Die Söhne Noahs

  • Wandler Verlag
  • Erschienen: Februar 2026
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Michael Drewniok
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2026

Zehn Blicke in phantastische Weiten

Neun Erzähler wagen sich auf Wege jenseits allzu ausgetretener Pfade der Phantastik:

- Michael Schmitt: Vorwort, S. 7-9

- Jack Cady: Die Söhne Noahs (The Sons of Noah; 1991), S. 11-36: Wie lange können sie in ihrem kleinen Tal noch dem Ansturm der Zivilisation auf die Relikte des Paradieses standhalten?

- Alaya Dawn Johnson: Enzyklopädie der Früchte von Hawaii (A Guide to the Fruits of Hawaií; 2014), S. 37-76: In dieser Welt, in der die Menschen ‚Blutspender‘ für die sie unterdrückenden Vampire sind, will Tetsuo unbedingt überleben.

- John Crowley: Exogamie (Exogamy; 1993), S. 77-83: Das weibliche Vogelwesen wählt ihn als Gefährten, mit dem sie diese fremde Welt erkunden wird.

- William Hjortsberg: Symbiografie (Symbiography; 1973), S. 85-133: Ein berufsmäßiger Traumschöpfer findet einen Weg, sich in das aufregend-gefährliche Leben eines Nomaden einzuklinken.

- John S. McFarland: Die Kröten auf ihrem Gesicht (Toads on her Face), S. 135-148: Der Betrüger bietet ein angebliches Heilmittel gegen die Pest an - und gerät an einen noch rücksichtsloseren Geschäftsrivalen.

- Joscha Dinkel, Fremde, S. 149

- Richard Gavin: Anmerkungen zur Todespfeife der Azteken (Notes on the Aztec Death Whistle; 2019), S. 151-158: Er hat neugierig hineingeblasen, und was er damit freisetzt, will nun seinen Platz auf dieser Welt einnehmen.

- Jeffrey Thomas: Traumtrunken (Drunk on Dream; 2021), S. 159-177: Im Traum kehrt er immer wieder in ein Reich zurück, wo er seiner verlorenen Geliebten näherkommt.

- Jack Cady: Der Kesselflicker (Tinker; 1992), S. 179-195: In einer gefühlskalten Welt gibt er den Frauen Hoffnung und Träume, was die Männer nicht ertragen.

- Thomas A. Wandler: Die letzte Vorstellung, S. 197-236: Sein ganzes Leben hat er in dem Kino gearbeitet, das nun seine Pforten schließt.

- Bibliographien der Autoren, S. 237-241

- Übersetzer/Übersetzerinnen, S. 242/43

Alles hat seinen Preis

Die Begegnung mit dem Übernatürlichen birgt ihre Tücken. Ein fixer Topos ist die Existenz einer Grenze, die zu überschreiten entweder per se gefährlich ist oder ‚bestraft‘ wird, wobei die bizarre Fremdartigkeit der ‚drüber‘ lauernden Kreaturen eine besonders grässliche Umsetzung dieser Züchtigung garantiert.

Im modernen Horror hat sich die Strafe ihre Nische erhalten. Das Spektrum der Reaktionen zwischen Hier und Jenseits (bzw. x-dimensionaler oder fremdzeitlicher Dimension) hat sich jedoch erweitert. In dieser Sammlung ist es daher die Unvereinbarkeit zusammenprallender Welten, die dramatische Effekte erzeugt. Ungeachtet der Tatsache, dass die Erzählungen zum Teil schon alt sind, sorgt dies für eine Element der Zeitlosigkeit. Diese Storys bleiben eindringlich, zumal sie von talentierten Autoren erzählt werden.

Michael Schmitt hat im Verlag Wandler erstmals 2023 für Aufsehen gesorgt. Seine „Wandler Weird Anthologie“ präsentierte Phantastik weit jenseits des bekannten „Buh“-Horrors, der sich gern auf viktorianoiden Gaslichtgrusel und „Torture-Porn“-Splattereien beschränkt. Dass es nicht nur Schriftsteller der Gegenwart sind, die gezielt (angebliche) Genregrenzen ignorieren, kam in dieser Zusammenstellung beiläufig zum Tragen. Nun legt Schmitt quasi eine zweite Schiene, auf er der mit „Die Söhne Noahs“ die Präsentation von Erzählungen startet, die auch die jüngere Vergangenheit eines buchstäblich phantastischen Horrors berücksichtigt.

Zwischen traditionellen und noch vagen Werten

In diesem Rahmen findet eine Science Fiction ihren Platz, die weit entfernt von Weltraumschlachten u. ä. Getöse-Garnen ist. John Crowley (1942-2026) und vor allem William Hjortsberg (1941-2017) beeindrucken mit Storys, die ihre Entstehungsjahre - 1993 bzw. 1973 - insofern Lügen strafen, als sie weiterhin ihre Wirkung entfalten. Hjortsberg profitiert zusätzlich von jenem zufälligen Treffer des SF-Autors, dem es gelingt, die Zukunft in ihren Realitäten vorauszusehen. Die geschilderte (Alb-) Traum-Maschine scheint heute jedenfalls im Angesicht einer in ihren Konsequenzen völlig unüberschaubaren KI-Revolution sogar wahrscheinlicher als vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Crowley bedient eine schon alte, aber komplexe Variante der Phantastik, indem er der Atmosphäre den Vorrang gegenüber der Handlung gewährt. Die Odyssee eines ‚Helden‘, den es ohne echte Mission in die Ferne zieht, mutiert zu einer kruden Liebesgeschichte, ohne dass der Verfasser auf absurde Aspekte verzichtet. Erst die unwahrscheinliche Verbindung zwischen den beiden Hauptfiguren sorgt für den eigentlichen Start einer Entdeckungsreise, die allerdings an Erfolgsgewissheit keineswegs zunimmt: Womöglich werden nun beide Reisende/Liebende scheitern.

In einer wohl nicht besonders fernen Zukunft spielt die Geschichte von Alaya Dawn Johnson. Sie schildert den Kampf ums buchstäbliche Überleben in einer Welt, in der dies praktisch unmöglich geworden ist: Die Menschen sind zum ‚Blutvieh‘ von Vampiren degeneriert, ihre Existenz ist kurz und freudlos. Die Protagonistin will unbedingt ‚aufsteigen‘, d. h. durch den traditionellen Vampirbiss selbst zur privilegierten Untoten werden. Es gelingt, aber in einem bemerkenswerten Epilog konkretisiert die Autorin, was sich angedeutet hatte: Womöglich ist der Erfolg den Preis nicht wert, der dafür gezahlt werden musste.

In Vergessenheit geratene Vorgeschichten

Jack Cady (1932-2004) gelingt in der ersten von zwei in diesem Band gedruckten Geschichten ein ungewöhnlicher Plot: Was wäre, hätte es das Paradies tatsächlich gegeben? Die Bibel schweigt sich aus, was aus diesem besonderen Territorium wurde, nachdem Adam und Eva es zwangsweise verlassen hatten. Cady entwickelt aus dieser Prämisse eine bemerkenswerte Evolution, die das Paradies in eine Nische verwandelt, die noch in der gegenwärtigen und sich zunehmend bevölkernden Welt existiert - und sich wehren muss: Zwar hält nicht mehr der Erzengel Michael mit dem Flammenschwert Wache an der Grenze, aber das Paradies ist mehr als ein Ort, sondern eine ‚lebendige‘ Idee, die sich durchaus selbst verteidigen kann.

Wenn sich einer der Autoren an eher traditionellen Horror hält, so ist dies Richard Gavin mit seiner einfallsreich modernisierten Version einer klassischen Geistergeschichte: 1904 erschien die von Montague Rhodes James (1862-1936) verfasste Story „Oh, Whistle, and I'll Come to You, My Lad“ (dt. „Pfeife, und ich komme zu dir, mein Freund!“), in welcher der Finder eine alte Pfeife erklingen lässt und daraufhin von einem üblen Spuk belästigt wird. Gavin geht weiter: Seine Hauptfigur ist kein ‚unschuldiges‘ Opfer, sondern ein krimineller Gelehrter, der für seine Erfolge über Leichen geht. Beinahe folgerichtig erscheint ihm ein böser Geist, der an einer Bestrafung nicht interessiert ist, sondern einen Körper übernehmen will, der sich als Basis für finsteres Treiben bereits bewährt hat.

Ebenfalls drastisch und in gewisser Weise allegorisch beschreibt John S. McFarland den raschen Aufstieg und Fall eines mittelalterlichen Quacksalbers, der sich auf Kosten seiner vor Angst kopflosen Zeitgenossen bereichern will. Doch im Teich des kriminell Bösen gibt es stets einen noch größeren Raubfisch, weshalb unser Glücksritter gleich doppelt - und zynisch - bestraft wird, ohne dass der Gerechtigkeit damit gedient wäre.

Die Sehnsucht nach einer besseren Welt

Manchmal ist das reale Leben so hoffnungslos, dass sich die so Geplagten geradezu wünschen, ihm zu entkommen - und sei es in eine Sphäre, in der ganz eigene Gefahren herrschen. Selbst eine gelungene Flucht kann also unschön enden, wie es Jeffrey Thomas nicht nur andeutet: Man wartet ‚drüben‘ nicht auf Menschen, die hier einen Neuanfang versuchen.

Ganz im Hier und Jetzt bleibt Jack Cady in seiner zweiten Geschichte. Sie spielt in einer Kulisse, die eine Flucht vor der Realität quasi fordert: Die Große Depression, die in den 1930er Jahren die ohnehin nur bedingt begüterten Farmer im US-Mittelwesten ruinierte und in eine hoffnungsarme Zukunft an heimatferne Orte trieb, weiß der Verfasser in aller Deutlichkeit zu schildern. Vor allem thematisiert er die psychische Seite der Krise. Sie raubt den Menschen ihre Menschlichkeit, verwandelt sie in Maschinen, die blind und gefühllos mit der Misere ringen. Cady hebt die Frauen heraus, die zwischen Farm- und Hausarbeit zerrieben werden. Der Kesselflicker tröstet sie, indem er sie daran erinnert, dass es immer noch ein echtes Leben gibt. Die Männer sind über diesen Punkt hinaus. Sie hassen, was sie vermissen, dulden keine Fluchten und lassen dies stellvertretend am Kesselflicker aus: Erbarmen im Elend ist eine Fiktion.

Verlagsmitinhaber Thomas A. Wandler rundet diese Anthologie mit einer sehr gut geschriebenen, ruhigen und trotz ihrer Traurigkeit versöhnlich endenden Geschichte ab. Diese Stilsicherheit ist wichtig, denn inhaltlich gibt es für die Leser keine Überraschung: Am Ende eines nie wirklich vollendeten Lebens wartet doch eine Erlösung auf die Hauptfigur - ein Plot, der in der Phantastik ein wenig zu allgegenwärtig war und ist.

Fazit:

Zehn Geschichten aus fünf Jahrzehnten geben der Phantastik jenseits horrortypischer Stereotypen Raum und beziehen dabei auch die Science Fiction ein. Die formale und inhaltliche Qualität ist hoch, was auch an den vorzüglichen Übersetzungen liegt: Hoffentlich wird es weitere Bände dieser Reihe geben!

Die Söhne Noahs

Michael Schmitt, Wandler Verlag

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