Geköpft und gepfählt: Archäologen auf der Jagd nach den Untoten

  • wbg Theiss
  • Erschienen: August 2016
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Geköpft und gepfählt: Archäologen auf der Jagd nach den Untoten
Geköpft und gepfählt: Archäologen auf der Jagd nach den Untoten
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Michael Drewniok
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonMai 2026

Furcht schlägt Trauer: Tot sei tot!

Graben Archäologen und Historiker heutzutage einen Friedhof aus (kurz bevor eine Autobahn darüber gegossen oder nach Braunkohle gewühlt wird), wundern sie sich kaum mehr, wenn sie auf Gräber stoßen, deren Insassen keine ewige Ruhe genossen haben, schon bevor die Wissenschaft der Neuzeit erschienen. Da liegen Skelette, deren Beinknochen zerschlagen, Brustkörbe aufgerissen oder Schädel mit langen Nägeln an Sarg- und Erdboden fixiert wurden. Ersatzweise (oder zusätzlich) hat man den Verstorbenen schwere Steine auf den toten Körper gewälzt, ihnen Ziegelbrocken in den Rachen gezwängt oder sie wenigstens auf den Bauch gedreht.

Mit der Ehrfurcht vor dem Tod ist das nicht zu vereinbaren. Viele Gräber wurden zudem erst lange nach der Bestattung erneut geöffnet und die Leiche - geschändet, möchte man es spontan nennen. Doch da die beschriebenen Prozeduren damals wie heute höchst unangenehm waren, dürfte man sie sich nur angetan haben, weil man sie für unbedingt notwendig hielt.

Tot ist tot, sollte man meinen, aber so einfach ist es nicht. Wissen, Religion und Aberglaube mischen sich, wenn es gilt zu definieren, was genau geschieht oder geschehen kann, wenn der Herzschlag stockt. Bleibt die Leiche tot, oder kann sie sich unter bestimmten Umständen aus dem Grab erheben und die Lebenden verfolgen? Missverständliche Beobachtungen, Lügen und Übertreibungen sorgen dafür, dass der gesunde Menschenverstand sich in Luft auflöst - dies übrigens keineswegs nur in (gar nicht so) guten, alten Zeiten! Grabschändung aus Furcht vor Heimsuchung aus dem Jenseits ist in Europa noch im 21. Jahrhundert belegt (und sogar per „Youtube“ anzuschauen).

Was wir nicht wissen, muss von Übel sein

Viele Wissenschaftler haben sich mit dem Tod bzw. mit den Arten und Weisen beschäftigt, wie der Mensch ihn in sein Dasein integriert. Er gehört zum Leben, aber man misstraut ihm, selbst oder gerade, wenn religiöse Vorstellungen ihn idealisieren. Demnach ruht der oder die Tote, bis in ferner Zukunft eine Wiederauferstehung ansteht; keineswegs glauben nur Christen daran. Erst am Tag X steigen die Toten aus ihren Gräbern, und es folgt ein eher diffus umschriebenes, aber rundum angenehmes und ewiges Weiterleben im Jenseits.

Bis es soweit ist, können jedoch der Teufel bzw. andere finstere Mächte sich des toten Körpers bemächtigen. Nicht nur offizielle Schriften über den Tod enthalten unzählige Meinungen und Theorien. Sie stehen im Schatten einer Folklore, die der Welt ein Gesicht und ‚Erklärungen‘ gibt, auch wenn diese der wissenschaftlichen Realität widerstehen: Furcht ist stärker als die Bereitschaft, dem Rat von ‚Fachleuten‘ zu folgen, die sich mit dem Tod auskennen. Dies gilt erst recht, wenn die Spezialisten selbst von Irrtümern und Ängsten geprägt werden.

Langer Rede, kurzer Sinn: Viele Zeitgenossen waren davon überzeugt, dass Tote unter gewissen Umständen zurückkehren und sich von betrauerten Familienmitgliedern, Freunden und Personen von Stand in „Nachzehrer“, „Aufhocker“, „Vampire“ u. a. Schreckensgestalten verwandeln konnten, die es nicht in ihren Gräbern hielt, weshalb man notfalls nachträglich dafür sorgen musste, dass sie dort blieben!

Häufiger als gedacht

Der Archäologe Daniel Franz und die Wissenschaftsjournalistin Angelika Nösler haben sich 2016 des Themas angenommen. Entstanden ist ein weiterhin lesenswertes Buch, für das sie nicht in jene trüb-obskuren Tümpel gestiegen sind, die viel zu oft als ‚Quellen‘ dienen, um die Tatsächlichkeit körperlichen Untodes zu ‚beweisen‘. Stattdessen haben sie auf Belege aus erstaunlicher Nähe zugegriffen: Pechvögel, die man (hoffentlich erst) nach dem Tod bewegungs- und spukuntauglich verstümmelt hat, finden sich auf alten Friedhöfen in oder bei Orten, die man auf jeder (deutschen) Landkarte finden kann.

Fakten schlagen Spinnereien: Selten wird das Thema so sachkundig, aber auch ohne Seitenhiebe auf jene dargestellt, die an übernatürliches Treiben glauben wollen. Solche Spökenkiekerei wirkt erst recht überflüssig, wenn die Tatsachen so eindeutig sprechen wie hier: Während Wiedergänger niemals ‚existierten‘, ist der Glaube an dieses Phänomen eindeutig fassbar.

Die Beweisführung gelingt dem Autorenpaar auch deshalb, weil wissenschaftliche Tatsachen in eine allgemeinverständliche Sprache ‚übersetzt‘ werden. Viel zu lange blieb Wissen ein Gut von Eliten, die sich absichtlich möglichst kompliziert ausdrückten, um Konkurrenten und ‚Dummköpfe‘ fernzuhalten. Doch der Laie ist keineswegs blind und taub für die Wunder und Rätsel dieser Welt. Er lässt sich gern belehren bzw. informieren, wenn man ihn ernst nimmt und damit ins Boot holt, was eben nicht eine Verwässerung von Fakten bedeutet: Wer seine Wissenschaft beherrscht, versteht es, sie verständlich darzustellen. „Geköpft und gepfählt“ ist (mitsamt des martialischen Titels) ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Globalität der Furcht

Die Autoren konzentrieren sich zwar auf Beispiele aus Mitteleuropa, zumal Archäologe Nösler auf eigene Erfahrungen und ein Netzwerk mitteilungsfreudiger Kollegen zurückgreifen kann, die gern oft (noch) unpublizierte Fallbeispiele vorstellten. Nichtsdestotrotz setzen sie das Thema in einen globalen Kontext: Die Angst vor Wiedergängern aller Art war und ist ein Phänomen, das sämtliche Kulturen kannten. Schon aus der Steinzeit gibt es Belege dafür, dass man potenziellen Untoten eine Wiederkehr unmöglich machte, indem man sie zerlegte. Aber auch aus der jüngeren Vergangenheit, in der die Quellen reichlicher fließen, sind einschlägige Mythen und ‚Tatsachenberichte‘ bekannt.

Franz und Nösler müssen mit einem Thema ringen, das den vom Verlag zugesagten Buchumfang problemlos sprengen könnte. Deshalb gehen sie nur ansatzweise auf weitere interessante Themen ein. So reihte sich in die bunte, blutige Schar der Wiedergänger irgendwann der Zombie ein. Ihn findet man in Europa nicht, er soll aber wenigstens erwähnt werden.

Kurz muss auch der Überblick zur Rezeption des Untods bleiben. Selbstverständlich hat sich der Mensch künstlerisch, literarisch und später multimedial mit Wiedergängern beschäftigt. Vor allem der Vampir erlebte im 19. Jahrhundert eine ‚Auferstehung‘, die sich dank „Dracula“ und „Nosferatu“ filmisch fortsetzte. Der Schrecken aus nicht ausreichend gesicherten Gräbern ist so präsent wie nie zuvor. Man kann ihn als solchen genießen oder hinter die Kulissen schauen; hat man Glück, stößt man auf ein Buch wie dieses, das den Blick in die korrekte Richtung lenkt!

Fazit:

Zum Leben gehört der Tod, was ihn keineswegs weniger unheimlich macht. Die erstaunlich weit verbreitete Vorstellung, dass Verstorbene aus dem Grab hinaus Böses tun oder gar persönlich umhergeistern, wird in diesem Buch klar und plausibel sowie anhand zahlreicher historischer Belege dargestellt und gedeutet.

Geköpft und gepfählt: Archäologen auf der Jagd nach den Untoten

Daniel Nösler, Angelika Franz, wbg Theiss

Geköpft und gepfählt: Archäologen auf der Jagd nach den Untoten

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