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Michael Drewniok
Afrika dunkel, tödlich & spannend

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2006

Vor fünf Jahren hat sich Sir Henry Curtis mit seinem jüngeren Bruder George zerstritten. Dieser nahm den Namen ”Neville” an und verließ England, um im fernen Südafrika sein Glück zu suchen. Seither ward er nicht mehr gesehen. Sir Henry, der sein Handeln längst bereut, fahndet nun – im Jahre 1879 – nach dem Bruder. Begleitet wird er von Captain John Good, einem ehemaligen Marineoffizier.

In Afrika angekommen ist es unbedingt erforderlich, einen mit Land und Leuten bekannten Führer zu engagieren. Der Zufall bringt Sir Henry und Good mit Allan Quatermain zusammen, einem Jäger und Händler, der zudem schon in Transvaal die Bekanntschaft von George Neville gemacht hat und dessen Geheimnis kennt: Der Glücksritter zog in den Norden, um sich auf die Suche nach den Minen des biblischen Königs Salomon zu machen!

Quatermain besitzt eine grobe Karte eben dieses völlig unerforschten Gebietes. Gegen eine großzügige Entlohnung erklärt er sich bereit Sir Henry und Good zu führen. Ihnen schließt sich der tapfere Zulukrieger Umbopa an. Nach vielen gefährlichen Abenteuern in Wildnis und Wüste erreichen sie halb tot ”Shebas Brüste”, einen Doppelgipfel im Sulimangebirge. Auf einem Plateau tut sich hoch oben eine seit Jahrhunderten von der übrigen Welt abgeschnittene Oase auf. Jawohl, dies ist der Platz, der Salomons sagenhaften Reichtum speiste!

Doch wie das meist so ist auf dieser Welt, bleiben die Minen nicht unbewacht. Das Volk der Kukuanas hütet sie. Der grausame König Twala und sein sadistischer Sohn Scragga führen ein Schreckensregime. Es wird gestützt durch die gefürchtete Hexe Gagool, von der es heißt, sie sei unsterblich. Quatermain und seine Gefährten können und wollen das Unrecht nicht dulden. Sie wollen Gerechtigkeit – und stellen entsetzt fest, dass sie einen Bürgerkrieg entfachen, der das ganze Kukuana-Land ins Verderben zu reißen droht…

Als die Landkarte noch weiße Flecken zeigte

Wenn es gilt eine Liste klassischer Abenteuerromane aufzustellen, die sich um die Reise in ein von der Geschichte vergessenes, fernes Land ranken, wird ”König Salomons Schatzkammer” immer ganz oben zu finden sein – neben ”Die verlorene Welt” von Arthur Conan Doyle und ”Caprona – Das vergessene Land” von Edgar Rice Burroughs.

Die Handlungselemente sind viel erprobt und funktionieren eigentlich immer: Eine Gruppe wagemutiger Männer (Damen müssen zu Hause bleiben; wir schreiben das 19. Jahrhundert) unternimmt eine Expedition in ein fernes Land. Das ist an sich schon aufregend genug, aber die Gefahr wird gesteigert, weil sie am Ziel auf eine ”verlorene Welt” stoßen, die von einer ”lost race” – Steinzeitmenschen, Wikinger, schwarze Krieger – bewohnt wird. Haggard verzichtet auf Dinosaurier und siedelt seine Geschichte in der Kulisse gewaltiger Relikte einer großartigen, aber vergessenen Vergangenheit an. König Salomon ist eine bekannte Gestalt des Alten Testaments, die der fromme viktorianische Leser gut einzuordnen wusste.

Haggard weiß etwas aus seiner Geschichte zu machen. Sie hat ihren Reiz nicht verloren, wenn es dem Leser erst einmal gelingt, sich auf ihren besonderen Stil einzulassen. ”König Salomons Schatzkammer” wird nicht direkt, sondern auf gewundenen Wegen erreicht. Im 19. Jahrhundert hatte man Zeit – und kein Fernsehen. Also waren umfangreiche Landschaftsbeschreibungen für einen Schriftsteller wichtig. Nur wenige Zeitgenossen hatten Südafrika selbst bereist.

Folgerichtig unterbricht Haggard die Handlung immer wieder, um auf Sehenswürdigkeiten links und rechts der Strecke hinzuweisen. Sogar Fußnoten kommen zum Einsatz, aber fremdartiger muten heute Einschübe an, die mit der eigentlichen Geschichte rein gar nichts zu tun zu haben scheinen. Ein ganzes Kapitel beschreibt zum Beispiel eine Elefantenjagd. Bei näherer Sicht dient es jedoch dem Zweck, uns mit gewissen Charakterzügen unserer Helden vertraut zu machen, die später von Bedeutung sein werden.

”König Salomons Schatzkammer” ist nach Haggards eigener Auskunft auch oder vor allem ein Roman ”für die Jugend”. Die war früher offenkundig aus anderem Holz geschnitzt als heute. Der Mittelteil der Geschichte ist ein einziges Gemetzel, dem Tausende zum Opfer fallen. Auch vorher gibt es mehr als eine Gelegenheit unter Beweis zu stellen, wie ein englischer Gentleman vorbildhaft unter Wilden lebt und stirbt, wenn es sein muss.

Afrika ist für Haggard eine gedeckte Tafel, von der sich der Engländer nimmt was er sich wünscht, während die Einheimischen es ihm zu reichen haben. Es gibt kein schlechtes Gewissen, keine Gleichberechtigung, kein Umweltbewusstsein. Wenn Quatermain und seinen Gefährten nach Ablenkung zu Mute ist, greifen sie zu ihren Gewehren und schießen Großwild rudelweise ab. ”Arme” oder ”prächtige” Geschöpfe nennt Haggard die Opfer. Umgebracht werden sie trotzdem. Niemand denkt sich etwas dabei. In dieser Beziehung ist ”König Salomons Schatzkammer‘ eine historische Quelle, die das zeitgenössische Denken dokumentiert.

Versöhnt wird der politisch korrekter denkende Leser der Jetztzeit durch das Finale. Wenn im Kukuana-Land endlich Zucht und Ordnung wiederhergestellt sind, geht es an die Bergung des Schatzes. Hier stellt sich die gruselige Spannung ein, die wir mit dieser Situation verbinden, denn selbstverständlich gibt es böse Fallen und Labyrinthe, ganz zu schweigen von der grässlichen Gagool, der Haggard in Sachen Bosheit ordentlich Zucker gibt.

Große – nicht nur weißhäutige – Helden mit kleinen Fehlern

Allan Quatermain zeigt sich bei seinem ersten literarischen Auftreten als interessanter und durchaus vielschichtiger Charakter. Er gilt als großer Jäger und ist berühmt, aber er selbst bildet sich nichts darauf ein. Dies ist nicht nur britisches Unterstatement, sondern die klare Erkenntnis, dass er es in seinem Leben in der Tat nicht zu viel gebracht hat. Das Geld ist knapp, allmählich lassen die Kräfte nach. Nur deshalb lässt sich Quatermain überhaupt auf ein Abenteuer ein, das er kaum überleben wird; davon ist er überzeugt. Er selbst hält sich ohnehin für eher vorsichtig, sogar feige. Auch körperlich macht er wenig her. Im offenen Zweikampf bietet er eine klägliche Figur. In Salomons Mine ist er der Einzige, der daran denkt sich die Taschen mit Diamanten zu füllen. Kurz gesagt: Quatermain ist ein echter Held, weil er sich seiner Schwächen bewusst ist und mit ihnen leben kann.

Sir Henry Curtis und Captain Good entsprechen schon eher den Klischees des Abenteuerromans: der Adlige und der Soldat, zwei britische Pracht- und Kraftmenschen, die noch in der gefährlichsten Situation eine steife Oberlippe behalten und sich nicht scheuen, mit weißen Kragen in die Wildnis zu reisen, um sich dort jederzeit als Gentlemen zu präsentieren. Ihre Mission ist selbstverständlich eine edle; ein verlorener Bruder muss gefunden werden. Weder Kosten und Mühen werden gescheut, Geld spielt keine Rolle, Sir Henry besitzt es im Überfluss und trägt doch das Herz am rechten Fleck.

Umbopa ist eine bemerkenswert ";emanzipierte” Figur. Wir bemerken es schnell, wenn wir ihn mit den übrigen Bewohnern Afrikas vergleichen, die Quatermain & Co. auf ihrer Reise treffen. Egal ob ”Zulus”, ”Hottentotten” oder ”Kaffern” – sie sind alle Menschen zweiter Klasse. Haggard spricht dies nicht aus, das muss er gar nicht, denn es wird stets sehr deutlich. Ihm das zum Vorwurf zu machen wäre nutzlos; er hätte es nicht verstanden, hat er doch Allan Quatermain ausdrücklich anmerken lassen, er werde in dem Bericht seiner Abenteuer das Wort ”Nigger” nicht verwenden, da er schwarze Afrikaner kennen gelernt habe, die er als Gentlemen betrachte – und andererseits niederträchtige Weiße!

Im Vergleich zu vielen zeitgenössischen Autoren hält sich Haggard wirklich zurück. Dennoch kann er nicht verbergen, dass er das Kind einer imperialistischen Epoche ist, die sich als natürliche Herren der Welt betrachteten. Dies muss man sich während der Lektüre vor Augen halten. ”Kann die Sonne sich mit dem Mond vermählen oder das Weiße mit dem Schwarzen?” Natürlich nicht, so Haggard, und klar ist auch, wer das Sagen hat.

Allerdings gibt es da einen merkwürdigen Bruch. Der neue König der Kukuanas macht sehr deutlich, dass er in seinem Land keine land- und goldgierigen Weißen zu sehen wünscht. Kommen sie trotzdem, droht er mit offenem Widerstand. Quatermain lässt dies unkommentiert stehen, obwohl er zuvor mehr als einmal ”frechen Negern” über den Mund gefahren ist. Genannter König ist kein Dummkopf, er hat den kolonialen Alltag kennen gelernt, und Quatermain ist ehrlich genug, seinem Urteil zuzustimmen.

König Salomons Schatzkammer

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