Die Verlorenen von Greyswick

  • Festa
  • Erschienen: November 2025
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Die Verlorenen von Greyswick
Die Verlorenen von Greyswick
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Michael Drewniok
60°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMai 2026

Gotisches Frauen- und Geistergetümmel

1917 tobt in Europa der Erste Weltkrieg. Zu Tausenden fallen an den Fronten die Soldaten, was Freund und Feind unheilvoll eint. Aber auch dort, wo nicht gekämpft wird, sind Schrecken und Trauer allgegenwärtig; kaum eine Familie bleibt ohne Verluste.

Stella Marcham verlor im Vorjahr ihren Verlobten Gerald. Seither trauert sie und macht keine Anstalten, ein ‚normales‘ Leben wiederaufzunehmen. Das ist gefährlich in dieser Zeit, denn es wird Stella als Krankheit ausgelegt. Dr. Mayhew würde sie zu gern in seinem ‚Institut‘ behandeln = ihr Gehirn so waschen, dass sie als Frau wieder ordnungsgemäß ‚funktioniert‘.

Da bietet sich ein Ausweg: Stellas Schwester Madeleine hat vor einigen Monaten den wohlhabenden Adligen Hector Brightwell geheiratet und ist nun „guter Hoffnung“. Sie vermisst Stella, die sie in ihrem neuen Heim, dem Herrensitz Greyswick, besuchen und ihr Gesellschaft leisten soll.

Tatsächlich benötigt Madeleine dringend eine Unterstützung, die ihr Lady Brightwell, die herrische Schwiegermutter, ebenso verweigert wie deren Gesellschafterinnen Constance Henge und Ruth Scott. Hector hat in London zu tun, die Frauen sind unter sich - oder liegt Madeleine richtig, wenn sie glaubt, dass Hectors jung und tragisch verstorbener Halbbruder Lucien durch das Haus geistert und Erlösung fordert?

Es dauert, bis Stella ihrer Schwester glaubt. Kinderweinen hallt durch die Nacht, und Gegenstände verschwinden oder tauchen dort auf, wo niemand sie hingelegt haben will. Lady Brightwell lehnt den Gedanken an Spuk kategorisch ab und macht Stella für die Unruhe auf Greyswick verantwortlich. Bald gilt sie als überspannt und unerwünscht, und in unerfreulicher Nähe lauert weiterhin Dr. Mayhew ...

Leidenschaft, die (den) Horror schafft

Sie ist jung, schön und schrecklich allein. Das Schicksal/die Liebe hat sie in ein finsteres, abgeschiedenes Haus verschlagen, in dem ihr feindselig gesonnene Personen das Leben schwermachen. Zu allem Überfluss scheint es nicht mit rechten Dingen zuzugehen, aber dass es spukt, merkt nur unsere Heldin, die mit den unschönen Nebenwirkungen = bösen Mächten ringen muss. Alles endet einerseits in einer Tragödie, die aber vor allem die Widerlinge trifft, während die Heldin endlich mit einem zwischenzeitlich eingefangenen Galan in den Sonnenuntergang reiten oder wenigstens gereift und erhobenen Hauptes den Ort des Geschehens verlassen kann.

Dies ist zwar vereinfacht, aber durchaus korrekt der „Big-Bang“-Plot jener Romangattung, die unter der Bezeichnung „Romantic Thriller“ eine Grundfeste der Unterhaltungsliteratur darstellt. In Deutschland manifestieren sich solche Garne u. a. seit 1971 in der „Gaslicht“-Reihe, für die vor allem fingerfertige Autoren schummerige Liebesgeschichten wie am Fließband produzieren. Große Abweichungen gestattet das Publikum nicht; es ist vorzugsweise weiblich und in diesem Umfeld bereit, zugunsten romantischer Träumereien auf feministisches Gedankengut zu verzichten.

Lange waren die „Romantic Thriller“ in ihrer Nische gut aufgehoben. Wer sie mochte, konnte sie dort finden, während weniger begeisterte Leser nicht von ihnen behelligt wurden. Leider hat sich das im Fahrwasser dessen, was als „Young-Adult“-Literatur über uns gekommen ist, radikal geändert: „Romantische“ Thriller überwuchern wie Schimmel sämtliche Genres. Krimi, Science Fiction oder (und gerade) Horror: Was eigentlich handlungsrelevant sein sollte, wird zugunsten zwischenmenschlicher Konflikte in den Hintergrund gerückt und immer wieder ausgesetzt, auf dass Liebe & Leidenschaft tränentriefäugig ihre Häupter erheben.

Dick und dramatisch

Folgerichtig werden auch in „Die Verlorenen von Greyswick“ eifrig Hände gerungen, wird geweint und sich gefürchtet; dies zwar auch vor einem Spuk, aber vor allem vor kalten, bösen bzw. gefühllosen Männern und kalten, bösen bzw. versehrten Frauen, die eigentlich Verbündete sein sollten, aber von besagten Männern seelisch und körperlich gebrochen und einem System unterworfen wurden, das männlich dominiert und bestimmt ist.

Dies sind die Späne, die von handwerklich versierten (und durchaus nicht immer weiblichen) Autoren mit Vitriol, Tränen und Ektoplasma getränkt und angesteckt werden. Das entstehende Feuer lässt sich mit eingeschliffenen Kniffen schüren und Holz sich in Gestalt neuer Schema-F-Konflikte problemlos nachlegen. Auf diese Weise entstehen backsteindicke Schwarten, in denen „dramatische Szenen“ wie Perlen auf einer Schnur den roten Faden bilden. Auch Anita Frank hat keine Mühe, den Seelen-Spuk von Greyswick auf mehr als 600 Seiten aufzublähen.

Ihr Werk wird vom Verlag als „gotische Geistergeschichte“ proklamiert, um es einer Reihe einzugliedern, die den Titel „Horror & Thriller“ trägt und in der Vergangenheit eher handfesten Grusel bot. „Die Verlorenen von Greyswick“ ist weder das eine noch das andere, was schon nach wenigen Seiten klar wird. Man darf wohl davon ausgehen, dass es der aktuelle Erfolg solchen Soft-Schreckens ist, weshalb dessen Vertreter seit einiger Zeit die „H&T“-Titelliste prägen.

Trotz & Tränen in einer Männerwelt

Zum „Gaslicht“-Milieu gehört es, den ‚echten‘ Spuk nicht in den Vordergrund, sondern an die Seite ‚realer‘ Konflikte und Gefühlsstürme zu stellen. Faktisch spiegelt das übernatürliche Geschehen ‚lebendiges‘ Unglück der Vergangenheit wider, das in der Gegenwart nicht nur auflebt, sondern die generelle Konfliktsituation verschärft.

Greyswick ist weniger das ‚Heim‘ eines Geistes, sondern ein Hort vertuschter Lügen und unbewältigter Probleme, die sich über den Spuk ihren Weg in die Realität bahnen, um endlich gelöst zu werden. Hier muss der Betrachtungsfokus ein weiteres Mal erweitert werden: Die Konflikte belegen aus heutiger Sicht nicht die ständig zur Sprache kommende ‚Schuld‘ der Protagonistinnen, sondern ein Versagen der Gesellschaft, in der sie leben (müssen). Ein bezeichnendes Indiz ist die Tatsache, dass Frauen in England erst ab 1928 das volle Wahlrecht gewährt wurde. Dessen ungeachtet sorgte die Justiz für die Fortschreibung eines Lebensalltags, in dem der Mann das Sagen hatte.

Der ‚moderne‘ „Gaslicht“-Roman greift das daraus resultierende Unrecht auf, versinnbildlicht und beschreibt ihn jedoch mit traditionellen/altmodischen Methoden. Immerhin gelingt es Frank, die Angst der Frauen, die sich nicht in ‚ihre‘ Rolle fügen wollten, plausibel zu illustrieren: Dr. Mayhew ist das Symbol einer pervertierten Medizin, die Frauen notfalls mit haftähnlichem Zwang und brutalen Methoden ‚normalisieren‘ = ruhigstellen wollte und sollte.

Das Gespenst als kleineres Übel

Männer haben in Stellas Welt das Sagen. In ‚liebevoller‘ Sorge kümmert sich der Vater um das töchterliche Wohlergehen (und greift womöglich auf Dr. Mayhew zurück). Als Frau verfügt sie über kein eigenes Geld. Frauen arbeiten gefälligst nicht. Wenn sie nicht zeitig heiraten wie Madeleine, können sie entsprechender Kritik höchstens entkommen, indem sie „Ehrendienst“ als Krankenschwester dort leisten, wo nach einer Schlacht sterbende, zerfetzte Männer von der Front eintrudeln. Selbst Tristan Sheers - der in dieser Geschichte den ‚guten‘, frauenfeinfühligen Mann gibt - muss erst auf die harte Tour = durch unleugbar übernatürliches Wirken davon überzeugt werden, dass Stella sich den Spuk nicht einbildet, bevor er seine überbetonte (männliche) Ratio überwindet und sich auf ihre Seite schlägt.

Auf weibliche Solidarität darf Stella nicht zählen. Wiederum verknüpft Frank geschickt ein Stereotyp des „Gaslicht“-Romans mit der zeitgenössischen Vergangenheit. Lady Brightwell und ihre an sie gebundenen ‚Freundinnen‘ Mrs. Henge und Miss Scott bilden eine Dreifaltigkeit des Terrors, wenn sie gänzlich der Konvention folgend die Maßstäbe der männlichen ‚Rationalität‘ übernehmen. Stella wird bedrängt und bekämpft. Dass sie immer wieder an diesen Klippen scheitert, gehört zu den Konventionen des Genres; man denkt hier unwillkürlich an die schauerliche Mrs. Danvers aus Daphne du Mauriers Klassiker „Rebecca“ (1938), der schon zwei Jahre später Judith Anderson im gleichnamigen Film von Alfred Hitchcock kongenial Gestalt verlieh. Die fanatische Verehrung einer ‚korrigierten‘ Vergangenheit, die Fehler und Verbrechen ausklammert, ist auch auf Greyswick der Normalzustand. Pflichtschuldig wird zusätzlich das Elend der weiblichen Dienerschaft thematisiert.

„Die Verlorenen von Greyswick“ fordert als Lektüre eine Entscheidung: Lehnt man die flache Mischung aus Grusel und Dramatik ab, oder lässt man sich darauf und auf das „Gaslicht“-Genre ein? Für den eher auf Schrecken geeichten Leser stellt letzteres keinen Mehrwert dar. Zu offensichtlich werden der Handlung Passagen eingefügt, die sie nicht voranbringen, sondern in (pseudo-) emotionaler Theatralik schwelgen. Die Männer sind böse oder blind, die Frauen hilflos und verletzt, aber bestenfalls trotzig bzw. nicht bereit, sich ins Abseits drängen zu lassen. Der daraus resultierende Zwiespalt generiert mindestens ebenso viele Klischees wie das Horror-Genre. Insgesamt steigert der „romantische“ Aspekt keineswegs automatisch den (Unterhaltungs-) ‚Wert‘.

Fazit:

Mit diversen Anleihen an eine frauenfeindliche Vergangenheit angereicherter, aber primär durch einschlägige Klischees und Archetypen des „Romantic Thrillers“ geprägter, sowie durch Horror-Einschübe - die sich nur schwer behaupten können -  aufgepeppter Roman, der sich wortreich und seitenstark in sein melodramatisches Finale schleppt: ein modernes, aber nicht ‚besseres‘ „Gaslicht“-Drama.

Die Verlorenen von Greyswick

Anita Frank, Festa

Die Verlorenen von Greyswick

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