Krater der Hölle

  • Pabel
  • Erschienen: März 1956
  • 0
Krater der Hölle
Krater der Hölle
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
70°1001

Phantastik-Couch Rezension vonAug 2026

Atom-Fluch der guten Tat

Nach einem kurzen, weltweit und atomar geführten Krieg haben die Staaten der Erde beschlossen, sämtliche Kernwaffen abzuschaffen. Noch immer sind die Folgen der Zerstörung und radioaktiven Strahlung akut. Der Globus wurde in Zonen unterteilt, über die jeweils ein „Direktorat“ zentralistisch regiert. Darüber steht nur die „Friedensliga“, die notfalls unter Einsatz von Meuchelmord dafür sorgt, dass nirgendwo mehr ein Krieg vorbereitet werden kann.

Das Direktorat England steht vor dem Kollaps. Die Ressourcen sind erschöpft, die Böden ausgelaugt. Energie ist knapp, und der Winter steht bevor. Hilfe von außen ist nicht zu erwarten; wer über Bodenschätze und Nahrung im Überfluss verfügt, treibt damit Handel, an dem England sich nicht mehr beteiligen kann.

Professor Conway wurde einst entlassen, weil er die Rückkehr zur nur noch friedlich genutzten Atomkraft forderte. Nun betreibt er im schottischen Hinterland ein privates Labor und treibt seine Forschungen heimlich weiter. Er glaubt an den endlich erreichten Durchbruch und startet seine Maschine, die den Atomen ihre Energie kontrolliert ‚absaugen‘ und zur Nutzung bereitstellen soll.

Das Unternehmen glückt und scheitert gleichzeitig: Tatsächlich fließt Energie, doch gleichzeitig hat das Gerät einen Atombrand ausgelöst, der nun ein Loch in Englands Boden frisst und sich kontinuierlich vergrößert. Binnen eines Jahres wird das unlöschbare Feuer die gesamte Erde vernichten. Geheimhalten lässt sich die Katastrophe auf Dauer nicht. In der Not vergessen die Menschen alte Konflikte und arbeitet zusammen, um die Apokalypse zu verhindern ...

Im Windschatten eines echten Weltkriegs

„Krater der Hölle“ ist ein interessanter Roman - grob und mit holzschnittartigen Figuren besetzt, aber voller Details, die unfreiwillig viel über die Gegenwart erzählen, in der diese Geschichte entstand. 1954 lag der Zweite Weltkrieg noch kein Jahrzehnt zurück. Großbritannien zählte zu den Gewinnern, doch jahrelange Kämpfe hatten das Land an den Rand des Untergangs und Ruins gebracht. Die Friedenswirtschaft schien einfach nicht wieder in Gang zu kommen. Man war keine wirkliche Großmacht mehr. Die USA, die Sowjetunion und China schoben sich an Großbritannien vorbei.

Edwin Charles Tubb (1919-2010) hatte nicht nur die nazideutschen Angriffe auf seine Heimatinsel, die Zerstörungen und die Versorgungskrisen miterlebt, sondern erfuhr auch von den Gräueln des Holocaust und den unzähligen anderen Schrecken, die weltweit auch psychischen Terror verbreitet hatten. Es fiel ihm deshalb leicht, die Auswirkungen auf die Spitze zu treiben. „Krater des Todes“ ist sicherlich rasch heruntergeschriebener Pulp, aber die beschriebenen Erfahrungen waren Tubb offenkundig so präsent, dass er sie immer wieder einfließen ließ.

Welchen Politikern sollte und konnte man noch Glauben schenken? Würden die Engländer, gebeutelt von Lebensmittelrationierungen, Energiemangel und Geldentwertung, Verführern folgen, die Abhilfe versprachen, ohne an eine konkrete Umsetzung auch nur zu denken? Die Bevölkerung war unzufrieden und unruhig. Tubb lässt die „Anarchisten“ agitieren und sabotieren. Sie symbolisieren die zeitgenössische Furcht vor „fünften Kolonnen“ aus dem kommunistischen Ostblock, die den „Kapitalismus“ zu Fall bringen wollten: Der Kalte Krieg wurde heißer.

Loch ohne Boden

Letztlich ist der titelgebende „Krater zur Hölle“ beinahe nebensächlich, der Science-Fiction-Faktor eher eine Behauptung. Die Welt der Zukunft ist mit der Gegenwart der frühen 1950er Jahre identisch. Sie funktioniert weiterhin analog und wäre ohne Papier aufgeschmissen. Die „Liga“ besitzt immerhin einen Großcomputer, der allerdings wie eine Dampfmaschine bedient werden muss und schließlich einen Lochstreifen ausspuckt, der händisch zu übersetzen ist. Das Gerät zur Atomstromgewinnung bastelt ein Single-Genie in einem Geräteschuppen zusammen. Tubb sorgt pflichtschuldig für Technobabbel, wenn er die Funktion beschreibt, aber selbst ein physikalischer Laie merkt sofort, wie dürftig die ‚Erklärungen‘ klingen.

Dramatik keimt auf, wenn das Loch in der Erde an Durchmesser gewinnt. Hier gelingen Tubb eindrucksvolle Szenen vom Rand des Kraters, der giftig leuchtende Gase in den Himmel bläst und sich gierig voranfrisst. Als zu guter Letzt (selbstverständlich) eine Methode gefunden wird, den Atombrand zu stoppen, werden die Beschreibungen erneut vage und märchenhaft.

Die Moral dieser Geschichte ist Tubb wichtiger. Alle Protagonisten müssen verkrustete Strukturen aufbrechen und ihr Misstrauen überwinden, was nicht ohne Rückschläge und Widerstände bleibt. Tubb charakterisiert Carroll, den Sicherheitschef des Direktorats, als patriotischen, skrupellosen Mann, der sich an die Macht putschen will, um ein Ende von Englands Notlage notfalls zu erzwingen. Er bezeichnet sich als „gemäßigter Diktator“ und merkt nicht, dass Zwang und Tod längst zu seinen ‚Methoden‘ geworden sind.

Der Zweck heiligt die Mittel

Man könnte Tubb als Autor bezeichnen, der auf seine Figuren wenig Rücksicht nimmt. Helden haben stets viel durchzuhalten. Auch in „Krater der Hölle“ werden sie gefoltert, um Wissen herauszupressen, und der Tod ist nie fern. Gnadenlosigkeit ist ein Merkmal, das Tubbs SF-Welten verbindet. Dies sticht besonders wegen der kühlen Sachlichkeit hervor: Für die Bewohner des Kosmos’ ist es der Normalzustand, dass die Starken unter Einsatz von Gewalt herrschen. (Besonders berüchtigt ist in dieser Hinsicht Tubbs „Cap-Kennedy“-Serie, die als „Commander Scott“ auch in Deutschland erschien und dessen Hauptfigur als „Agent der Erde“ Feinden aller Art als Ankläger, Richter und Henker in Personalunion begegnet.)

Carroll lässt aus Gründen der „Sicherheit“ Pechvögel, die im Umfeld des Kraters radioaktiv verstrahlt wurden, ‚human‘ töten, um eine Panik zu vermeiden. Selbst die hehre „Liga“ handelt nach dem Motto, dass jeder, der die Macht vor das Recht stellt, vorsichtshalber umzubringen ist; ein Widerspruch, den Tubb nie auflöst, auch wenn er den Gewissensqualen des Attentäters Neil Hammond - einer weiteren Hauptfigur - viel Raum gibt.

Interessant ist, dass Tubb die „Liga“ als Mutation einer eigentlich lobenswerten Institution beschreibt. Sie ist das fiktive Echo der realen „Vereinten Nationen“. Auch Tubb hoffte offenbar vage, dass eine solche Einrichtung die Mächte dieser Erde an einen Tisch bringen würde, um einen weiteren Weltkrieg zu vermeiden. Doch wie üblich bleibt er misstrauisch: Macht korrumpiert, und Solidarität entsteht höchstens, wenn der Boden unter deinen Füßen zerfällt. Das Finale weckt Hoffnungen, aber Tubb entlässt die beschriebene Zukunftswelt mit mehr als genug offenen Fragen und potenziellen Konfliktauslösern!

Fazit:

Im Rahmen einer abenteuerlichen Katastophenhandlung spielt der Autor das Szenario einer krisengeschüttelten Gesellschaft der Nachkriegszeit durch und spiegelt darin die zeitgenössische Gegenwart wider: interessante Trash-SF mit unerwartet doppeltem Boden.

Krater der Hölle

E. C. Tubb, Pabel

Krater der Hölle

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Krater der Hölle«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Sci-Fi & Mystery
(MUSIC.FOR.BOOKS)

Du hast das Buch. Wir haben den Soundtrack. Jetzt kannst Du beim Lesen noch mehr eintauchen in die Geschichte. Thematisch abgestimmte Kompositionen bieten Dir die passende Klangkulisse für noch mehr Atmosphäre auf jeder Seite.

Sci-Fi & Mystery