Tollwütig

Erschienen: Januar 2002

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Michael Drewniok
Blutige Räusche blindwütiger Bänker

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Milos Dragovic, Erpresser, Drogenhändler und Mörder, sorgt in New York City für Terror und Tod. Das Gesetz ist machtlos und kann dem „schlüpfrigen Serben“ seine zahllosen Untaten nicht nachweisen, zu denen sich aktuell die Nötigung der Pharmafirma GEM addiert. Finanzielle Nöte haben Dr. Luc Monnet verlockt, sich mit Dragovic einzulassen, der nun das Sagen in der Chefetage hat.

Das Interesse seines ‚Partners‘ hat Monnet mit einer neuen Designerdroge erregt, die sich unter den Reichen und Schönen der Stadt außerordentlicher Beliebtheit erfreut und folglich famose Gewinne garantiert. Es gibt allerdings ein Problem: Monnet stellt die Droge nicht wirklich her. Er verarbeitet einen wahrlich unmenschlichen Lebenssaft, den ein gruseliges Fabelwesen spendet, das in einem heruntergekommenen Wanderzirkus sein Dasein fristet. Aber die Quelle droht zu versiegen, denn das Untier liegt im Sterben. Dies dürfte bei Dragovic nicht auf Verständnis stoßen. In seiner Not heuert Monnet daher seine geniale Studentin (und Ex-Geliebte) Nadia Radzminsky an, der die künstliche Herstellung der Droge gelingen soll.

Als die idealistische Nadia bemerkt, wie Dragovic ihren Boss bedrängt, will sie helfen: Ihre Freundin Gia hat ihr vom seltsamen Handwerk ihres Lebensgefährten Jack erzählt, der ernste Probleme auf unkonventionelle Weise behebt. Jack hat sämtliche Spuren seiner bürgerlichen Existenz gelöscht hat, was praktisch ist, wenn es gilt, der Gerechtigkeit auf krummen Wegen zum Sieg zu verhelfen.

Jack ist gewillt, auch Dragovic Einhalt zu gebieten, denn der Konsum der Droge, die dieser dank Monnet auf die Straße bringt, hat Nebenwirkungen, die dem Stoff bald seinen Namen verschaffen: „Berzerk“ verwandelt die Primär-Klientel - Wall-Street-Bänker und Börsianer - in tollwütige Kampfmaschinen, die Tod und Verderben über ihre Mitbürger bringen. In diesem bösen Spiel mischen außerdem die übernatürlichen Schergen der „Andersheit“ mit, die keineswegs vergessen haben, dass ihnen Jack schon früher in die Quere kam ...

Jagd auf Strolche aus mehreren Welten

Ohne Tiefgang, aber flott, erfrischend unmoralisch und durchweg spannend sind die Abenteuer des ‚Handwerkers‘ Jack. Francis Paul Wilson, der sie sich ausdenkt, ist kein literarisches Vollblut, sondern ein zuverlässiger Ackergaul des Unterhaltungsromans und auf seinem Niveau der geborene Erzähler. Er arbeitet nicht nur schnell, sondern auch gut und wirft zuverlässig mindestens einen Pageturner pro Jahr auf den Buchmarkt.

Für die Romane um „Handyman Jack“ (der im US-Original übrigens „Repairman Jack“ genannt wird) genießt er die ganz besondere Verehrung seines ohnehin begeisterten Publikums. (Es gibt sogar einen „Repairman-Jack“-Fan-Club”, dessen Präsidentenstuhl u. a. niemand Geringerer als Stephen King drückte.)

Dabei hatte Wilson ursprünglich nicht an eine Serie gedacht. Zwischen Teil 1, dem bereits klassischen „The Tomb“ (dt. „Die Gruft“), und 2 - „Legacies“ (dt. „Der Spezialist“) - klafft eine Lücke von beinahe anderthalb Jahrzehnten. Allerdings treibt Wilson seit jeher der Eifer um, sein Werk vor einem gemeinsamen Hintergrund spielen zu lassen. Mehr oder weniger eng verknüpft bilden Wilsons Romane ein monumentales Episoden-Epos, das vom ewigen Kampf der Menschheit gegen die „Andersheit“ erzählt, eine Art Parallel-Universum, in dem Zauberei oder besser Schwarze Magie zum Alltag gehört sowie allerlei Ungetüme, Elementargeister und übersinnliche Möchtegern-Diktatoren darauf brennen, ihre Herrschaft über die ahnungslose Menschenwelt auszuweiten.

Harte Zeiten und Seifenopern

Jack hat es schon vor „Tollwütig“ mit der „Andersheit“ zu tun bekommen. Mal mehr, mal weniger lädiert hat er dessen unheimlichen ‚Boten‘ so manche Schlappe bereitet, was eine respektable Leistung ist, da er doch gleichzeitig gegen sehr diesseitige Lumpen sowie gegen ein Establishment antritt, das es gar nicht gern sieht, dass ihm ein Bürger (= Untertan) und Steuerzahler hartnäckig durch die Maschen schlüpft.

Seit einiger Zeit plagen Jack zusätzlich ganz profane Familiensorgen, denn er hat zwar nicht seinen Job, aber die konsequente Bindungslosigkeit aufgegeben. Schön für ihn, wenn‘s ruhig ist, doch sein Leben als ‚Klempner‘ wird nun einmal durch kapitale Krisen geprägt, sodass Jack für die traute Dreisamkeit (ein quasi adoptiertes Kind gehört mit zur Familie) einen hohen Preis zahlen muss.

Dabei ist er alles andere als ein Supermann, was ihn sympathisch macht, selbst wenn er Bösewichte mit Blutrausch-Drogen dopt und anschließend Fleischermesser verteilt. Seine Überlegenheit sichern keine übernatürlichen Kräfte, sondern Anonymität, trübe Erfahrungen, Köpfchen und viele merkwürdige, aber treue Freunde.

Ein ‚Guter‘ mit belastbarer Moral

Jack verhilft zwar dem Guten zu seinem Recht, fühlt sich aber nicht verpflichtet, dabei wie ein Pfadfinder vorzugehen. Darin ist er konsequent und lässt schon mal Köpfe rollen, ohne sich deshalb graue Haare wachsen zu lassen. Er steht auf dem Standpunkt, dass der Zweck allemal die Mittel heiligt. Solche konsequente Unmoral ist längst nicht (mehr) selbstverständlich in der Unterhaltungsliteratur von heute. „Handyman Jack“ macht uns u. a. darauf aufmerksam, wie tief sich die ‚Anregungen‘ politisch korrekter Tugendbolde in unseren Köpfen eingenistet hat.

Geradezu lustvoll verstößt Wilson gegen inzwischen versteinerte Konventionen und erinnert daran, dass nichts den Geist so schleichend und nachdrücklich tötet wie bedingungslose Konformität: Störenfriede muss es geben auf dieser Welt, denn sie stellen scheinbar Selbstverständliches in Frage und sorgen für frischen Wind. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten leisten F. Paul Wilson und Jack ihren Anteil.

Dafür gibt es zwar Zugang auf die Bestseller-Listen, aber wenig Kritikerlob. Wilson ist der typische Gefangene des Taschenbuch-Ghettos und hierzulande weiterhin ein Geheimtipp: Obwohl Jack schon zweimal eine feste Verlags-Heimat fand, ist er doch wieder verschwunden, während Autor Wilson parallel zu seinen üblichen Husarenstücken schon seit Jahren die Abenteuer eines noch jungen „Handyman Jack“ schildert.

Fazit:

Der vierte Roman der „Handyman-Jack“-Serie wechselt ebenso mühelos wie spannend zwischen Thriller und Phantastik: trivial, aber nicht trashig bringt der Verfasser sein seitenstarkes Werk ins eruptive Finale.

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