Das Ende aller Tage
- Moewig
- Erschienen: März 1981
- 0


Der Weg der Menschheit bis zum Ende
Über 40 Jahrmillionen folgt der Autor dem Weg einer Menschheit, die ihre Erdheimat zerstört, verlässt, neu besiedelt und schließlich untergeht:
- Prolog (Untitled; 1960), S. 7
- Das Zeitalter des Krieges (The War Millennia: Out of Reach; 1957), S. 8-24: Während ein Weltkrieg die Erde verheert, flüchten sich die Menschen in „Traumhäuser“. Dort verschlafen sie das alltägliche Elend und erträumen sich ein schönes, sicheres Leben.
- Das sterile Zeitalter (The Sterile Millennia: All the World's Tears; 1957), S. 25-37: Im 83. Jahrhundert hat der Mensch in einer perfekt durchorganisierten Welt seinen Antrieb verloren und muss sich künstlich aufputschen, um Entscheidungen fällen zu können.
- Das Zeitalter der Roboter (The Robot Milennia: Who Can Replace a Man?; 1958), S. 38-49: Was geschieht mit den Robotern, den Dienern der Menschen, wenn diese ausgestorben sind?
- Das dunkle Zeitalter (The Dark Millennia: O Ishrail!; 1957), S: 50-67: Kann man dem Mann glauben, der nackt in die Stadt wankt und behauptet, in der Flotte eines längst vergessenen Weltraumimperiums gedient zu haben?
- Das Zeitalter der Sterne (The Star Millennia: Incentive; 1958), S. 68-86: Die Erde soll wieder in die Galaktische Föderation aufgenommen werden, doch sind die Menschen geistig in der Lage, sich in einem Universum zurechtzufinden, dessen Bewohner ihnen in jeder Hinsicht um Lichtjahre voraus sind?
- Das Zeitalter der Mutation (The Mutant Millennia: Gene-Hive; 1958), S. 87-109: Die Evolution entwickelt einen ‚Seitenarm‘, dem die menschliche Individualität zum Opfer fallen könnte.
- Das Zeitalter des Größenwahns (The Megalopolis Millennia: Secret of a Mighty City; 1958), S. 110-127: Gigantische Städte bestimmen den Alltag der Erdmenschen, die ihr Leben im unendlichen urbanen Dschungel mechanisch und ziellos verbringen.
- Das letzte Zeitalter (The Ultimative Millennia: Visiting Amoeba; 1957), S. 128-160: Von jenseits der Galaxis besucht ein Bote die Erde, um die Menschen auf das bevorstehende Ende ihres Universums vorzubereiten.
Geschichte ist ein niemals geradliniger Fluss
Brian Wilson Aldiss (1925-2017) gehört zu den Giganten der (britischen) Science Fiction. Seit 1954 veröffentlichte er Erzählungen und Romane und blieb bis zu seinem Tod überaus aktiv. Sein Werk besticht durch eine Qualität, die sich nicht in reinen Abenteuergeschichten erschöpft, sondern das (menschliche) Leben, dessen möglichen Entwicklungen und Konflikte einbezog. Aldiss konzentrierte sich auf das jeweilige Thema, die Figuren und die Schauplätze. Vor allem seine Storys erreichen (wie die von Ray Bradbury, James Graham Ballard oder Gene Wolfe) eine Dichte, für die in der SF sogar ein eigener Begriff kreiert wurde: „condensed novel“.
„Das Ende aller Tage“ gehört zu Aldiss’ Frühwerk. Noch akzeptiert er die Grenzen der ‚normalen‘ Erzählung und konfrontiert seine Leser nicht mit einem Stil, der die Lektüre zur Herausforderung machen, aber auch Grenzen sprengen kann. Nichtsdestotrotz wird bereits deutlich, dass der Autor über den Tellerrand hinausblickt. Auffällig ist ebenfalls ein Stil, der monumentales Geschehen in eindrucksvolle, aber wenige Worte fasst. Schon die zeitgenössischen Autoren hätten diese Chronik einer potenziellen Zukunft über viele hundert Seiten ausgebreitet (oder breitgetreten). Aldiss wählt einen anderen Weg, um eine Historie, die 40 Millionen Jahre umfasst, in den Griff zu bekommen. Er postuliert eine aufgrund zivilisationserschütternder Katastrophen lückenhafte Überlieferung. Hinzu kommt die notwendige Auswahl des Materials seitens des namenlosen Erzählers, in dessen Rolle Aldiss schlüpft.
Jedem Kapitel wird eine ausführliche Einleitung vorangestellt, die den nun folgenden Text so präzise wie möglich in das fragmentarische Gesamtbild einordnet. Bereits erwähnte Ereignisse und Figuren werden in diesen Zwischentexten aufgegriffen und die Lücken gefüllt - so gut wie möglich, denn die Kapitel werfen nur exemplarische Schlaglichter auf eine Historie, die nie in ihrem ganzen Umfang fixiert werden konnte. Die Menschheit zerstörte und erschaffte sich so oft neu, dass die Chronisten den Faden verloren haben, denn sie wurden selbst mitsamt ihren Aufzeichnungen in den Strudel der Zeit gerissen („Das dunkle Zeitalter“). Lose Enden werden mehrfach von denjenigen aufgegriffen, die außerhalb der Erde ihre persönliche Geschichte durchlebten, als man den in Vergessenheit geratenen Heimatplaneten zufällig wiederentdeckte.
Es geht weiter - auch ohne dich
Dass der Mensch ‚seine‘ Galaxis sogar mehrfach besiedelt bzw. unterworfen hat, spielt keine Rolle in der universalen Historie, wie Aldiss sie definiert. Der Mensch mag sich als Herr der Galaxis fühlen, doch tatsächlich bleibt er selbst auf der Höhe seiner Macht nur ein Phänomen des Augenblicks. 40 Millionen Jahre verstreichen - aus galaktischer Sicht ein Wimpernschlag, während für den Menschen die Tafel immer wieder abgewischt wird und neu beschrieben werden muss („Das Zeitalter der Sterne“).
Aldiss ist skeptisch, wenn er die zukünftige Historie der Menschheit betrachtet. Als Jugendlicher war er in Fernost während des Pazifikkrieges in japanische Lagerhaft geraten und hatte buchstäblich am eigenen Leib verspürt, wie sich die menschliche ‚Gemeinschaft‘ entzweien und bekämpfen kann. Aldiss billigt dem Krieg weder auf der Erde noch im Weltall eine entscheidende Rolle zu („Das Zeitalter des Krieges“). Seine Folgen fließen in ein ganzes Bündel von Prozessen ein, das insgesamt die Richtung der menschlichen ‚Entwicklung‘ bestimmt. Dieses Wort wird hier in ‚Als-ob‘-Gedankenstriche gesetzt, weil Aldiss diese Evolution fortschreiten lässt, ohne sie mit dem in der zeitgenössischen SF üblichen Zukunftsoptimismus zu verknüpfen („Das Zeitalter des Größenwahns“).
Als diese Sammlung 1960 erschien, begann der Mensch gerade den Weltraum zu ‚erobern‘. Die Zukunft schien grenzenlos zu sein, aber Aldiss geht davon aus, dass der Mensch seine Probleme mit sich schleppen sowie neue Konfliktherde entfachen wird, die das Paradies verhindern werden. Wie wir wissen, lag er damit richtig. Ab den 1970er Jahren wandte Aldiss sich als SF-Autor radikal und kompromisslos ‚irdischen‘ Problemen zu und schilderte dystopische, die Gegenwart spiegelnde bzw. in die (nahe) Zukunft gespiegelte Gesellschaften, die an den Folgen ihrer eigenen Fehler ersticken.
Alles hat ein Ende ...
... das Aldiss hier („Das letzte Zeitalter“) als natürliches Schicksal darstellt. Die Galaxis der Menschen hat ihr Endstadium erreicht. Sie ist verbraucht, buchstäblich brüchig geworden und wird von Menschen bevölkert, die keinen echten Lebenszweck mehr besitzen. Das Alte muss weichen, aber der frei werdende Raum wird neu genutzt: Eine neue Galaxis wird aus dem Fragmenten ihres Vorgängers entstehen. Menschen wird es dort nicht mehr geben, aber womöglich haben sie sich in die Nachbargalaxis retten können, wo sie nach einem weiteren Evolutionssprung einen gänzlich neuen Weg einschlagen werden. Dieses Kapitel ist jedenfalls beendet.
Nicht jede Erzählung kann das Zielniveau halten. „Das Zeitalter der Mutation“ oder „Das Zeitalter der Roboter“ erschöpfen sich in typischen SF-Plots. Das Konzept der Geschichte als Flickenteppich basiert auf einem Konzept, das sich nur mühsam zu einem alles überspannenden Bogen formen will. Es zeigt sich der enge Rahmen einer Kollektion, die thematisch aus den Nähten platzt. Aldiss stellt sich mit seinem Werk durchaus an die Seite von SF-Schriftstellern wie Robert A. Heinlein („Future History“) oder Isaac Asimov („Foundation“), lässt aber sicherlich die visionäre Eleganz und Wucht seines Landsmanns Olaf Stapledon („Last and First Men“, 1930; dt. „Die letzten und die ersten Menschen“, sowie „Star Maker; 1937; dt. „Der Sternenschöpfer“) vermissen.
„Das Ende aller Tage“ ist die Sammlung von elf Kurzgeschichten, die zwischen 1957 und 1959 in verschiedenen SF-Magazinen erschienen. Aldiss ließ sie 1959 unter dem Titel „The Canopy of Time“ zusammenfassen. Im folgenden Jahr kam die Kollektion als „Galaxies Like Grains of Sand” in den USA heraus. Aldiss zog diese Version, für die er drei Storys strich und die verbindenden Zwischentexte schrieb, der britischen Erstausgabe vor.
Fazit:
40 Jahrmillionen Menschheitsgeschichte werden gerafft und aufgeblättert. Der thematische Bogen spannt sich weit und sorgt für wahrhaft ‚kosmische‘ Ereignisse, die wortstark dargestellt werden. Nicht jedes der acht Kapitel kann das Niveau halten: dennoch nachdrücklich in Inhalt und Form.

Brian W. Aldiss, Moewig

Deine Meinung zu »Das Ende aller Tage«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!