Das Ende der Galaxis
- Pabel
- Erschienen: April 1969
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Sieben Mal ist die Zeit außer Rand und Band
Sieben Reisen durch die Zeit sorgen für spektakuläre oder wenigstens unerwartete Ereignisse:
- Der Wanderstern (Rogue Star; 1960), S. 5-25: Er treibt durch das All, besteht aus Antimaterie - und er lässt sich als Zeitmaschine instrumentalisieren.
- Lieber Charles (Dear Charles; 1953), S. 26-39: Er kommt aus der Vergangenheit, denn er hat sich in seine Ur-...-Enkelin verliebt.
- Die tote Stadt (Dead City; 1946), S. 40-71: Die Invasion der Erde aus dem All findet gerade statt - hat schon stattgefunden - wird noch stattfinden …?
- Selbstgespräche (Sam, This Is You; 1955), S. 72-88: Er ruft sich aus der Zukunft an und gibt sich Ratschläge, was ihm später ermöglicht, sich anzurufen.
- Das andere Jetzt (The Other Now; 1951), S. 89-98: Jane ist tot - oder lebt sie in einer parallelen Dimension weiter, in die Jimmy womöglich überwechseln kann?
- Der Duplikator (The Fourth-Dimensional Demonstrator; 1935), S. 99-111: Pete entdeckt ein Gerät, das Geld, Gold und Juwelen duplizieren kann, aber seine gierige Braut, die Polizei und ein übermütiges Känguru sabotieren den Traum vom Reichtum.
- Das Ende der Galaxis (The End; 1946), S. 112-142: Das Weltall stürzt in sich zusammen, doch es gibt womöglich die Chance, eine neue Galaxis zu erschaffen.
„Altmodisch“ bzw. „trivial“, wie wir es (oft) lieben!
Die Zeit und die Science Fiction sind quasi füreinander geschaffen! Lange war der Mensch davon überzeugt, dass die Zeit zu den wenigen Konstanten dieses Universums gehört. Man konnte sich demnach auf die Abfolge Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft verlassen. Natürlich erregte genau das den Widerspruchsgeist einfallsreicher Autoren, die sich bemühten, diese Dreifaltigkeit in Frage zu stellen. Zu denen, die schon früh in den Startlöchern standen, gehörte Murray Leinster, geboren als William Fitzgerald Jenkins (1896-1975). Ihm gelang bereits 1934 mit „Sideways in Time“ (dt. „Quer durch die Zeit“/„Seitwärts in der Zeit“) ein Klassiker dieses Subgenres.
Leinster veröffentlichte seit 1918 Storys und gehört damit zu den ‚Gründervätern‘ der modernen Science Fiction, die ab 1926 in zahlreichen „Pulp“-Magazinen erschien. In den folgenden Jahrzehnten gestaltete Leinster das Genre entscheidend mit, wobei er überschäumende Fantasie mit abenteuerlicher Handlung verknüpfte. Damit war er lange erfolgreich und beliebt. Allerdings blieb Leinster auf ‚seinem‘ Niveau, während die SF sich weiterentwickelte. Nach 1945 gehörte er zu den zunehmend als altmodisch betrachteten Vertretern einer Ära, die sich qualitativ entwickelte sowie den zukünftigen Menschen als nicht ausschließlich positive Figur erkannte.
Ungeachtet dessen publizierte Leinster weiterhin Romane und Storys, denn für triviale, den Geist nicht überstrapazierende SF gab (und gibt) es immer Leser. Diese Sammlung präsentiert Erzählungen, die zwischen 1935 und 1960 entstanden. Formal oder inhaltlich lassen sich kaum Innovationen erkennen. Allerdings ist gerade das auch von Vorteil: „Das Ende der Galaxis“ bietet jene Retro-SF, die später oft versucht wurde, aber so nie auf den Punkt gebracht werden konnte.
Die Sehnsucht nach der verlorenen Zukunft
Bevor die Realität über uns kam, wurde die Zukunft lange als bevorstehende Rückkehr ins Paradies verklärt. Nach dem Zweiten Weltkrieg tobte zwar der „Kalte Krieg“ zwischen West und Ost. Gleichzeitig schien jedoch nichts unmöglich zu sein in einer Welt, die von ständigen technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritten geprägt wurde. Dass dies zu einem Gutteil auf politischer Manipulation sowie offizieller Ignoranz durchaus erkannter Probleme beruhte, wurde bis in die späten 1960er Jahre nur von Spielverderbern und Kommunistenknechten bemängelt. Heute wissen wir, in welchem Ausmaß dieser ‚Fortschritt‘ die Umwelt zerstört und vergiftet hat. Davon war sowohl in der Realität als auch in der SF kaum die Rede.
Dennoch - oder gerade deswegen - lässt sich eine schlechten Gewissens gepflegte Sehnsucht nach dem, was uns einst ‚versprochen‘ wurde, nicht verhehlen. Die „Retro-SF“ dieser Epoche sorgt für entsprechende Wehmut - und Murray Leinster ist die richtige Wahl, möchte man in einschlägigen Bildern schwelgen! Er hatte nie Angst davor, ganz große Räder zu drehen. Welcher SF-Autor würde heute den Untergang und die Neuentstehung der Galaxis auf 30 Druckseiten kondensieren („Das Ende der Galaxis“; sogar für einen Überfall von Weltraumpiraten gibt es noch eine Lücke).
Es ist die Ära des genialen Außenseiters, der ganz allein im heimischen Kellerlabor Geräte baut, mit denen sich Raum, Zeit und die Dimensionen bereisen lassen. Nicht hehrer Wissensdurst treibt diese Erfinder an, sondern der „Amerikanische Traum“, der sich mit viel Geld am besten verwirklichen lässt („Der Wanderstern“, „Der Duplikator“). Hinzu kommt die Liebe, die in diesem Umfeld den Sex zwar ausklammert, aber deshalb umso inbrünstiger beschworen wird („Lieber Charles“, Selbstgespräche“, „Das andere Jetzt“, „Der Duplikator“), was die Grenze zum Kitsch nicht nur schrammt.
Menschen von gestern im Morgen
Es gibt ohnehin kein Problem, das sich dank Naturwissenschaft und Technik nicht lösen ließe; selbst ein Universum lässt sich binnen weniger Tage basteln! Deshalb sticht der Kontrast erst recht heraus: Die Menschen dieser wunderbaren Zukünfte sind in jenen Zeiten, zu denen diese Storys entstanden, steckengeblieben. Denkt man sich die genannte Technik weg, bleibt das politische und vor allem soziale Umfeld des USA-Alltags zwischen 1935 und 1960 übrig.
Das Frauenbild belegt vielleicht am deutlichsten das Alter dieser Erzählungen. Frauen klammern, aber vor allem verlangen sie von ihren Männern ein abgesichertes Leben innerhalb felsenfest fixierter, nicht gerade horizontweiter Grenzen, die durch eine Eheschließung so zementiert werden, dass auch eine Zeitmaschine nichts dagegen ausrichten kann. Wut- und Weinanfälle dienen der Manipulation willensschwacher Männer, die solche Nervensägen (s. vor allem „Selbstgespräche“ und „Der Duplikator“) nicht zum Teufel jagen, sondern sich ihren Launen demütig unterwerfen; eine Darstellung, die (nicht nur) Leinster auch als Mittel der ‚witzigen‘ Überzeichnung diente.
Dass man die Zukunft nicht gar zu ernstnehmen sollte, lässt sich durchaus im Rahmen der oft als humorlos bezeichneten Science Fiction darstellen. „Der Duplikator“ schwelgt nicht in Hightech von Morgen, die nur den Rahmen für eine (aus heutiger Sicht recht) klamaukige Handlung gibt. Die Story lässt erkennen, dass sie zu einer Zeit entstand, in der die Hollywood-Studios unzählige „screwball comedies“ produzierten, in denen der Wahnsinn die Realität übernahm.
Anmerkung: Es geschah so selten, dass es als Ausnahme vermerkt werden muss: Hierzulande wurden SF-Romane und Storysammlungen „seitennormiert“ veröffentlicht. Ein „Terra“-Taschenbuch zählte 1969 144 Seiten. Doch in diesem Fall ging die Rechnung auf. Die Original-Kollektion „Twists in Time“ war so dünn, dass sämtliche Erzählungen übernommen werden konnten!
Fazit:
Sieben Kurzgeschichten widmet der Verfasser dem Phänomen Zeit und vor allem deren Manipulation. Die Möglichkeiten (und Tücken) werden mal ernsthaft, mal humorvoll durchgespielt: handwerklich solide, charmant-naive, nostalgisch stimmende Science Fiction einer vergangenen Ära.

Murray Leinster, Pabel

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