Phantome

  • Edition Dornbrunnen
  • Erschienen: Januar 2026
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Michael Drewniok
75°1001

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2026

Liebe & Wahnsinn - ein inniges Paar

Acht Geschichten aus den Jahren 1908 bis 1929 kreisen um die Liebe und den Wahnsinn, die im Tod münden, aber keineswegs enden müssen:

- Lars Dangel: Begleitwort, S. 7-27

- Der Kamin der Diana (1908), S. 29-41: In Venedig stößt er in einem verlassenen Palazzo erst auf die tragischen und dann auf die grässlichen Folgen einer großen Liebe.

- Der Mann mit der Puppe (1914), S. 42-49: Was ihm als grotesker Jahrmarkt-Trick vorgegaukelt wird, kann den Zuschauer nicht täuschen.

- Der Ring (1915), S. 50-59: Die Kriegsbeute erweist sich als ‚Speicher‘ unheimlicher Gefühle, die ihn nicht mehr loslassen.

- Der Andere (1916), S. 60-68: Der seltsame Gefährte erzählt ihm von jenem abenteuerlichen Leben, nach dem er sich insgeheim sehnt.

- Der Spiegel (1919), S. 69-86: Sie verliebt sich in ihr Spiegelbild und verleiht diesem dadurch die Macht, sich selbstständig zu machen.

- Pygmalion (1920), S. 87-103: Die Puppe ersetzt ihm die verschwundene Geliebte, bis diese heimlich zurückkehrt und in die Rolle des Popanzes schlüpft.

- Das Lächeln der Gioconda (1922), S. 104-112: Erzählt wird die wahre, unheimliche Geschichte, wie Leonardo da Vinci die „Mona Lisa“ malte - und tötete.

- Die Strafe (1917), S. 113-116: Hat ihn ein Fluch - zumindest im Geist - tatsächlich in ein Pferd verwandelt?

- Die Tote schreibt (1917/1929), S. 117-124: Was die tote Gattin ihm spukend enthüllt, beschert dem trauernden Gatten eine böse Überraschung.

- Mörder? (1929), S. 125-133: Die Eifersucht zerfrisst ihn, bis sie ihn gänzlich beherrscht und handeln lässt.

- Die Katze (1929), S. 134-144: Das nur scheinbar freundliche Tier kontrolliert die Treue des zu Trauer und Treue verurteilten Witwers.

- Bibliografische Angaben, S. 145-147

Im Würgegriff der Emotionen

Angst und Schrecken sind die ersten Gefühlsaufwallungen, die einem im Zusammenhang mit dem Auftritt von Gespenstern in den Sinn kommen. Wer wäre nicht erschrocken, würde sich ihm oder ihr ein Phantom zeigen, dessen Körper nachweislich tief in kühler Erde steckt? Man trauert, aber das legt sich, sobald es zu einer postumen Wiederbegegnung kommt.

Da diese Reaktion nur einen engen Rahmen für wirklich interessante Spukgeschichten lässt, wird er um weitere Emotionen erweitert. Die Prämisse lautet nun, dass der Tod zwar das Leben, nicht aber Gefühle beenden kann. Was den Menschen zu Lebzeiten intensiv beschäftigt, quält ihn womöglich so, dass er ‚zurückkehrt‘ und versucht, das nachzuholen, was ihm vor dem Ende nicht mehr gelang.

Rache ist ein Motiv, das (vor allem den gewaltsamen) Tod mit dem Spuk plausibel verbindet: Der Täter wurde nicht erwischt, weshalb ihm oder ihr der wütende Geist auf den Fersen ist. In dieser Sammlung phantastischer Geschichten fließt Rache nur einmal und dann eher als Merkmal einer ins Gegenteil verkehrten Liebe ein: In „Die Katze“ gönnt die tote Gattin dem (an ihrem Tod unschuldigen) Gatten kein neues Glück und bestraft ihn für entsprechende ‚Verstöße‘.

Die unheimlich einfache Lösung

Generell geht Kurt Münzer über simple Vergeltung nach dem Tod hinaus. Er stellt hochdramatisch die tragische Liebe in den Mittelpunkt, die nach Erlösung bzw. Erfüllung sucht. Sehr deutlich wird dies in den Erzählungen „Der Kamin der Diana“ und „Die Tote schreibt“. Die Intensität des Spuks steigert sich, indem er eine Hintergrundgeschichte offenbart, die zu Lebzeiten des Geistes unbekannt blieb oder vertuscht wurde, weil diese Ereignisse gesellschaftliche Konventionen verletzt hatten.

„Der Ring“ ist ein Objekt, das ‚verflucht‘ wurde, weil ein Geist im Augenblick des Todes dort hineingefahren ist. Zwar bleibt er an den Ring gebunden, doch das Objekt wurde klug gewählt: Ein Ring wird (vgl. Tolkien) stets Aufmerksamkeit erregen und notfalls auch einer Leiche entwendet. Dann ist der Kontakt geschlossen - wie das vonstattengehen kann, thematisiert Münzer abermals voller Pathos in „Das Lächeln der Gioconda“ -, und die Heimsuchung beginnt.

Eine Rettung ist möglich, aber der Preis hoch („Der Ring“). In der Regel folgt jedoch sehr klassisch die Strafe der (unschuldigen) Neugier: Der Mensch sollte die Finger von Geheimnissen lassen, die ihm fremd bzw. verschlossen sind. Der Schritt dorthin, wo Gesetze herrschen, die aus der ‚normalen‘ Welt nicht bekannt sind, kann vor allem deshalb gefährlich werden, weil ‚drüben‘ durchaus ‚Leben‘ existiert. Es ist dem lebenden Menschen nicht unbedingt gewogen und nutzt gern die Gelegenheit, sich diejenigen zu schnappen, die sich nicht fernhalten („Der Spiegel“).

Variationen des Seltsamen

In „Der Andere“ zeigt sich das Jenseits von einer freundlicheren Seite. Das Motiv des Doppelgängers, der auslebt, was sich das ‚Original‘ nicht gestattet, ist schon vor Münzer oft aufgegriffen worden. Nicht immer ist es buchstäblich das Spiegelbild, das sich selbstständig macht. „Mörder?“ lässt ein berühmtes Vorbild mitschwingen: 1886 schilderte Robert Louis Stevenson (1850-1894) in „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ die Spaltung bzw. Doppelung eines Mannes in eine gleichermaßen reale ‚gute‘ und eine ‚böse‘ Persönlichkeit.

Hier spielt bereits jene Ahnung eine Rolle, nach der schauerliche Taten nicht im Jenseits, sondern primär bzw. ausschließlich im Menschenhirn selbst gründen. Zwei Jahre später bewies der Fall „Jack the Ripper“, dass dem tatsächlich so war, obwohl es noch viele Jahre dauerte, bis der Serienmörder wissenschaftlich akzeptiert war. „Der Mann mit der Puppe“ ist ein solcher Soziopath, der mordet und seine Mitmenschen in Angst versetzt, weil es ihm Vergnügen bereitet.

Wahnsinn wurde sowohl in der ‚hohen‘ wie in der trivialen Literatur seit Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkt eingesetzt. Psychologie und Psychoanalyse entwickelten sich und faszinierten (oder erschreckten) die breite Öffentlichkeit, weil sie Aspekte des Menschengeistes enthüllten, mit denen man nur aus der Ferne zu tun haben wollte. „Pygmalion“ thematisiert den geistigen Verfall einer Frau, obwohl der Vorgang überspitzt und mit Schauereffekten aufgeladen wird. Auch „Die Strafe“ spiegelt trotz des scheinbar humorvollen Untertons die Realität einer schweren psychischen Erkrankung eindringlich wider.

Ein Mann, der nicht mitspielen konnte

Band 43 der „Taschenschmöker aus Vergangenheit und Gegenwart“ bietet Lars Dangel abermals die Gelegenheit, der (deutschen) Unterhaltungsliteratur ein weiteres Kapitel einzufügen bzw. einen historischen Verlust wettzumachen. Normalerweise spürt er in Archiven und Magazinen Storys und Autoren auf, die gänzlich in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie inhaltlich und formal mit den Texten prominenter und nachgedruckter Autoren mithalten können.

Kurz Münzer (1879-1944) war und ist dagegen ein durchaus präsenter Name. Herausgeber Dangel hat dankenswerterweise seiner Sammlung eine ausführliche Biografie dieses Autors vorangestellt. Sie enthüllt ein Leben, dessen Brüche sich im Werk und damit auch in den hier präsentierten Erzählungen wiederfinden. Münzer war ein produktiver Autor, aber in der Literaturszene umstritten. Er galt als ‚verdächtig‘, weil er aus zeitgenössischer Sicht „schlüpfrige Szenen“ allzu sehr liebte, war homosexuell und Jude, was ihm ab 1933 in Nazi-Deutschland zum Verhängnis geworden wäre, hätte sich Münzer nicht in der neutralen Schweiz niedergelassen. Dort konnte man seiner nicht habhaft werden, zerstörte aber in der Nazi-Presse seinen Ruf und schnitt ihn von seinem deutschen Hauptpublikum ab.

Mit den Autoren, die Lars Dangel vor allem in seinen Phantastik-Sammelbänden wie „Der Ring des Thoth“ oder „Die Blumen der Mumie Neith“ vorstellte, kann Münzer als Erzähler nicht mithalten. Sein Stil ist der Zeit so stark verhaftet, dass die Idee dahinter nur bedingt zur Geltung kommt. Vieles wirkt flüchtig - Münzer schrieb viel und schnell, viele seiner Geschichten wurden nur einmal veröffentlicht -, übertrieben bis kitschig, ohne durch Spannung und Intensität abgefangen zu werden. Nichtsdestotrotz lesen sich die besseren Storys sehr unterhaltsam (auch wenn es statt der im Rückentext angekündigten elf nur acht sind).

Fazit:

Interessante Sammlung und Beleg einer (deutschen) Phantastik, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lebendiger als erwartet war (und ist): ein überaus lesenswerter Titel.

Phantome

Kurt Münzer, Lars Dangel (Herausgeber), Edition Dornbrunnen

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