Aut Diabolus Aut Nihil 1

  • Blitz
  • Erschienen: Juni 2014
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Aut Diabolus Aut Nihil 1
Aut Diabolus Aut Nihil 1
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Michael Drewniok
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2026

Schrecken - oft formlos, stets präsent

Erste Hälfte einer Sammlung, die düster-dekadente Erzählungen US-amerikanischer Autorinnen und Autoren aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts präsentiert:

- Frank Rainer Scheck: Bevor Lovecraft kam: US-amerikanische Phantastik der Dekadenzzeit, S. 7-38

- Julian Osgood Field: Aut Diabolus Aut Nihil. Die wahre Geschichte einer Halluzination (Aut Diabolus Aut Nihil; 1888), S. 39-77:  Der ungläubige, aber neugierige Priester trifft den Teufel, der ganz anders ist als man ihm nachsagt.

- Emma Frances Dawson: Ein Haus auf Wanderschaft (An Itinerant House; 1897), S. 78-108: Immer wieder geraten der Erzähler und seine Freunde in das verfluchte Zimmer, denn dieses Haus ist transportabel.

- William Chambers Morrow: Sein unbezwingbarer Gegner (His Unconquerable Enemy; 1889), S. 109-129: Dem eigentlich hilflosen, aber eisern entschlossenen Mann gelingt die schreckliche Rache an seinem Peiniger.

- Thomas Russell Sullivan: Der verschollene Rembrandt (The Lost Rembrandt; 1877), S. 130-172: Die Freude der Entdeckung weicht dem Schrecken, als sich ihm das düstere Geheimnis hinter der Darstellung offenbart.

- Gertrude Hall Brownelle: Paula in Italien (Paula in Italy; 1898), S. 173-202: Der sonnige Süden bringt ihr nicht die erhoffte Freiheit, und die zurückgekehrte Schwermut dauert über den Tod hinaus an.

- Albert Bigelow Paine: Das Geheimnis der Evelin Delorme (The Mystery of Evelin Delorme: A Hypnotic Story; 1894), S. 203-267: Die Unerfülltheit ihres Lebens reißt sie buchstäblich entzwei, was die Liebe eines zu lange ahnungslosen Mannes doppelt auf die Probe stellt.

- William Waldorf Astor: Monsieur de Néron (Monsieur de Néron; 1895), S. 269-300: Der altrömische Imperator wurde wiedergeboren und hat seine hässlichen Wesenszüge nicht verloren.

- Ralph Adams Cram: Das Tal des Todes (The Dead Valley; 1895), S. 301-317: Zwei Jungen stolpern über eine hässliche Narbe in der Landschaft, in deren Mitte ein noch hässlicherer Bewohner lauert.

- Gertrude Atherton: Die Zwillinge (The Striding Place; 1896), S. 318-337: Bleibt die Seele nach dem Tod noch eine Weile im Körper - und kann sie dort etwas ausrichten?

Edith Wharton: Eine Herzogin betet (The Duchess at Prayer; 1900), S. 338-367: Da sie ihre verbotene Liebe nicht so geheim blieb, wie sie dachte, kann ihr Gatte subtil, aber grausam Rache üben.

Vom Zauber freiwillig übernommener Trübsal

In einem ausführlichen Vorwort zeichnet Mit-Herausgeber Franz Rainer Scheck (1948-2013) die komplexe Geschichte des „dekadenten“ Horrors US-amerikanischer Prägung nach. Sie soll hier verkürzt wiedergegeben werden, weil dies dem Verständnis bzw. der historischen Einordnung der Texte dienlich ist. Demnach wurden die USA im 19. Jahrhundert als literarisch armes Land betrachtet; dies sogar von den Amerikanern selbst. Zwar erschienen Romane und Kurzgeschichten, aber diese galten als zweitklassig.

Die US-Bürger hielt man für profitorientiert, praktisch und geistig eher flachsinnig. Zudem war das Land, gegründet 1776, noch jung und wies - aus zeitgenössischer Sicht - keine ‚wertvollen‘ historischen Artefakte auf (was jenseits rassistischer Vorurteile völlig falsch ist, da beide Amerikas schon lange besiedelt waren, bevor die Europäer erschienen). Deshalb schickten die wohlhabenden und ‚vornehmen‘ Familien ihre Jugend nach Europa, wo sie in England, Frankreich oder Italien ‚echte‘ Kunst und Bildung kennenlernen sollten.

In Europa stießen diese Besucher auf jene Literaturströmung, die „Dekadenz“ genannt wurde. Sie entstand in einer Stimmung des Unbehagens, als nach der Industriellen Revolution der Alltag zunehmend naturwissenschaftlich und technisch dominiert wurde. Entfremdete sich der Mensch von der Natur, von seinen Wurzeln? War sein Verstand dem Tempo dieser Entwicklung gewachsen? Neue Wissenschaften wie die Psychologie schienen eine Büchse der Pandora zu öffnen, in der geistige Störungen, Ängste und Geisteszerfall nur darauf warteten, über die Menschheit herzufallen.

Ein ungewöhnliches Mitbringsel

Laut Scheck i(denti)fizierten sich die „Intellektuellen“ unter den Besuchern von jenseits des Atlantiks mit dieser Skepsis und brachten sie in die USA, wo man künstlerisch nachempfand, was in Europa tatsächlich gefürchtet (oder zelebriert) wurde - dies durchaus mit großer schriftstellerischer oder auch poetischer Kraft. Außerhalb dieser kulturellen Blase gab es in den USA keine dekadente Grundstimmung; sie war und blieb ein Phänomen, das in sich ruhte, bis es von neuen Literaturformen abgelöst wurde.

Scheck weist darauf hin, dass die meisten der hier versammelten Autorinnen und Autoren ausgedehnte Europareisen unternahmen oder sich sogar dauerhaft hier niederließen. Auf diese Weise verschmolzen sie quasi mit der europäischen Kulturszene (was ‚daheim‘ registriert und gern übelgenommen wurde). Insofern stehen diese Phantasten der Dekadenzzeit zwischen den Welten.

Was sie ersannen, wurde lange eher oberflächlich zur Kenntnis genommen. Die Phase der US-Dekadenz verschwand aus dem allgemeinen Bewusstsein, nachdem ab 1896 die Ära der „Pulp“-Magazine begann, die drei Jahrzehnte später explodierte und eine neue Form der Erzählung forcierte: Die Handlung wurde auf den Punkt gebracht, der emotionale Hintergrund vereinfacht. Diese ‚handfeste‘ Literatur setzte sich durch. Da die Geschichte stets von den Siegern geschrieben wird, gerieten die „Dekadenten“ in Vergessenheit.

Gesellschaftliche Normen und seelischen Nöte

Die Angst speiste sich aus der erwähnten Überforderung. Hinzu kamen soziale Vorgaben, die ein zusätzliches Korsett schufen, in dem vor allem die Frauen litten. Doch auch die Männer mussten sich gesellschaftlichen Normen unterwerfen. Bei Verstößen drohte der kollektive Ausschluss = der öffentliche Tod, den man mehr fürchtete als den finanziellen Ruin. Die ‚Flucht‘ ins freidenkerische Europa schien einen Ausweg zu bieten, aber wie es Gertrude Hall Brownelle (1863-1961) eindringlich beschreibt, nimmt man seine Probleme mit, wenn man sie ungelöst hinter sich lassen will. Albert Bigelow Paine (1861-1937) thematisiert beide Seiten der Medaille, wenn er einer unzufriedenen (unbefriedigten) Frau einen ebenfalls überforderten Mann an die Seite stellt: Das Dilemma ihrer unterdrückten, nie offenbarten Wünsche bricht sich erst übernatürlich seine Bahn und bringt dann den Tod.

Wird wenigstens der Erlösung bringen? Gertrude Atherton (1857-1948) verneint dies ausdrücklich, und Edith Wharton (1862-1937) nennt den Primärgrund: Der Mensch wird zur Triebkraft eines Schreckens, der das Übernatürliche gar nicht benötigt, um zu zerstören und zu töten. Noch grausamer als Wharton fasst es William Chambers Morrow (1854-1923) in Worte. Seine Geschichte trieft in der Tradition der zeitgenössischen „conte cruel“ vor Splatter und Bosheit, was durch die wohlgesetzten Worte nur notdürftig verborgen werden soll. Deutlich zurückhaltender, aber in der Sache ebenso unbarmherzig ist Wharton: Man muss den finalen Dialog zwischen Gatte und Gattin sorgfältig lesen bzw. entschlüsseln, um das Grauen zu verstehen, das sich hier abspielt: Hinter dem vornehmen Zeitgeist lässt sich selbst brutales Unrecht tarnen, dem hier - natürlich und wieder einmal - die schwache = gesellschaftlich geschwächte Frau zum Opfer fällt.

Auf seine Weise ebenfalls ein Opfer ist der Abbé in der Geschichte von Julian Osgood Field (1852-1925). Ihm gelang es zwar, seiner einfachen Herkunft zu entfliehen, aber Wohlstand und Akzeptanz der oberen Stände haben ihm kein persönliches Glück gebracht. Sein unausgesprochener Protest manifestiert sich u. a. in der Tatsache, als Kleriker = Vorbild tatsächlich Atheist zu sein. Die Begegnung mit dem Teufel zerstört ihn, da dieser nicht nur existiert, sondern weit entfernt ist vom Buh!-Schrecken des rothäutig-gehörnten, bocksfüßigen Bösewichts und der Abbé sich in dessen Seelenpein wiedererkennt. Ähnlich gelagert ist William Waldorf Astors (1848-1919) Garn vom reinkarnierten Kaiser Nero, vor dessen in Bosheit gereiften Intrigen ein gegenwärtiger Pechvogel sich einfach nicht retten kann.

Gefangen im Leben wie im Tode

Die Begegnung mit dem (unbekannten) Jenseits mag zunächst wie ein Weckruf wirken. Thomas Russell Sullivan (1849-1916) schildert einen reichen, aber einsamen Mann, der seine Emotionen der klassischen Kunst opfert - ein Trugschluss, denn als ihm die Liebe begegnet, ist er erst recht hilflos und findet sich als unfreiwilliger Mitspieler eines Dramas wieder, das er nach jahrzehntelangem Stillstand in Gang setzt und vollendet; es stößt ihn noch tiefer in seine Trostlosigkeit zurück.

Der klassischen Spukgeschichte bleibt Emma Frances Dawson (1839-1926) zumindest in Form und Ambiente verbunden. Allerdings versteht sie es, einem alten Motiv - der Fluch wird zur angekündigten Strafe des sonst Hilflosen - neues Leben einzuhauchen. Sie verknüpft ihn mit jener Unruhe bzw. Hektik, die man oft mit der USA in ihrer postindustriellen Sturm-und-Drang-Phase gleichsetzt: In diesem Land werden Häuser nicht abgerissen und neu gebaut, sondern einfach vom Fundament gehoben und als Ganzes auf ein anderes Grundstück versetzt! Unter diesen Umständen ist es möglich, immer wieder auf ein Spukzimmer zu treffen, das man in seiner neuen Umgebung zu spät wiedererkennt.

Auf der Schwelle zum prägnanten, nicht hinter Andeutungen und Masken sich rührenden Schrecken führt uns Ralph Adams Cram (1863-1942) dorthin, wo es ohne beschriebene Vorgeschichte umgeht. Es gibt keine Erklärung, und der Horror des Tals zeigt sich nie offen. Genau das steigert Spannung und Grauen, weil man sich lesend nicht nur Gedanken macht, was dort lauert, sondern ihm im Geiste Gestalten gibt, die der Verfasser so intensiv niemals hätte zeichnen können.

Fazit:

Schon im 19. Jahrhundert gab es den Horror, und wie jede (Unterhaltungs-) Literatur war er Strömungen und Moden unterworfen. Diese Erzählungen fallen unter die Kategorie „(amerikanische) Dekadenz“. Inhalt und Form stellen Anforderungen an die Leser, doch lässt man sich - zumal vom Herausgeber kundig informiert - darauf ein, stellt sich der einst hervorgerufene Schrecken immer noch ein.

Aut Diabolus Aut Nihil 1

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