Die fremde Macht

  • Goldmann
  • Erschienen: Juli 1963
  • 0
Die fremde Macht
Die fremde Macht
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Michael Drewniok
80°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJul 2026

Der einsame, mörderische Eindringling

Vor zehn Jahren ist das Raumschiff des Neips über der Erde abgestürzt. Aufgrund diverser Missverständnisse hält er die Menschen für nicht intelligent. Deshalb raubt und tötet er rücksichtslos, während er jene Rohstoffe und Teile zusammenträgt, die er zu einem Kommunikator verbauen will: Der Neip möchte heim.

Die Menschen fürchten den unwillkommenen Gast, der einfach nicht zu fassen ist.

Inzwischen hat er sich im verlassenen, verfallenden Untergrund der Welthauptstadt Government City - vor dem Dritten Weltkrieg „New York“ genannt - einen gut gesicherten Schlupfwinkel eingerichtet. Doch der Geheimdienst ist ihm auf der Spur. Man weiß schon länger, wo der Neip haust.

Wer soll gegen diesen intelligenten, enorm starken und gut bewaffneten Außerirdischen antreten? Ein Geheimprojekt wird aufgelegt: Bart Stanton hat eingewilligt, sich einem gewagten medizinischen Verfahren zu unterziehen, das ihn in einen superstarken und reaktionsschnellen Übermenschen verwandelte. Seit Jahren trainiert er für die Begegnung mit dem Neip, der währenddessen seine Raub- und Mordzüge fortsetzen darf.

Endlich läuft der große Plan an. Um den Neip in seinem Schlupfwinkel zu halten, wird ein Täuschungsmanöver inszeniert, das bis auf den menschlich kolonisierten Planetoidengürtel zwischen Mars und Jupiter hinausgreift. Dann macht sich Stanton in die Tiefe auf, wo er sich dem Neip entgegenstellen soll. Über bestimmte Details des Unternehmens haben ihn seine Vorgesetzten allerdings nicht informiert ...

Sie kommen meist unwillkommen

Wie viele Außerirdische mag es wohl auf die Erde verschlagen haben? Glaubt man der Fachliteratur - „Science Fiction“ genannt - fliegen sie seit mehr als einhundert Jahren unseren Planeten entweder gezielt mit ihren Raumschiffen an, oder sie haben einen Unfall und müssen hier notlanden. In beiden Fällen verhielten sie sich vor allem in der frühen Ära der SF eher feindselig. Sie kamen gleich mit einer Flotte, um als „Bug-Eyed Monsters“ glotzäugig und gemein die Männer zu unterwerfen. die Erdfrauen zu rauben - warum bloß? - oder die Menschheit überhaupt auszurotten.

Als Bruchpilot begannen sie nach dem Zweiten Weltkrieg und im Rahmen einer ‚gereiften‘ SF schüchtern um Hilfe zu bitten, wie beispielsweise Hal Clement (1922-2003) in Romanen wie es „Needle“ (1949; dt. „Symbiose“ bzw. „Die Nadelsuche) oder „Iceworld“ (1951; dt. „Eiswelt“) kongenial in Worte fasste. Aus Jägern wurden schnell Gejagte, denn im Zuge des Kalten Krieges wurde Unbekanntes der jeweils feindlichen Seite zugeschrieben. Das Militär rückte aus, und ‚Mediziner‘ zückten funkelnde Skalpelle.

Der Neip ist weder der typischenUnhold aus dem All noch hilflos gestrandet, sondern in erster Linie fremd und unvertraut mit der Realität einer (Menschen-) Gesellschaft, die er mit den eigenen Erfahrungen nicht in Einklang bringen kann. Im Laufe der Handlung schält sich heraus, dass die Biologie der Neips trotz ihrer bizarren Gestalt auch dem Menschen bekannten naturwissenschaftlichen Regeln folgt. Dagegen nahm ihre gesellschaftliche Entwicklung eine gänzlich andere Richtung. Während die Menschen zumindest theoretisch begreifen, wie der Neip denkt = wie er sich verhalten wird, ist dieser umgekehrt überfordert. Technisch mag er den Erdlingen überlegen sein, doch sein Kommunikationsspektrum ist schmal und starr. Nach seiner Notlandung gab es einige von ihm fehlinterpretierte Ereignisse, die nunmehr sein Vorgehen bestimmen.

Nach Hause telefonieren ...

Ungeachtet dessen ist der Neip kein Killer. Er will nur heim und arbeitet fieberhaft an einem entsprechenden Gerät. Leider ist er kein Fachmann, sodass er immer wieder scheitert. Dies macht dann neue Streifzüge nötig, in deren Verlauf weitere Menschen umkommen. Der Neip betrachtet sie als Störenfriede, die sich ihm wie Ungeziefer in den Weg stellen, tötet sie aber trotzdem aus seiner Sicht ‚respektvoll‘. An eine Invasion und die Eroberung der Erde denkt er dagegen nicht.

Dennoch lässt diese Möglichkeit die Menschen verständlicherweise nervös reagieren. Sie wollen den Neip unbedingt aufhalten, bevor seine Artgenossen über dem Planeten erscheinen. Gleichzeitig hätten sie sich gern mit ihm verständigt, denn natürlich wäre das Neip-Wissen interessant. So ist das von Autor Darrel T. Langart nur zögerlich enthüllte Geheimprojekt ein doppelzügiges Unternehmen - nicht wirklich plausibel, aber aufregend. So weiß nicht einmal der medizinisch ‚gepimpte‘ Bart Stanton, was er eigentlich tun soll, wenn er dem Neip endlich gegenübersteht, weil erst die Situation gewisse Hypnosesperren löst, hinter denen der eigentliche Auftrag zum Vorschein kommt.

Diese Geheimhaltung ist Teil des Spannungsaufbaus und bereitet die finale Überraschung vor. Bis es soweit ist, stellt uns Langart einen Mann vor, der sich dem Neip nicht grundlos ähnlich fühlt: Beide sind Außenseiter auf der Erde. Stanton ist körperlich und geistig so aufgerüstet, dass ihm seine Mitmenschen träge und dumm erscheinen. Er fragt sich, wie seine Zukunft aussehen wird, sollte er die Konfrontation mit dem Neip überstehen. Der Mensch und der Außerirdische tun auf ihre Art alles, was ihnen möglich ist - der Originaltitel „Anything You Can Do ...“ ist deutlich hintergründiger als die deutsche ‚Übersetzung‘.

Der Mann mit den vielen Namen

Einen „Darrel T. Langart“ hat es nur als Autor diverser SF-Romane und -Storys gegeben; der Name ist ein Anagramm: Hinter diesem und vielen anderen Pseudonymen verbarg sich der fleißige Randall Garrett (1927-1987), dessen Werk heute bis auf eine Ausnahme vergessen ist: Zwischen 1964 und 1979 verfasste er eine Reihe von Erzählungen um den Magier und Detektiv Lord Darcy, der in einer Prä-Steampunk-Vergangenheit lebt, in der Frankreich stets Englands Kolonie blieb. Zauberei, Spuk und Monster sind alltäglich in dieser Welt, in der Darcy wie Sherlock Holmes Verbrechen rational aufklärt, aber eben den übernatürlichen Aspekt berücksichtigen muss.

„Die fremde Macht“ ist ein früheres Werk, das zunächst in zwei Teilen im SF-Magazin „Analog Science Fact & Fiction“ (Ausgaben Mai/Juni 1962) und ein Jahr später als Buch erschien. Garrett zeigt sich als Autor, der zwar die Spannungselemente des Plots nicht unterschlägt, diese aber nicht in den Vordergrund stellt. Der Neip ist nicht nur das „Monster der Woche“, sondern besitzt durchaus (eine) Persönlichkeit. Lange Passagen beschreiben, wie die Menschen versuchen, ihn in seiner Fremdheit zu verstehen. Hinzu kommen Stantons Selbstzweifel, in denen Garrett geschickt die Verständnislosigkeit des Außerirdischen spiegelt.

Garretts Karriere endete schon früh. Bereits vor 1979 hatte er durch zum Teil bizarres bzw. übergriffiges Verhalten Aufsehen erregt. Wo immer Frauen anwesend waren, lernten sie seine flinken Finger und schlüpfrigen Wortspiele zu hassen. Lange vor „#MeeToo“ kam er damit und mit seinem Drang zum außerehelichen Sex durch. Womöglich waren dies unerkannte und unbehandelte Anzeichen. 1979 erkrankte Garrett jedenfalls an einer Hirnhautentzündung, die sein Gedächtnis praktisch löschte. Mit gerade einmal 52 Jahren war er zum Invaliden geworden. Zwar erschienen noch Romane und Storys mit seinem Namen, doch diese hatte seine Gattin Vicki Ann Heydron, ebenfalls eine Schriftstellerin, verfasst. Nur wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag starb Garrett am Silvestertag des Jahres 1987.

Fazit:

Der Absturz eines Außerirdischen auf der Erde löst zwar die bekannte Hatz aus, doch tatsächlich werden die Absichten des ‚Besuchers‘ und die Reaktionen seiner Jäger vergleichsweise objektiv betrachtet. Die Handlung spannend und vor allem erstaunlich unberechenbar: ganz sicher nicht die typische Paranoia-SF aus der Ära des Kalten Krieges.

Die fremde Macht

Darrel T. Langart, Goldmann

Die fremde Macht

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