Wer liebt es kalt und Menschenschädel?
Nach einer schweren Krise arbeitet sich Christa Bailey langsam in ein Normalleben zurück. Sie hat in Kiernan sogar einen neuen Lebensgefährten gefunden, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen kann. Um sich besser kennenzulernen, unternimmt das Paar eine Ferienfahrt in die winterlichen Rocky Mountains. Mit acht weiteren Urlaubern (plus Reiseführer Brian) will man dort gemütliche zwei Wochen in einer luxuriösen Lodge verbringen.
Das Wetter ist gegen die kleine Reisegruppe. Ein umgestürzter Baum und später Schneewehen lassen den Bus stranden. Christa und Kiernan verirren sich in einem plötzlich aufziehenden Schneesturm. Nur sie kann sich retten - in eine kleine, einsame Hütte, wo sie auf wieder die übrigen Mitglieder der Gruppe stößt. Bis hierher ist man gekommen, hier will man auf Rettung warten.
Am nächsten Morgen ist Brian verschwunden. Sein Kopf wurde unweit der Hütte am Stamm einer riesigen Fichte aufgespießt. Panik kommt auf. Ist ein Mörder unter den Reisenden? Man traut einander ohnehin nur notdürftig, wo Zusammenhalt unverzichtbar wäre, zumal bald ein zweiter Kopf besagten Baum ‚schmückt‘.
Misstrauisch belauert man einander. Die Disziplin ist lasch, weshalb immer wieder Mitglieder der Gruppe außer Sicht geraten. Gleichzeitig gibt es weitere Opfer. Die Spannung steigt, je weiter die Zahl der Gestrandeten sinkt: Eine/r muss die Morde begehen - und es sieht nicht so aus, als solle jemand verschont bleiben ...
Schlechtes Wetter, schlechte Menschen
Klassische, möglichst simpel gehaltene Plots überstehen Zeiten und Moden. Sie basieren auf elementaren Erfahrungen - gern Ängste - des Menschen und teilen sich denen, die mit ihnen konfrontiert werden, unmittelbar mit. Darcy Coates setzt auf dieses Konzept, wobei sie vorsichtshalber auf zwei Ebenen arbeitet: Da haben wir zum einen die Gruppe, deren Mitglieder sich nicht kennen und die auch sonst untauglich sind, um in der Krise zu einem Handlungskörper zu verschmelzen. Schlimmer noch: Eine/r der ihren ist womöglich ein Unhold und nutzt die Anonymität der Gemeinschaft, um aus dem Hinterhalt zuzuschlagen!
Ebene 2 sorgt dafür, dass sich die Ereignisse in einem möglichst problematischen Umfeld abspielen. Gemeint ist hier die Winterlandschaft der Rocky Mountains. Ohnehin abseits der Zivilisation gelegen und überaus geeignet, sich in ihren Weiten zu verirren, wird diese Wildnis durch schwieriges Gelände (steile Hänge und herunterpurzelglatte Klippen) geprägt, wo sich (den Klimawandel verleugnende) Schneemassen türmen und polare Superstürme toben.
Flucht ist unmöglich, die Isolation perfekt: Dieses Szenario kennen wir aus den Rätselkrimis der englischen Schule, wobei Agatha Christie & Co. allerdings dafür Sorge trugen, dass sich das Primärgeschehen innerhalb eines Landhauses oder einer anderen weitläufigen, an düsteren Ecken und Versteckmöglichkeiten reichen Stätte ereignete. Coates lässt dagegen keinen Zweifel daran, dass die kleine Hütte, in der sich die (anfangs noch kopfstarke) Gruppe drängt, keine echte Zuflucht bietet. Meist stolpern die Protagonisten im Freien herum und müssen sich dort vom Wetter tüchtig beuteln und blenden sowie vom erwähnten Unhold meucheln lassen.
Die (hoffentlich) vergebliche Suche
Coates bringt es mehrfach zur Sprache: So sehr sich Hauptfigur Christa bemüht, das Kommen und Gehen ihrer Gefährten zu registrieren, um auf diese Weise jemand herauszufiltern, der oder die in die Zeitfenster der Mordserie passt; sie muss passen, weil Angst, Hunger und Kälte dafür sorgen, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne eingeschränkt bleibt. Glücklicherweise fallen ihr später Aufzeichnungen einer Mitbetroffenen in die Hände, die nüchternen Geistes diese Aufgabe übernommen hat. Christa geht ein Licht auf - aber wie es sich gehört, liegt sie in mehrfacher Hinsicht falsch: Dies ist eine unverzichtbare Prämisse für Romane wie diesen, an deren Schluss keine feierliche Enthüllung des bisher gesichtslosen Täters im Rahmen einer Zusammenkunft im Kreise der Überlebenden = Verdächtigen steht, sondern die direkte Konfrontation des Täter mit dem „last girl standing“ Christa.
Sie steht aus Gründen, die final natürlich wortreich begründet werden, am Ende der Opferkette. Dies hat ihr das Überleben in einem Drama gesichert, für das sie eigentlich nicht geschaffen ist. Christa vermag nur bedingt Sympathien zu wecken. Sie ist klein, zierlich und schon körperlich verwundbar. Zudem hat sie einen Seelenknacks erlitten, dessen Folgen sie in regelmäßigen Abständen überrollen. Was durch die (erfreulich sparsame) Wiederholung beim Leser für Frustration sorgen könnte, wird sogar plotrelevant, als sich allmählich enthüllt, dass die Teilnehmer dieser Winterfahrt nicht so zufällig zusammentreffen, wie es nicht nur Christa zunächst glaubte.
Die einander abstoßende Gruppe
Bis es soweit ist, füllt Coates routiniert, aber überzeugend, also spannend und mit Grell-Effekten nicht geizend, viele Seiten eines Buches. Coates kann schreiben und für Unterhaltung sorgen, selbst wenn sie mit Klischees und Archetypen arbeitet. Hier sind es die Teilnehmer der Reisegruppe, die zunächst US-amerikanisch überfreundlich wirken, was sich in der Not in Egoismus, Misstrauen und Hinterlist verwandelt.
Alle haben (aus Sicht des Drahtziehers, der als kontrolliert-verrückt geschildert wird, damit sein objektiv absurder Racheplan so etwas wie einen Sinn ergibt) Dreck am Stecken und müssen ‚bestraft‘ werden. Über diesen Punkt sollte man sich lieber keine Gedanken machen, weil er eine Geschichte schwächt, die durch ihren „Flow“ lebt. Coates wringt die kargen Kulissen und ihre Figuren förmlich aus, wenn sie alles aus ihnen herausholt, um ihr Garn zu spinnen = auf die Spitze zu treiben.
Weil ihr das gelingt, verzeihen wir ihr die nun doch ungeachtet aller Drastik und Metzeleffekte konventionelle Schlusskonfrontation und vergessen jene Absurditäten, mit denen die Autorin lange den Verdacht auf übernatürliches Wirken aus der Winter-Wildnis aufrechterhalten will. Ein wenig zu lang ist Coates ihre Schauermär sicher geraten, aber die meiste Zeit hat und hält sie uns erfolgreich an der Kandare.
Fazit:
Nicht unbedingt plausibel geplottetes, aber rasant und spannend erzähltes Morddrama, wobei ein menschenfeindliches, geradezu lebendiges Klima und die Tücken einer dysfunktionalen Notgemeinschaft für zusätzliche Moment leserlicher Verwirrung sorgen: Liest sich ohne echte Längen.

Darcy Coates, Festa


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