Ein intelligenter und stimmungsvoll dichter, moderner Schauerroman
Mitte der 1920er Jahre: Der 1. Weltkrieg liegt bereits einige Jahre zurück, doch seine Schrecken haben tiefe Narben in der kollektiven Psyche hinterlassen. Mit solchen Narben beschäftigt sich auch der von neuralgischen Anfällen geplagte Dr. Edward Pierce, der in seinem Sanatorium Menschen mit schweren seelischen Störungen behandelt, und dabei auch unkonventionellen Methoden wie der Hypnose gegenüber nicht verschlossen ist. Er glaubt, nur ein tiefes Eintauchen ins Unterbewusstsein kann die menschliche Seele von ihren Schatten befreien. So ist es beinahe ein gefundenes Fressen für ihn, als ein Vertreter des Northern Lighthouse Board namens David Alan Stevenson (ein Vetter des berühmten Autors gleichen Nachnamens) ihm einen ganz besonderen Fall präsentiert: Einer seiner Kollegen, David Bradley, der den Auftrag erhalten hatte, auf einem winzigen Eiland vor der Küste Argentiniens einen Leuchtturm zu begutachten, der im Volksmund unheilschwanger „Goliaths Auge“ genannt wird, wurde einige Zeit später als Schiffbrüchiger in einem völlig desorientierten, fast katatonischen Zustand aufgegabelt. Seit seinen wie auch immer gearteten Erlebnissen ist er stumm, doch sobald er in Bauchlage gebracht wird, führt er wie besessen Schwimmbewegungen aus. Stevenson bittet Dr. Pierce aufgrund dessen Expertise um Hilfe für Bradley.
Tatsächlich kann nur ein Tagebuch Aufschluss über den Geisteszustand des Ingenieurs geben. Der Einblick in Bradleys Gedanken ist zunächst unspektakulär; selbst die Tatsache, dass sein Vorgänger in diesem Leuchtturm seine eigene Familie grausam ermordete und sich daraufhin selbst richtete, löst bei ihm zunächst kein übermäßiges Unbehagen aus. Doch mit der Zeit holen Einsamkeit und Isolation eine verdrängte Erinnerung an die Oberfläche, die ihn zunehmend aufzufressen und mehr und mehr dem Wahnsinn anheim fallen lassen zu scheint. Wird Dr. Pierce Licht ins Dunkel bringen können? Oder wird die Konfrontation mit diesen Dämonen ihn mit in seinen eigenen Abgrund reißen ..?
“Leben heißt töten” – Ernst Jünger
Diego Muzzio, gebürtig aus Buenos Aires, hat Fremdsprachen und Literatur studiert und bereits zahlreiche Werke verfasst, viele davon preisgekürt. Liest man Goliaths Auge, springt einen der Grund dafür quasi zwischen jeder Zeile geradewegs an: Der Autor legt ein großes, schriftstellerisches Talent an den Tag, mit dem er nicht nur eine dichte Schaueratmosphäre inszenieren, sondern auch fesselnde Einblicke in die Windungen des menschlichen Hirns gewähren kann. Von der enormen literarischen Präzision und Kraft geht in der meisterhaften deutschen Fassung der erfahrenen Übersetzerin Kirsten Brandt nichts verloren. Die Referenz auf Robert Louis Stevenson ist übrigens sicher kein Zufall: Dessen wegweisender Roman Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde stand für einige der Ideen in diesem Buch Pate und wird sogar explizit erwähnt. Doch auch deutliche Anklänge an Poe sowie eine feine Prise Lovecraft (und, in der düsteren Backstory um den Leuchtturm, natürlich auch ein winziges bisschen Stephen Kings The Shining) lassen sich aus der Geschichte herauslesen.
“Du musst mich meinen dunklen Weg zu Ende gehen lassen. Ich habe eine Strafe und eine Gefahr auf mich gezogen, für die ich keine Worte habe” – R. L. Stevenson
Der Bericht des Ingenieurs ist eingebettet in die Rahmenhandlung in Dr. Pierces Nervenheilanstalt und nimmt gut die Hälfte des Buches ein. Hier wird der schleichende Horror genregetreu voll ausgespielt, aber niemals überzogen oder klischeebehaftet, sondern immer mit erzählerischer Gewandtheit und einer gewissen intellektuellen Distanz. Gelüftet wird das Rätsel um Bradley nicht wirklich, sondern im letzten Abschnitt des Buches thematisch fortgeführt, der dem Ganzen eine deutlich zeitgenössisch eingefärbte, psychoanalytische (fast Meta-)Ebene hinzufügt. Hier gerät die Spannungskurve allerdings ins Straucheln, und der Schlussgriff kann nicht durch und durch überzeugen. Die sprachlichen Qualitäten des Buches machen das jedoch fast vollends wieder wett – besonders deshalb, weil Muzzio so gekonnt spannende und wirkungsvolle Fiktion mit Psychologie und philosophischen Anstrichen verbindet. Das zentrale Thema aber, welches sich so elegant, dass man es hier und da fast aus den Augen verliert, wie ein roter Faden durch das Gewebe der Story zieht, ist der Krieg, und was er mit den Menschen macht. Hier haben wir es mit dem wirklichen Wahnsinn zu tun.
Fazit:
Mit Goliaths Auge ist Diego Muzzio ein stilistisch bestechender, faszinierender Roman über Gewalt, Moral und seelischen Verfall gelungen. Dieser knackige und clevere Modern Gothic hat nicht nur überraschend viel zu sagen, sondern entpuppt sich auch als besonderer Geheimtipp zur Einstimmung auf die „Spooky Season“!

Diego Muzzio, mare


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