Ein Traum in Rot

  • DuMont
  • Erschienen: Januar 1990
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Ein Traum in Rot
Ein Traum in Rot
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Michael Drewniok
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonAug 2026

Das Schicksal findet dich immer

In den 1930er Jahren scheint die Welt in diesem abgelegenen Südwinkel Polens noch in Ordnung zu sein. Graf Adam Chlodowski residiert auf dem Gut Rafalowka und führt das Leben eines Landadligen. Allerdings hängt seine Existenz an einem seidenen Faden, den seine Schwester hält: Fehlentscheidungen haben ihn sein Vermögen gekostet, weshalb er nur noch seinen Ruf besitzt und froh sein darf, mit seinen Kindern Elisabeth und Stanislaus auf Rafalowka zumindest standesgemäß wohnen zu dürfen.

Chlodowski führt sein Verderben auf einen Fluch zurück. Schon vor dem offiziellen Ende des Ersten Weltkriegs tobte in Russland die Revolution. Einige Jahre kämpften die „weißen“ Zaristen gegen die „roten“ Bolschewiken, bis diese die Oberhand behielten. Der Bürgerkrieg wurde ohne Pardon geführt, kostete unzählige Leben und ruinierte die alte Oberschicht: Auf Rafalowka gestrandet sind viele Bedienstete russische Adlige und hohe Militärs, die nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches enteignet wurden und flüchten mussten.

Eines der Opfer war Wera, eine Kusine Chlodowskis, die er eigentlich hatte heiraten wollen. Stattdessen ging Wera ins Kloster, bevor sie nach Ausbruch der Revolution nach Osten bis in die Mongolei flüchtete. Sie wurde die Geliebte eines zwielichtigen Mannes, dem sie einen Sohn namens Wladimir gebar. Bald darauf kamen beide Eltern um. Chlodowski hätte sich um das Kind kümmern müssen, doch Adam fürchtete - s. o. - eine Prophezeiung, der zufolge ihm Wladimir den Tod bringen würde. Also schickte er Geld in die Ferne, so lange ihm dies möglich war, und vermied ansonsten jeglichen Kontakt.

Nun kann der Graf nicht mehr zahlen. Der nun erwachsene Wladimir möchte ihn besuchen - oder den Fluch erfüllen? Chlodowski will ein Treffen unbedingt vermeiden. Doch das Schicksal hat längst gegen ihn entschieden, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf ...

Flucht ist sinnlos

Der Mensch ist ein Rohr im Sturm der Zeit, der Geschichte und des Schicksals. Es mag sich biegen, aber ist die Belastung zu hoch, wird es brechen. Kann man sich überhaupt schützen? Das Schicksal ist - wenn man es denn als faktisches Phänomen anerkennt - eine Macht, die über dem Menschen steht. Man kann versuchen, sich zu wappnen oder es auszumanövrieren, doch es besitzt ein unerschöpfliches Beharrungsvermögen und vermag sich auf Gegenmaßnahmen einzustellen. Dass es auf seinem Weg Menschenleben beeinflusst oder sogar zerstört, ist ihm gleichgültig. Das Schicksal ist zudem blind, was Werte wie Mitleid oder Gerechtigkeit betrifft.

Graf Adam Chlodowski mag sich damit verständlicherweise nicht abfinden. Schon lange kennt und fürchtet er die Prophezeiung - den Fluch -, die bzw. der sich gegen ihn und seine Familie richtet. Entsprechende Schläge haben ihn in dieser Hinsicht seiner Illusionen beraubt. Dennoch will er sich - so ist der Mensch laut Lernet-Holenia - nicht kampflos ergeben. Die Quelle seines Unglücks meint er in jenem ihm nur bekannten, aber nie gesehenen Wladimir erkannt zu haben. Den hält er deshalb seinem Heim so fern wie möglich.

Das Schicksal hat sich nicht täuschen oder besänftigen lassen. „Wladimir“ ist mehr als der Fluch der Chlodowskis - womöglich ein Dämon oder gar der Antichrist, der nicht nur den Grafen und seine Familie, sondern die gesamte Menschheit in Unglück und Tod stürzen soll. So ist es beschlossen, und zumindest für einige Zeit läuft es so ab. Was auch geschieht oder geplant wird, um das Verhängnis abzuwenden, scheitert bzw. öffnet eine neue Ereignisebene, auf der sich das Ende der Chlodowskis fortsetzt.

Kläglicher Aufstand hilfloser Marionetten

Autor Lernet-Holenia lässt das Unglück langsam, aber unerbittlich nahen. Die Vorgeschichte enthüllt der Graf dem zukünftigen Schwiegervater seiner Tochter, der die Enthüllungen erst mit rationalen Einwänden kontert, dann jedoch entsetzt einknickt und heilfroh ist, als die Hochzeit nicht zustande kommt. Dass sich um ihn herum das Netz zu schließen beginnt, kann und will der Graf nicht sehen.

Immer wieder weitet sich die Handlung und spielt auf die (historischen) Ereignisse im Russland bzw. der entstehenden Sowjetunion nach 1917 an. Die Oktoberrevolution fegte den seit Jahrhunderten herrschenden Adel und die „Bourgeoisie“ hinweg, doch statt der versprochenen „Herrschaft des Volkes“ entstand eine Diktatur, die für millionenfaches Sterben verantwortlich war und erst 1991 ihr (offizielles) Ende fand. Lernet-Holenia schildert das Leben auf Gut Rafalowka als trügerische Idylle, denn wie sich herausstellt, hat sich ‚revolutionäres‘ Gedankengut kontinuierlich verbreitet und der „Traum in Rot“ längst auch in dieser polnischen Nische Fuß gefasst.

Zwei Jahrzehnte nach der Revolution und in Kenntnis des stalinistischen Terrors fühlt sich Lernet-Holenia in seiner Ansicht bestätigt, dass der ‚Ordnung‘ des Zarenreiches das bolschewistische Chaos gefolgt ist. Der gesellschaftliche Umsturz findet auch dieses Mal nicht statt; sehr bald laufen die ‚Revolutionäre‘ von Rafalowka kopf- und ratlos umher, denn womit sie das alte System ersetzen wollen, wissen sie nicht.

Die Furcht vor dem Osten

Viel Raum gibt der Verfasser seinem generellen, aber ‚begründeten‘ Misstrauen gegen den ‚Osten‘. Mehrfach spricht er explizit jenes angebliche Fremde an, dessen Ursprung er im ostasiatisch-chinesischen Raum lokalisiert. Man solle die Menschen dort tunlichst in Ruhe lassen, so sein Schluss, denn sonst kommen sie wie einst unter Dschingis-Khan gereizt über Europa. Die rot-sowjetischen Attacken im mongolisch-chinesischen Grenzraum betrachtet Lernet-Holenia als zusätzlichen Zündfunken, der nicht weniger als den Jüngsten Tag auslösen könnte. Eigentlich müsste der Titel seines Buches „Ein Albtraum in Rot“ lauten.

Die Angst personalisiert der Autor in der Figur des Antichristen. Die Bibel kündigt ihn als Auslöser des Jüngsten Tages an, wobei Lernet-Holenia immerhin einen Ausweg bietet: Der Antichrist kann gestoppt werden, bevor er die Apokalypse einleitet. Er muss sich dem nicht fügen, sondern kann selbst über sein Tun bestimmen, obwohl ihn die Verweigerung des Weltuntergangs das Leben kosten wird.

Als „Ein Traum in Rot“ 1939 veröffentlicht wurde, stand Europa vor einem neuen (Welt-) Krieg. Die Zeichen waren deutlich, aber Lernet-Holenia verschloss sich ihnen. Seine Geschichte endet optimistisch. Zwar sterben viele Protagonisten, doch der Antichrist entscheidet sich gegen seine Mission, weshalb sich das zum Umsturz aufgepeitschte Volk beruhigt und eine weitere ‚Neuordnung‘ (= ein neuer Mongolensturm oder weiterer Bolschewikenterror) unterbleibt. Das Schicksal konnte sich erfüllen. Aus dem „Traum in Rot“ gibt es (für die Überlebenden) ein Erwachen. In der Realität begann kurz darauf die Vernichtung Polens durch Nazi-Deutschland und dann der Zweite Weltkrieg.

Die Gegenwart des Irrealen

Für die Fans des ‚realistischen‘ Horrors dürfte „Ein Traum in Rot“ eine harte Lektüre sein. Es gibt keine Phantome oder Monster, die unheimlich oder blutrünstig zwischen den Zeilen toben. Die Phantastik ist mannigfaltig, und sie ist auch und gerade dort präsent, wo man sie suchen bzw. fühlen und empfinden muss. „Ein Traum in Rot“ gehört zu jenen Werken, die eine Mitarbeit der Leser erfordern. Will man sich auf die seltsame Welt von Rafalowka einlassen?

Wer es versucht, wird belohnt werden. Das phantastische Element kommt einerseits symbolträchtig daher, weshalb eine Grundkenntnis des historischen Hintergrunds nützlich, aber nicht zwingend notwendig ist: Lernet-Holenia übertreibt es nicht mit der Chiffrierung. In der Regel erklärt er die Bilder, die er heraufbeschwört. Die Analogien sind deutlich; tatsächlich kann man von einer Überhöhung ins Unverständliche - immer noch gern als Merkmal ‚echter‘ Hochliteratur gefeiert - nicht sprechen. Mögliche Fragen beantwortet ein knappes, aber informatives Nachwort.

Alexander Lernet-Holenia (1897-1976) wurde als Schriftsteller oft kritisiert; dies auch deshalb, weil er nicht unbedingt oder stets den anspruchsvollen Leser bedienen wollte, sondern sich stilistisch verständlich gab, d. h. so schrieb, dass man seinen Worten und Sätzen ungeachtet diverser altmodischer Ausdrücke und Wendungen noch heute problemlos folgen kann und mag. „Ein Traum in Rot“ erzählt zweifellos eine seltsame Geschichte, doch dies auf eine Weise, die auch den skeptischen Leser einfangen kann.

Fazit:

Die Erfüllung eines Schicksalsfluches spiegelt die nur scheinbar bewältigten Wirren historisch-menschlichen Handelns wider. Symbolstark, aber verständlich spinnt der Verfasser ein Netz, in dem Realität und Phantastik eine erstaunliche Symbiose eingehen.

Ein Traum in Rot

Alexander Lernet-Holenia, DuMont

Ein Traum in Rot

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