Geisterschiff der modernen Art
Irgendwo im Südpazifik tobt Taifun „Leiah“ und fällt über zwei ohnehin vom Pech verfolgte Schiffe her. Dem gewaltigen russischen Forschungsschiff „Wolkow“ bereiten nicht die Wogen Probleme. Der Schrecken kam aus dem Weltall: Eine außerirdische Intelligenz hat sich im Schiff eingenistet. Da sie aus Energie besteht, konnte sie in die Computer, aber auch in anderen Maschinen an Bord fahren und diese übernehmen. Anschließend begannen die ‚besessenen‘ Apparate, die Besatzung zu fangen und in Stücke zu reißen, um diese als biologische Komponenten diversen Robotern einzufügen.
Ahnungslos kämpft sich der kleine Schlepper „Sea Star“ durch die Wogen. Die Stimmung an Bord ist gedrückt, Kapitän Everton meist betrunken, und er behandelt seine Crew schlecht. Vor allem Kelly Foster, die neue Navigatorin, erfährt nur Ablehnung. Dass sie sich dies nicht gefallen lässt und ihren Kapitän ausgiebig kritisiert, trägt zum Arbeitsklima nicht positiv bei.
Die „Sea Star“ schleppt einen havarierten Frachter durch den Pazifik. Doch der Taifun versenkt das Schiff. Damit ist der Gewinn verloren, aber dann stößt man zufällig auf die treibende „Wolkow“. Die Bergung dieses Riesen würde den Verlust mehr als wettmachen. Also beschließt man, die ohnehin beschädigte und sinkende „Sea Star“ aufzugeben und steigt auf die „Wolkow“ um.
Man findet überall heftige Kampfspuren, doch das Schiff ist menschenleer. Als der Strom wieder eingeschaltet ist, funktionieren Maschinen und Instrumente wieder. Was die Neuankömmlinge nicht wissen (und ihnen von der irgendwann gefundenen Überlebenden Nadja erzählt werden muss): Auch die Hybriden aus Maschine und Mensch sind wieder erwacht und nutzen die Gelegenheit, ihr Ersatzteillager mit neuem Körperteilen aufzufüllen ...
Selbst mittelmäßiger Wein kann reifen
Als 1999 das Hollywood-Studio „Universal“ den Film „Virus“ (in Deutschland vorsichtshalber durch den Lock-Untertitel „Virus - Schiff der Angst“ ergänzt) in die Kinos brachte, glich die Resonanz dem Wüten von Taifun „Leiah“. Zuschauer und Kritiker waren sich einig: Dies ist gut produzierte Augenwischerei, unter der ein wirres Stückwerk aus anderen SF- und Filmen zusammengeklaubter Fragmente zum Vorschein kommt. Das Effekt- (und Dumm-) Kino wurde nicht von den Comic-Giganten „Marvel“ und „DC“ erfunden. Seit jeher steht (nicht nur) in Hollywood das Geschäft im Vordergrund. Was man in einen Film hineinsteckt, möchte man möglichst vielfach herausholen. Experimente werden gescheut, lieber ‚variiert‘ man, was zuvor Erfolg gebracht hat.
„Virus“ wurde von einem Zorn getroffen, den der Film so nicht verdient. Mehr als zwei Jahrzehnte später wird er von einer neuen Generation erfahrener (und leidgeprüfter) Zuschauer deutlich freundlicher und korrekt beurteilt: „Virus“ ist Popkorn-Kino, hochwertig in Szene gesetzt, gut besetzt und weist selbst aus heutiger Sicht erstaunlich gute Spezialeffekte auf. Da die digitale Trickkiste noch spärlich bestückt war, stützte man sich auf „handgemachte“ Effekte, für die man auf die Erfahrungen eines Kino-Jahrhunderts zurückgreifen konnte.
Dass sich das Studio von „Virus“ einiges versprochen hatte, belegt u. a. der parallel zum Start veröffentlichte „Roman zum Film“ (= „tie-in“). Dafür heuerte man einen Profi an, der (bzw. in unserem Fall die) wusste, wie man ein Drehbuch rasch in eine Form bringen konnte, die einer für den Druck konzipierten Geschichte annähernd glich. Stephani Danelle Perry war und ist in am „tie-in“-Fließband heimisch. Sie schrieb u. a. Romane für Franchises wie „Alien“, „Star Trek“ und „Resident Evil“. Die entsprechenden Titellisten sind lang, aber Perry blieb 1999 noch Zeit für „Virus“.
Solide nachgebessertes Handwerk
Zum Roman verfasste Regisseur John Bruno (der nur diesen einen Film inszenierte und rasch wieder zu seinem eigentlichen Metier - der Erschaffung überzeugender Spezialeffekte - zurückkehrte) ein Vorwort, das man überspringen kann, weil der obligatorische Jubel auf den Fang noch kaufzögerlicher Leser zielt. Ein Punkt fällt aber auf: Bruno lobt nachdrücklich den Roman, weil Perry nachdrücklich ausglich, woran er sich ebenfalls erinnerte: „Manchmal enden deine Lieblingsszenen auf dem Boden des Schnittraumes ... Es ist ein Teil des kreativen Kampfes zwischen Kunst und Kommerz. Zeit ist Geld.“ (S. 11)
Deutlicher konnte er an dieser Stelle nicht werden, aber wer den Film kennt - der sichtlich ‚bearbeitet‘ wurde, bis alles, was ihn über das übliche Genre-Niveau hätte heben können, eliminiert war - und ihn mit dem Roman vergleicht, wird nachvollziehen können, was Bruno meinte. „Virus“ mag ein typisches Auftragswerk sein, doch Autorin Perry fand nicht nur die Lücken in Drehbuch und fertigem Film, sondern füllte sie und schliff außerdem die Story so zurecht, dass sie zumindest im Druck nicht mehr so rumpelte.
Das Ergebnis ist etwas Bemerkenswertes: ein Roman, der sich sogar unabhängig vom Film lesen lässt. Um ihre Leistung zu würdigen, sollte man auch diese Vorgeschichte kennen: Autor Chuck Pfarrer hatte bereits Anfang der 1990er Jahre das Drehbuch für einen „Virus“-Film verfasst, konnte es jedoch aufgrund der kostspieligen Spezialeffekte nicht an Hollywood verkaufen. Er schrieb es um, und „Virus“ erschien 1992 als vierteiliger Comic beim US-Publisher Dark Horse (zum Kinostart passenderweise in Deutschland gebündelt beim damaligen Verlag EEE veröffentlicht). Der Erfolg ließ Hollywood umdenken, und Pfarrer griff die Story erneut auf. Mit an Bord war Kollege Dennis Feldman, der 1995 bzw. 1998 die Drehbücher für „Species“ und „Species II“ geliefert hatte (und für in „Virus“ manche Idee ‚aufleben‘ ließ).
Das Hirn ist kritischer als das Auge
Erinnert man sich daran, dass Pfarrer zwei Jahre vor „Virus“ für sein Drehbuch zu „Barb Wire“ mit einer „Goldenen Himbeere“ ‚ausgezeichnet‘ wurde, weiß man Perrys Arbeit zu schätzen. Natürlich konnte auch sie die unzähligen „Reminiszenzen“ (an „Sphere“, „Species“, „Aliens“, „Terminator“, „Abyss“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ ...) nicht ausklammern, aber sie verwandelte eine Nummernrevue in eine dahingleitende Geschichte.
Perry wagte sich sogar an die Figuren; ein echtes Risiko, da diese so konturschwach gezeichnet waren, dass selbst die Schauspieler sie nur sehr behutsam mimten; sie hätten sich sonst in Nichts aufgelöst. Wieder sparten die Kritiker einst nicht an Vorwürfen, wieder gingen sie zu weit (und heute würde sie bei Sichtung eines Streifens wie „The Minecraft Movie“ wahrscheinlich der Schlag treffen). Die Schauspieler taten, was sie laut Drehbuch sollten: rennen, kämpfen, schreien. 3-D-Persönlichkeiten waren da nicht erforderlich oder sogar störend.
Auch Perry bleibt vorsichtig, versucht nicht, Figuren unbedingt in Charaktere zu verwandeln. Sie gibt der Crew der „Sea Star“ ein wenig Farbe. Kapitän Everton wirkt nicht mehr wie ein krimineller Irrer. Perry macht außerdem (halbwegs) plausibel, wie ein ehemaliger Elite-Navy wie Kelly Foster an Bord der „Sea Star“ geraten ist. Der im Film nur plakativ angerissene und deshalb plump aufgerubbelt wirkende Maori-Hintergrund des Matrosen Hiko wird begreifbar. Sogar die in diesem Handlungsgetümmel absurd aufkeimende Liebe zwischen Kelly und Maschinist Steve vermag Perry erträglich auf wenige Zeilen zu dimmen.
Fazit:
Was der typische, d. h. seelenlos einer Vermarktungsmaschine entsprungene „Roman zum Film“ hätte werden können, gewinnt dank der Bearbeitung durch die Autorin an Stringenz und wird zur echten Ergänzung eines Kinofilms, der zwischen Konzeption und Veröffentlichung genau diese verloren hat.

S. D. Perry, Heyne


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