Diamond Age - Die Grenzwelt

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1996
Diamond Age - Die Grenzwelt
Diamond Age - Die Grenzwelt
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S.B. Tenz
96°

Phantastik-Couch Rezension von S.B. Tenz Sep 2006

Ein phantastischer Blick in die (mögliche) Zukunft

Mitte des 21. Jahrhunderts. Alle Nationalstaaten sind zerfallen. Die alten, kulturellen Stätten der Welt überleben bestenfalls noch als nostalgische Freizeitparks für Touristen. New Chusan, Chinesische Küstenrepublik, entsteht. Ein Nest der Korruption und Intrigen, umgeben von zahlreichen künstlichen Inseln, deren Gebiete in einzelne Klaven unterteilt sind und von unterschiedlichen Stämmen bewohnt werden. Wobei jeder für sich seinen eigenen Gesetzgebungen und Protokollen folgt.

Das Zeitalter der Nanotechnologie ist angebrochen. Diese ermöglicht es, fast jeden Wunsch zu erfüllen und bestimmt schon längst das Leben der Menschen. Ein gigantisches Informations- und Überwachungsnetz protokolliert sämtliche Vorgänge innerhalb der einzelnen Klaven.

Einer, der großen Anteil am Aufbau dieses Netzes hat, ist der geniale Nanotechniker John Percival Hackworth, der mit seiner Familie in der Klave New Atlantis lebt. Dort spielt der gesellschaftliche Status noch immer eine bedeutende Rolle. In New Atlantis werden die gesellschaftlichen Unterschiede in der Formgebung der Nachrichtenübermittlung deutlich. Nur die höchsten gesellschaftlichen Schichten erhalten ihre Nachrichten auf mit Tinte beschriebenem Papier in Form der Times. Gedruckt auf einer antiken Presse, die jeden Morgen etwa einhundert Exemplare herstellt. Eine solche auf Papier gedruckte Times bekommt John P. Hackworth zwar nicht, dafür aber immerhin alle Nachrichten, die seinem gesellschaftlichen Status angemessen sind.

Hackworth ist mit seinem Leben recht zufrieden, hält sich an die Protokolle und ist darüber hinaus ein loyaler Mitarbeiter seiner Firma. Alles geht seinen gewohnten Gang, bis zu dem Tag, als Hackworth einen ganz besonderen Auftrag erhält.

Die Erstellung einer ";Illustrierten Fibel für die junge Dame";. Ein interaktives Lehrbuch, daß sich auf wundersame Weise auf seinen Leser einstellt und ihn über viele Jahre hinweg mit Wissen und Informationen versorgt. Das Wissen, dass der Leser sich auf diese Weise aneignet, ist von unschätzbarem Wert. Wen wundert es da, daß es lediglich der herrschenden Klasse vorbehalten ist, ein solches Erziehungsprogramm zu besitzen. Hackworths Wunsch, seiner kleinen Tochter ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk zu machen, läßt ihn jedoch alle guten Vorsätze vergessen.

Er verstößt gegen alle Regeln seiner Kaste, als er sich eine illegale Kopie der Fibel anfertigen läßt. Zu diesem Zweck begibt er sich in das obskure Atlantis/Schanghai und trifft dort auf den mysteriösen Dr. X, mit dessen Hilfe es ihm schließlich gelingt, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Überglücklich macht er sich auf den Weg zurück nach New Atlantis, nicht ahnend, daß er zu diesem Zeitpunkt längst zum Spielball politischer Machenschaften geworden ist. Eine Bande jugendlicher Straftäter überfällt ihn, wobei die Kopie der Fibel verloren geht und in die Hände der kleinen Nell gerät. Sie erlebt eine phantastische Geschichte, dringt dabei immer tiefer in die unglaublichen Geheimnisse der Fibel ein und langsam beginnen die Dinge und die Welt sich zu verändern.

Für John Percival Hackworth jedoch beginnt ein Albtraum, der über jede menschliche Vorstellungskraft hinausgeht.

Technologie, Mystik und religiöser Fanatismus liegen eng beieinander

Neal Stepehnson stellt mit "Diamond Age" auch diesmal wieder unter Beweis, wie intellektuell herausfordernd Science Fiction auch heute noch sein kann. Ein Roman, der mehr als nur zu fesseln vermag und darüber hinaus eine Prophezeiung zukünftiger Ereignisse, die von Seite zu Seite immer mehr an Glaubwürdigkeit gewinnt. Wer über Science Fiction mitreden will, kommt an Diamond Age nicht vorbei.

Kernpunkt der Story ist die Entwicklung der Nanotechnologie, die das Leben und agieren der Menschen in allen Bereichen entscheidend beeinflußt und verändert hat. Dabei war die kulturelle Frage, was damit gemacht werden sollte, weitaus wichtiger als die, was damit gemacht werden konnte. Ein gefährlicher Gedanke, der sich über alle Protokolle und Moralvorstellungen hinwegsetzt.

Ein völlig neues Mediennetz ist errichtet, wodurch es der Regierung unmöglich geworden ist, finanzielle Transaktionen zu überwachen oder zu kontrollieren. Dadurch wird das Steuersystem hinfällig und gehört der Vergangenheit an. Besonders beeindruckend sind die vielen Details, die immer wieder Parallelen zu bekannten historischen Ereignissen aufweisen. Da werden Erinnerungen an die Boxeraufstände in China oder an Mao’s Kulturrevolution wach.

Faszinierend das Kapitel, in dem er auf eindrucksvolle Weise das grundlegende Funktionsprinzip der legendären ";Turing-Maschine"; beschreibt. (Allan M. Turing erfand in den 30er Jahren die Turing-Maschine, Vorreiter der künstlichen Intelligenz.) Der aufmerksame Leser ließt auch zwischen den Zeilen und geht dabei auf Entdeckungsreise, ohne den eigentlichen Spaß an der Geschichte zu verlieren. Die Dialoge finden auf hohem Niveau statt und runden das ganze zu einem Roman ab, der auch höchsten Ansprüchen gerecht wird. Für mich persönlich, vielleicht das beste an Science Fiction, was ich in den vergangenen Jahren gelesen habe.

Fazit: Ein phantastischer Blick in die (mögliche) Zukunft. Die Phantasie des Autors sprengt alle Grenzen, gepaart mit technischem Sachverstand schafft er ein Meisterwerk der Science Fiction Literatur, das zu keiner Zeit den Eindruck erweckt, als würde es bloß aus zusammengetragenem Stückwerk einer aufwendigen Recherche bestehen. Ein Roman, der zurecht mit dem ";Hugo Award"; ausgezeichnet wurde. Neil Stephenson hat einen Kultroman geschaffen, der ihn zu einem der ganz großen Science Fiction Autoren unseres Jahrhunderts macht.

Sicher kein einfacher Roman, der nach der ganzen Aufmerksamkeit des Lesers verlangt. Ein verwirrendes und unlogisch erscheinendes Puzzle, daß sich auf 600 Seiten langsam zusammensetzt und am Ende ein völlig neues Bild von einer Welt ergibt, in der hochentwickelte Technologie, Mystik und religiöser Fanatismus eng beieinander liegen. Der Titel ";Diamond Age"; entpuppt sich schließlich als ironische Metapher und bezeichnet eine Welt, in der technologische Errungenschaften das Maß aller Dinge und Gedanken lediglich Teil eines gigantischen Informationsnetzes sind.

Diamond Age - Die Grenzwelt

Neal Stephenson, Goldmann

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