The Reformatory
- Saga Press
- Erschienen: Januar 2025
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Welche Narben können die Geister der Vergangenheit hinterlassen?
Florida, 1950: Es hätte ein schöner, sonniger Tag werden können … wäre Robert Stephens und seiner älteren Schwester Gloria nicht Lyle McCormack über den Weg gelaufen. Den McCormacks gehört das angrenzende Grundstück, und Lyle, geflutet von Hormonen und dem Überschwang der Jugend, kommt Gloria ein kleines bisschen zu nah. Einen Moment lang vergisst sich Robert und tritt Lyle gegen das Schienbein. Was nach einer Lappalie klingt, hat furchtbare Folgen – denn als ärmliche, Schwarze Familie, die Mutter verstorben und der Vater aufgrund seines politischen Aktivismus bereits nach Chicago geflohen, haben die Stephens hier im zutiefst rassistischen Süden keinen leichten Stand. McCormack senior lässt die Sache nicht auf sich beruhen, und Robert wird zu 6 Monaten an der Gracetown School for Boys verurteilt, einer Erziehungsanstalt für junge Männer, die jedoch vor allem dafür bekannt ist, dass Jungs dort gedrillt, gefoltert, ausgepeitscht werden, oder gar „verschwinden“. Seit einer viele Jahre zurückliegenden, schrecklichen Brandkatastrophe ist die Schule diesen Ruf nicht mehr losgeworden.
Während Gloria gemeinsam mit ihrer Patin Miz Lottie, einer lebensklugen und pragmatischen älteren Dame, alle Hebel in Bewegung setzt, um Robert zu helfen, muss dieser sich auf den furchteinflößenden Alltag an der Gracetown School einstellen. Erträglicher wird dies nur dank der Freundschaften, die er dort mit „Blue“ und „Redbone“ schließen kann, sowie der einfühlsamen Musiklehrerin Ms. Hamilton, die sein Talent an der Trompete erkennt. Doch nichts kann ihn auf die Grausamkeit des eiskalten Leiters Fenton Haddock vorbereiten, dessen Brutalität er schon kurz nach seiner Aufnahme zu spüren bekommt. Robert hat jedoch eine besondere Gabe: Er kann Geister sehen – eine Fähigkeit, die sich Haddock, der einige dunkle Geheimnisse hütet, zunutze machen will …
“I believe in the devil alright, but man don’t need no help from Satan to do what folks call ‘evil.’ Man do evil ev’ry day and call it doin’ their job”
Tananarive Due, die an der University of California, Los Angeles, Black Horror und Afrofuturismus unterrichtet, hat bereits zahlreiche, preisgekrönte Werke veröffentlicht und gilt als eine der Hauptvertreterinnen zeitgenössischer afroamerikanischer Fantastik und Belletristik. Für The Reformatory greift sie auf ihre eigene Familiengeschichte zurück: Ihr Großonkel Robert Stephens kam in den 30er Jahren an der Dozier School for Boys in Marianna, Florida ums Leben. Seit ihrer Gründung im Jahr 1900 rankten sich Gerüchte über furchtbare Missbrauchsfälle um diese „Besserungsanstalt“, doch erst im Jahr 2009 (!) wurden offizielle staatliche Ermittlungen eingeleitet, welche die schlimmsten Befürchtungen bestätigten und kurz darauf zur endgültigen Schließung führten. Eine forensische Untersuchung brachte 55 Begräbnisse auf dem Schulgelände sowie zahlreiche weitere Todesfälle ans Licht. Natürlich gibt auch zu denken, dass die Opfer – analog zur Demographie der „Schüler“ insgesamt – dreimal so häufig Schwarz wie weiß waren.
“This land hid bones that had not been properly spoken for”
Due nimmt sich vieler tatsächlichen Geschehnisse an der Dozier School an, wandelt diese aber respektvoll in ein Narrativ um, das Elemente der Gesellschaftskritik, des Coming-of-Age-Romans und des Southern Gothic verbindet, um zu erforschen, wie unser Verhältnis zur Vergangenheit unsere Gegenwart prägt. Die Figuren bedienen sich dabei gängiger Stereotype als Grundgerüst, die dann aber glaubhaft ausgefüllt werden. Besonders die parallelen Bemühungen um Gerechtigkeit von Gloria sowie Roberts Martyrium an der Gracetown School berühren zutiefst. Dabei schreckt Due zurecht nicht vor verstörenden menschlichen Schattenseiten zurück, sodass manche eindrückliche Szene sehr unter die Haut geht. Der abgründige, sich immer weiter zuspitzende Showdown zwischen Robert und Haddock treibt vor allem das letzte Drittel der Geschichte voran, die immer wieder mit spannenden Wendungen aufwartet. Dues Stil bleibt immer nah am Erleben der Figuren, verliert jedoch auch nicht ein ungeschöntes, größeres Gesamtbild gesellschaftlicher Missstände im Auge, und nutzt packende atmosphärische Elemente, die einen emotional mitnehmen.
Schade ist nur, dass einige Nebenstränge und –figuren, die zwischenzeitlich sehr dreidimensional charakterisiert werden, mit weiterem Fortgang der Story plötzlich an Bedeutung verlieren. Trotz der ordentlichen Länge des Romans kann es einem am Schloss vorkommen, als würde immer noch etwas fehlen. Das Buch strahlt zudem deutlich mehr Versöhnlichkeit aus, als die Realität der Dozier School und ihrer weiterreichenden sozialen Implikationen es je könnte. Es war jedoch auch sicher nicht Dues Absicht, ihre Geschichte nicht zu einem Melodram reiner Hoffnungslosigkeit abgleiten zu lassen.
Fazit:
Tananarive Due gelingt mit The Reformatory eine besondere Mischung aus Sozialdrama und Geistergeschichte, die lange nachhallt. Mit gefühlvoller Sprache, aber gleichzeitig aus einer hochintelligenten, messerscharf klaren Perspektive heraus hinterfragt die Autorin, inwiefern die Beschaffenheit der Macht, welche die Vergangenheit über uns hat, davon abhängt, wie wir uns zu dieser in Beziehung setzen. Ein starker Roman, der hoffentlich auch noch zu einer deutschen Übersetzung finden und seine Reichweite vergrößern wird!

Tananarive Due, Saga Press

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