Shining in the Dark
- Buchheim Verlag
- Erschienen: April 2025
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Ritter im Dienst des Grusel-Königs
Ein Dutzend Geschichten erzählen im Stephen-King-Stil von übernatürlichem und alltäglichem Horror:
- Hans-Åke Lilja: 20 Jahre Lilja’s Library. Ein Vorwort, S. 11-14
- Stephen King: Der blaue Kompressor. Eine Erzählung des Grauens (The Blue Air Compressor; 1971), S. 15-28: Den Spott über sein neues Werk nimmt der Autor sehr übel und rächt sich unter Einsatz eines Luftkompressors.
- Jack Ketchum/P. D. Cacek: Internet (The Net; 2006), S. 29-66: Einmal mehr endet eine Liebesgeschichte für den in seiner Impulskontrolle eingeschränkten Andrew in einer Katastrophe.
- Stewart O'Nan: Der Roman des Holocaust (The Novel of the Holocaust; 2006), S. 67-80: Er wurde berühmt mit seinen Erinnerungen an das ultimative Nazi-Grauen, aber was er wirklich erlebte, behält er für sich.
- Bev Vincent: Aeliana (Aelinana; 2017), S. 81-96: Eine Polizistin jagt einen Serienkiller und gerät dabei an eine Gestaltwandlerin.
- Clive Barker: Pidgin und Theresa (Pidgin und Theresa; 1993), S. 97-114: Als einem Engel die Himmelfahrt eines Heiligen entgleitet, verwandeln sich ein Papagei und eine Schildkröte in Menschen, was sie in arge Verwirrung stürzt.
- Brian Keene: Das Ende aller Dinge (An End to All Things; 2017), S. 115-124: Nach einem Schicksalsschlag sehnt er den Untergang der Welt herbei, der jedoch nicht kommen will.
- Richard Chizmar: Totentanz (Cemetery Dance; 2017), S. 125-130: Mörder Elliot ist überzeugt, dass Opfer Kassie nach ihrem Tod endlich sein Flehen um eine Beziehung erhört.
- Kevin Quigley: Die Verlockung der Flamme (Drawn to the Flame; 2017), S. 131-190: Johnny, Chip und Bobby geraten in ein Spukhaus, das von einem irren Killer mit Fallen gespickt wurde.
- Ramsey Campbell: Der Gefährte (The Companion; 1976), S. 191-208: Stone liebt Jahrmärkte, aber diesen wird er wohl nicht mehr verlassen.
- Edgar Allan Poe: Das verräterische Herz (The Tell-Tale Heart; 1843), S. 209-216: Der Mörder käme davon, würde ihn sein schlechtes Gewissen nicht im Stich lassen.
- Brian James Freeman: Mutterliebe (A Mother’s Love; 2017), S. 217-222: Andrew findet als liebender Sohn einen Weg, um seiner kranken Mutter einen Platz im Pflegeheim zu räumen.
- John Ajvide Lindqvist: Das Handbuch des Hüters (The Keeper’s Companion; 2017), S. 223-266: Während eines Horror-Rollenspiels beschwört Albert versehentlich einen Dämon herauf, der ihm von nun an nicht mehr von der Seite weicht.
- Hans-Åke Lilja: 20 Jahre Lilja’s Library. Ein Nachwort, S. 267-269
- Quellen und Copyrights, S. 270-272
Tribut an einen König des Schreckens
1997 gründete der Schwede Hans-Åke Lilja die Website „Lilja’s Library - The World of Stephen King“. Er gehörte zu jenen Fans, deren Begeisterung nicht nur ein Strohfeuer entfachte. Stattdessen blieb er intensiv aktiv, fischte und fand einschlägige Informationen über Kings Werk und Leben, sorgte dafür, dass „Lilja’s Library“ zu einer der beliebtesten Fansites aufstieg und auch dem Schriftsteller selbst bekannt war.
Dies erwies sich als hilfreich, als Lilja beschloss, das zwanzigjährige Jubiläum seiner Website auf besondere Weise zu feiern: mit einem Sammelband, zu dem Autoren Geschichten beitragen sollten, die in Form und Inhalt an Stephen-King-Werke erinnerten. Siehe da: Lilja konnte nicht nur bekannte Namen der literarischen Phantastik für sein Projekt begeistern, denn King selbst lieferte einen (beinahe) exklusiven Beitrag; eine Story, die er vor langer Zeit (1971) veröffentlicht und anschließend in jener Schublade aufbewahrt hatte, in der Schriftsteller ihre nicht wirklich gelungenen Texte begraben. In der Tat ist „Der blaue Kompressor“ ein Frühwerk, das die Meisterschaft späterer King-Erzählungen vermissen lässt. Von Bedeutung war jedoch vor allem der Name, der den Ritterschlag für die Lilja-Anthologie darstellte.
Es entstand eine Sammlung, die Grusel-Prominenz wie Clive Barker, Ramsey Campbell oder Jack Ketchum beinhaltet, deren Beiträge in jeder Kollektion gelungener Geschichten gut aufgehoben wären. Die direkte Verbindung zu King und seinem Werk wird in erster Linie dort deutlich, wo Autoren Beiträge eigens für die Lilja-Anthologie verfassten.
Die Schrecken des Jenseits’
Stephen King ist bekannt dafür, dass er auch klassischen Gestalten des Horrors eine Gestalt verleiht, die diese ihrer altmodisch gewordenen Vergangenheit enthebt und in der modernen Gegenwart ansiedelt. Dort müssen sie sich zwar neu orientieren, was ihnen aber erschreckend gut gelingt.
Daran knüpft Bev Vincent mit seiner Schilderung einer Gestaltwandlerin an, die einen neuen Lebensraum im Dschungel der Großstadt gefunden hat. Aeliana ist eine Überlebenskünstlerin, die das Leben nimmt, wie es kommt. Vincent geht nicht auf ihre Vita ein, es gibt keinen Entstehungsmythos. Aeliana ist einfach da, und was der Autor in einer blutigen Tragödie gipfeln lässt, ist für sie nur ein Kapitel ihrer an Schrecken reichen Existenz.
Kevin Quigley beeindruckt mit einem Pastiché, d. h. einem Garn, wie es ein noch jüngerer Stephen King geschrieben haben könnte. Drei Kinder geraten dorthin, wo sie ihre ‚Unschuld‘ nicht schützen wird. In der lebensbedrohlichen Krise müssen sie sich auf sich selbst verlassen und kämpfen. Dabei erleiden sie seelische und körperliche Verletzungen = einen beschleunigten Prozess des Erwachsenwerdens, wie ihn King immer wieder thematisiert hat: Das Ende der Kindheit ist ein unausweichlicher, aber keineswegs durchweg positiver Vorgang. Auch in unserem Fall tragen die Überlebenden ihre Narben in eine ungewisse Zukunft.
John Ajvide Lindqvist ist ein unerwarteter Gastautor, obwohl ihn die (europäische) Werbung schon seit Jahren als „schwedischen Stephen King“ bezeichnet. Lindqvist hat seit jeher eine eigene Stimme. King gleicht er dort, wo er den Schrecken in der modernen Gesellschaft verankert, wo Überforderung und Gleichgültigkeit seine Existenz zusätzlich begünstigen. In „Das Handbuch des Hüters“ erinnert Lindqvist außerdem daran, dass King das phantastische Werk von Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) schätzt, der einen „kosmischen“ und ‚echten‘ Horror über die Welt brachte. King hat immer wieder auf Lovecraft und seinen Kosmos angespielt.
Die Schrecken des Alltags
Schon immer hat Stephen King die (angeblichen) Grenzen des Horrors ignoriert. Mehr und mehr verlagerte er den Schrecken dorthin, wo jenseits übernatürlicher Einflüsse allein der Mensch für grausames Tun verantwortlich ist. Wohl aus diesem Grund hat Lilja die eigentlich zu Tode anthologisierte Kurzgeschichte „Das verräterische Herz“ aufgenommen: Exemplarisch machte Edgar Allan Poe schon 1843 deutlich, dass der unbarmherzigste Gegner des Menschen sein eigener Verstand sein kann.
Jack Ketchum (1946-2018) und Patricia Diana Cacek lassen eine per Mail sich entwickelnde Liebesgeschichte Gestalt annehmen, in deren Verlauf sich allmählich ungute Vorahnungen mischen, die sich im Finale drastisch bestätigen. Die Story funktioniert, doch das Timing lässt zu wünschen übrig, und im Mittelteil schleppt sich die Handlung dahin. Stewart O'Nan versucht sich an einem schwierigen Thema, das auch King mit „Apt Pupil“ (dt. „Der Musterschüler“), erschienen in der Novellensammlung „Different Seasons“ (1982; dt. „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“), nur bedingt gemeistert hat: die Verbindung von Literatur mit dem realen Grauen der nationalsozialistischen Vernichtungslager, das hier über dem Geschehen schwebt. Schrecken kann sprachlos machen; dies erst recht, wenn man Verbotenes oder Unmoralisches = den nicht selbst Betroffenen Unverständliches tun musste, um zu überleben: ein Horror, der sich zumindest im Umfeld dieser Sammlung seine Wirkung nicht entfaltet.
Brian Keene, Richard Chizmar und Brian James Freeman präsentieren vordergründige bzw. auf den Finaleffekt zugeschnittene Storys: handwerklich solides Mittelmaß, wie es auch King verfasst. Zumindest Keene und Chizmar gehen über die übliche Überraschung hinaus und sorgen für einen tragischen, die Story nachträglich verstärkenden Unterton.
Fazit:
Ob diese Anthologie die Phantastik à la Stephen King feiert, ist eigentlich nicht so wichtig. Im Vordergrund steht die Qualität der vorgestellten Erzählungen, die ganz unabhängig das thematische Spektrum des nicht immer grabgeborenen Grauens abdecken.

Hans-Åke Lilja (Herausgeber), Buchheim Verlag

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