Die Blumen der Mumie Neith

  • Edition Dornbrunnen
  • Erschienen: September 2025
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Michael Drewniok
80°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMär 2026

20 zu spät erkannte Schattenseiten der Wirklichkeit

20 (zu) lange aus dem Blickfeld verschwundene Phantastik-Erzählungen aus den Jahren 1892 bis 1937:

- Lars Dangel: Begleitwort, S. 7-9

- Felix Dörmann: Das Elixier des Lebens (1924), S. 11-20: Um wieder wunderschön zu sein, benötigt die ägyptische Prinzessin nicht die Liebe, sondern das Blut ihres Verehrers.

- Walter Küster: Der Andere (1927), S. 21-24: Der unheimliche Doppelgänger trachtet seinem ‚Original‘ nach dem Leben.

- Frigyes Karinthy: Röntgenland (Röntgenorzág; 1926), S. 25-29: Ein Abstecher in das Land der grenzenlosen und damit moralisch bedenklichen Durchsichtigkeiten.

- Josef Klemens Kreibig: Die Totenfliege (1892), S. 30-38: Der perfekte Mord scheitert an einem unheimlichen Insekt.

- Anton Siebenstein: Der Zeit-Überwinder (1926), S. 39-44: Endlich kann er die Fehler der Vergangenheit auslöschen, doch die Zeit lässt sich nicht überlisten.

- Mihály Babits: Das fliegende Dorf (A repülő falu; 1920), S. 45-58: So groß ist die Sehnsucht der Flüchtlinge nach ihrem Heimatort, dass er sich in die Lüfte erhebt und ihnen folgt.

- William Livingston Alden: Wagnerium (Wagnerium; 1906), S. 59-67: Zu früh glaubt der erfolgreiche Wissenschaftler an die Nebenwirkungslosigkeit seiner Entdeckung.

- Pierre Mille: Der den Tieren gebietet (N. N.; 1930), S. 68-72: Zur Ausschaltung der Nebenbuhlerin heuert die eifersüchtige Rivalin einen Zaubermeister an.

- Jakob Michael: Die Idee des Doktor Livius (1929), S. 73-84: Um sich den Weg zu Reichtum und Wissen zu öffnen, benötigt er das lebenswichtige Organ eines ahnungslosen Mitmenschen.

- Edith Heralth: Die Flucht von der Erde (1926), S. 85-93: Da ihr die Polizei hart auf den Fersen ist, willigt die Giftmischerin ein, als sie ein außerirdischer Weltraumfahrer in seinem Raumschiff mitnehmen will.

- Robert Hugh Benson: Der alte Beichtstuhl (N. N.; 19?), S. 94-99: Was einst in der Kirche geschah, hat sich förmlich in das Holz eingefressen.

- Ferenc Herczog: Baron Rebus (Báró Rébusz; 1893), S. 100-112: Muss der ideale Ehegatte unbedingt ein Mensch sein?

- Frank R. Stockton: Das magische Ei (The Magic Egg; 1894), S. 113-122: Nach der Aufdeckung des Tricks wird der ‚Magier‘ erst recht für einen Lumpen gehalten.

- A. M. Fellmann: Die Blumen der Mumie Neith (1929), S. 123-134: Sie ist nicht so tot, dass sie sich den Raub ihres Lieblingsschmuck gefallen ließe.

- Mór Jókai: Der Unverwundbare (N. N.; um 1900), S. 135-149: Keine feindliche Kugel kann ihn treffen, aber natürlich gibt es einen Haken.

- Lisa Honroth-Loewe: Die Kakteen (um 1932), S. 150-156: Er kennt sich mit seltenen Pflanzen so gut aus, dass er sie als Instrument seiner grausigen Rache einsetzen kann.

- Max Hirschfeld: Die Vergangenheitsmaschine (1921), S. 157-161: Was eine „Zeitschleife“ bedeutet und auslösen kann, wird dem genialen Erfinder zum Verhängnis.

- Leopold von Günther-Schwerin: Unkas (um 1920), S. 162-184: Wer in dem alten Haus umgeht, widersteht dem aufgeklärten Menschenverstand seiner Gegner mit Leichtigkeit.

- Emil Lucka: Sphex (1924), S. 185-190: Was fehlgeleiteter Forschergeist unkontrolliert in die Welt entließ, könnte der Menschheit ein grässliches Ende bereiten.

- Leonhard Stein: Der Gürtel des Marco Polo (1920), S. 191-199: Wer ihn anlegt, wird ein übles Ende finden, was der aktuelle Eigentümer zu spät als Tatsache akzeptiert.

- Biografien, S. 200-213

- Bibliographische Angaben, S. 214-217

Sie warten in den Tiefen alter Archive

Wieder hat sich Sammler und Herausgeber Lars Dangel daran gemacht, Archive nach alten oder obskuren, auf jeden Fall vergessenen Magazinen und Zeitschriften zu durchforsten, in denen einst phantastische Erzählungen erschienen. Diese sind nicht immer, aber oft viel zu schade für jenen Limbo, in dem sie gelandet sind. Dieses Mal hat Dangel sein Netz ein wenig weiter ausgeworfen. Zu Werken deutscher Autoren gesellen sich Übersetzungen - aus den USA, aber auch aus Frankreich sowie aus dem südosteuropäischen Raum: Bevor die Nazi-Barbaren dort die Menschen und ihre Kulturen vernichteten, konnten Autoren aus Serbien, Ungarn u. a. Ländern problemlos in deutschen Publikationen veröffentlichen.

Einmal mehr bestätigt sich, dass Phantastik kein Privileg angelsächsischer Prägung ist. Selbst die klassische Gruselgeschichte, die man gern in England lokalisiert (in dieser Sammlung repräsentiert durch Robert Hugh Benson, 1871-1914), fand auch in Europa formvollendet statt, wie Felix Dörmann (d. i. Felix Biedermann, 1870-1928), Josef Klemens Kreibig (1863-1917), A. M. Fellmann (d. i. Mia Fellmann, 1896-nach 1947) und besonders Leopold von Günther-Schwerin (1865-1945) unter Beweis stellen: Sein Geist kann es in Sachen bösartiger Heimtücke mit jedem britischen Schlossgespenst aufnehmen! Walter Küster (?-?) setzt eine einst sehr beliebte Schreckensgestalt ein - den „Doppelgänger“ als Spiegelbild oder Schatten, das und der dem ‚originalen‘ Menschen Gestalt und Leben rauben will.

Auch der Schritt zum Horror, der dem Schrecken handfest Gestalt verleiht, sodass er mit hässlichen oder tödlichen Folgen über seine Opfer herfällt, erfolgt beherzt, also blutig (Jakob Michael, ?-?) oder buchstäblich zersetzend (Lisa Honroth-Loewe, 1890-1947; Emil Lucka, 1877-1941): Das Regelwerk des Entsetzen ist international und wird höchstens lokal interpretiert; hinter Leonhard Steins (?-?) ehrgeizig in mittelalterlich klingenden Worten und Sätzen erzählten Geschichte werden bekannte Gruselmotive sichtbar.

Jenseits des Spuks

Das halbe Jahrhundert vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war eine Ära tiefgreifender politischer, technischer und kultureller Umbrüche, die literarisch aufgegriffen wurden. Frigyes Karinthy (1887-1938) bedient sich der noch jungen Röntgentechnik, die es ermöglicht, buchstäblich in den Menschen hineinzublicken. Aus heutiger Sicht hält sich der Unterhaltungswert dieser Geschichte in Grenzen, aber für die Zeitgenossen mag die Unmittelbarkeit der weiterhin wie ein Wunder erscheinende Wirkung der Röntgenstrahlen für Handlungsschwung gesorgt haben.

William Livingston Alden (1837-1908) weiß die schon vor Einstein, Planck oder Heisenberg traditionelle Kenntnisgrenzen sprengende Physik zu instrumentalisieren. Zwar spielt die schon damals stereotype Figur des einsam in seinem Privatlabor forschenden, ebenso genialen wie verrückten und verschrobenen Wissenschaftlers die Hauptrolle, aber immerhin gipfelt das Geschehen in der womöglich ersten literarischen Schilderung einer atomaren Explosion. Eher Mittel zum eigentlichen erzählerischen Zweck ist dagegen jener Roboter oder besser Automat, den Ferenc Herczog (1863-1954) ironisch als Symbol einer geradezu skrupellosen Suche nach dem ‚idealen‘, d. h. an- und widerspruchslosen, jederzeit kontrollierbaren Lebensgefährten entwirft. Ebenso nebensächlich ist der phantastische Aspekt für Frank R. Stockton (d. i. Francis Richard Stockton, 1834-1902), der das geschilderte Wunder als Treibriemen einer Satire benötigt, die sich um ein ad absurdum geführtes moralisches Dilemma rankt.

Auch Astronomie und Raketentechnik schritten fort. Ferne Planeten rückten dank leistungsfähiger Geräte näher, und selbst der Flug in den Raum schien nur eine Frage der Zeit zu sein. In dieser Sammlung setzt Edith Heralth (d. i. Edith von Bitter, 1897-1945) diverse Topoi der Science Fiction ein, obwohl sie nicht die Technik favorisiert, sondern die Wunder bzw. Schrecken des Außerirdischen betont (bevor sie mit einer lahmen Final-‚Überraschung‘ abrupt abbricht; noch ärger versagt höchstens Pierre Mille, 1864-1941, der eine nur ‚halbe‘ Geschichte höhepunktfrei verenden lässt). Anton Siebenstein (?-?) und Max Hirschfeld (1860-1940) kopieren keineswegs H. G. Wells bzw. dessen „Zeitmaschine“. Stattdessen beschäftigen sie sich mit Problemen und Zeit-Paradoxen, die angeblich erst die SF-Autoren nach 1930 erkannten, und stellen amüsant zielgerichtete Fragen.

Die Grenzen des Verstandes

Was ist „Phantastik“, wie definiert sich „Fantasie“? In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde auch diese Frage gestellt. Die Antworten fielen sehr unterschiedlich aus, und in gewisser Weise orientierten sich Schriftsteller, Maler und andere Künstler an der scheinbaren Grenzenlosigkeit der Naturwissenschaften. Inhalt und Form wurden radikal von dem getrennt, was bisher als Norm einer Geschichte, eines Gedichts oder eines Kunstwerks galt.

Dass gerade die Erzählungen von Mihály Babits (1883-1941) und Mór Jókai (d. i. Jókay Móricz, 1825-1904) so antiquiert wirken, liegt daran, dass die Kunstszene sich stetig verändert: Was einst betont ‚modern‘ war, wirkt gerade deshalb überholt und ist eher Zeitzeuge als eine lesenswerte Geschichte. Solche Werke muss man sich heute erschließen. Zeitlos sind dagegen Garne, die ohne Verbrämungen oder literarische ‚Aufwertungen‘ überliefert werden.

Babits leidet unverdient darunter, dass den Lesern heute mehrheitlich das Wissen um den eigentlichen Sinn seiner Geschichte fehlt: Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg gingen 1920 zwei Drittel des bisher österreichisch-ungarischen Territoriums verloren. Die neuen Landesherren vertrieben die ungarische Bevölkerung. Das daraus resultierende, historisch verwehte psychische Trauma will Babits literarisieren. Jókai thematisiert die Korruption der Macht, deren Ende kommt, als sich die unterdrückte Gerechtigkeit schließlich doch (und unter moralträchtigen Begleiterscheinungen) wehrt und dadurch symbolische Hoffnung im Kampf gegen Unterdrückung generiert.

Fazit:

Eine Sammlung durch Staub nostalgisch gewürzter Übernatürlich- und Seltsamkeiten in Gestalt spannender, überraschender oder wenigstens interessanter Geschichten aus einer bisher nur schlaglichtartig beleuchteten Ära der Phantastik. Die Fortsetzung der Suche verspricht neue Funde und weitere Zusammenstellungen.

Die Blumen der Mumie Neith

Lars Dangel (Herausgeber), Edition Dornbrunnen

Die Blumen der Mumie Neith

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