raumschiffe werden „auf Sicht“ gesteuert, was hohe Anforderungen an die Piloten stellt. Der Plot ergibt nur in einer Welt Sinn, die weiterhin ausschließlich analog funktioniert.

Neue Welten, bekannte Probleme

Silverberg ist Realist genug, um eine Binsenweisheit zu berücksichtigen: Wohin der Mensch auch reist, seine (ungelösten) Probleme begleiten ihn! Das ist eine unwillkommene Wahrheit dort, wo nur die Unendlichkeit die Grenze zu sein scheint. Aber ist der Mensch fähig oder willens, sich den Forderungen eines erdfernen Daseins tatsächlich zu stellen?

In „Menschen für den Mars“ bringt es Silverberg auf den Punkt: Die ‚offizielle‘ Marskolonie ist ein Stück importierter Heimaterde, die unter hohem Aufwand das Überleben von ‚Kolonisten‘ ermöglicht, die außerhalb ihrer Kuppelbasis nur im Schutz eines Raumanzugs existieren können. Parallel dazu existiert eine ‚Schattenkolonie‘, für die gezielt hochgebirgstaugliche Menschen auf den Mars gebracht wurden, die nun systematisch darauf vorbereitet werden, sich ohne Panzer auf der Oberfläche zu bewegen. Dass dies erst den Kindern oder Enkeln möglich sein wird, ist einkalkuliert. Welches Vorgehen wird dem Ziel einer Mars-Kolonie gerechter? Beide Seiten können Vor- und Nachteile geltend machen bzw. müssen diese zugeben. Die Entscheidung fällt, und es dürfte kein Spoiler sein, dass aus der Konfrontation eine Kooperation wird, die einen dritten Weg beschreitet.

Wie werden wir Menschen uns verhalten, wenn wir in der galaktischen Ferne auf ebenfalls intelligente Wesen stoßen? Die Faszination dürfte sich mit Misstrauen mischen: Wollen sie uns womöglich erobern? Sind sie uns überlegen? Können wir auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren? In „Die Herausforderung“ geht Silverberg solche Fragen eher humorvoll an: Die Menschheit trifft ein Fremdvolk, das ähnliche Hintergedanken hegt. Der Autor legt die daraus möglichen Konflikte rasch ad acta, um ein Garn zu spinnen, dessen Wendung ins witzig-Unglaubliche den eigentlichen Unterhaltungswert darstellt.

Wer sind wir, wer wollen wir sein?

„Das Urteil der Fremden“ ist eine ernsthafte Story mit Botschaft: Was machen wir, wenn wir auf Außerirdische stoßen, die uns ‚unterlegen‘ sind? Wir freunden uns mit ihnen an, aber meinen wir es ernst, wenn wir ihnen versichern, ihre Gastfreundschaft zu achten? Hier soll sich ein Erdmensch einer gänzlich fremden Gerichtsbarkeit unterwerfen. Das Dilemma: Die Erdlinge sind mächtig genug, die indigenen ETs gewaltsam daran zu hindern. Es wäre das Aufleben eines irdischen Kolonialismus’, der in der Zukunft überwunden sein sollte, wenn „Fortschritt“ sich nicht nur auf Naturwissenschaft und Technik beschränkt. Silverberg spielt die Konsequenzen didaktisch durch, aber er sorgt - wohl auch mit dem Gedanken an sein Publikum - für eine versöhnliche Auflösung des Konflikts.

„Das Ultimatum“ gipfelt in einem Finale, das einer Leserschaft, die sich während des „Kalten Krieges“ stets vom „Ostblock“ unterwandert fühlte, Unbehagen bereitet haben dürfte. „Kommunismus“ wurde mit „Gehirnwäsche“ gleichgesetzt. Außerdem ‚wusste‘ man im Westen von Experimenten in der Sowjetunion und China, die auf die suggestive Beeinflussung patriotischer US-Gehirne zielten. So musste es für Grusel sorgen, wenn man sich vorstellte, trotz des globalen Wettrüstens verwundbar zu sein!

Dass Silverberg wohl eine andere Deutung im Sinn hatte, die sich eher gegen die zeitlose Kurzsichtigkeit des Menschen richtet, könnte die Story „Die Erbschaft des Todes“ belegen. Wissenschaftler und Militärs erforschen gemeinsam das All, aber letztere brechen die Expedition rigoros ab, als der Zufall ihnen das Archiv eines untergegangenen Volkes zuspielt: Nur die Pläne für jene Superwaffen, die besagte Außerirdischen umgebracht haben, interessieren, während das übrige Wissen als nebensächlich gilt.

„Die Welt der Adaptierten“ dreht sich um diese brisante Frage: Könnte der Rassismus der Gegenwart seinen Weg in die Zukunft finden? Weil die an das Leben auf fremden Planeten genetisch angepassten Menschen ‚seltsam‘ aussehen, werden sie ausgegrenzt. Silverberg geht davon aus, dass auf beiden Seiten keine Einsicht diesen Irrweg beenden wird. Seine Geschichte nimmt ein deprimierendes, weil plausibel wirkendes Ende. Dieses Mal gibt es kein Hintertürchen, die in eine ‚bessere‘ Welt führt, deren Bewohner wie in „Menschen für den Mars“ und „Das Urteil der Fremden“ ihre Lektion gelernt haben.

Anmerkung: Einmal mehr wurde diese Sammlung aufgrund der in Deutschland üblichen Seitennormierung für die Übersetzung gekürzt. Es fehlen die Storys „Collecting Team“ und „Mind for Business“. Erstere findet sich als „Eine Goldgrube für Zoologen“ in der Silverberg-Kollektion „Der neutrale Planet“ (1977; Goldmann-SF 23240), letztere wurde bisher nicht übersetzt.

Fazit:

Sieben Erzählungen kreisen um mögliche Herausforderungen, die sich eine raumfahrende Menschheit der Zukunft wird stellen müssen. Die daraus resultierenden Probleme werden manchmal einvernehmlich, manchmal gar nicht gelöst, wobei der Unterhaltungsfaktor im Vordergrund steht: dennoch mehr als naiv-nostalgische SF der Vergangenheit.

Menschen für den Mars

Robert Silverberg, Moewig

Menschen für den Mars

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