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Michael Drewniok
Vom Morgenstern zum Symbol des Todes

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2020

1908 kam es in der glücklicherweise kaum bewohnten Tunguska-Region Sibiriens zu einer gewaltigen Explosion, die ein Gebiet von ca. 2000 Quadratkilometern verwüstete und mehr als 50 Mio. Bäume wie Grashalme knickte. Wissenschaftlich konnte der Vorfall nie geklärt werden. Mehrheitlich ging man vom Niedergehen eines großen Meteoriten aus, aber es gab auch die eher abwegige Vermutung, dass über der russischen Tundra ein außerirdisches Raumschiff abgestürzt sei.

95 Jahre später bestätigt sich ausgerechnet diese Theorie, denn ein seltsamer Vor-Ort-Fund entpuppt sich als Logbuch dieses Raumschiffs. Man kann es entziffern - und muss feststellen, dass die Fremden als Vortrupp einer fremdplanetaren Macht erschienen waren, um die Erde für eine Invasion vorzubereiten. Die Heimat der Eindringlinge wird ermittelt: Es handelt sich um den Planeten Venus, der unter einer dichten Wolkendecke auf seiner Bahn um die nahe Sonne kreist.

Um sich ein Bild von der Lage zu machen = herauszufinden, ob die Invasion immer noch zu fürchten ist, schickt die Regierung einer inzwischen geeinten Erde das mit Spezialisten besetzte Raumschiff „Kosmokrator“ zur Venus. Die lange Reise gelingt, die Landung erfolgt, doch der ferne Planet ist ein bizarrer und gefährlicher Ort. Das Klima ist unberechenbar, und was man auf der Oberfläche findet, lässt sich schwer oder gar nicht identifizieren.

Immer wieder geraten Expeditionsteilnehmer während ihrer Außenmissionen in bedrohliche Situationen. Es ist lange nicht möglich, venus-natürliche Phänomene von künstlichen Relikten zu unterscheiden. Was die Venusianer planten, wird dennoch nach und nach aufgedeckt. Doch wo sind sie, und was ist auf ihrem Planeten vorgegangen …?

Auf dem Weg zum SF-Meister

„Die Astronauten“ - ‚hierzulande‘ (= 1954 in der DDR) zunächst unter dem Titel „Der Planet des Todes“ erschienen - zählte Stanislaw Lem zu seinen ‚Jugendsünden‘ als Schriftsteller. „Naiv“ sei er gewesen, als er - gerade 30-jährig - diesen Roman verfasst habe, schrieb er ein Vierteljahrhundert später im Vorwort zur achten (polnischen) Auflage, die in dieser aktuellen Ausgabe enthalten ist und in dem Lem interessante Hintergrundinformationen zu seinem Roman liefert.

Dass es bereits Mitte der 1970er Jahre so viele Auflagen gab, belegt freilich ein Buch, das sein Leser gefunden hatte und weiterhin fand, was sich nicht geändert hat; der Roman ist auch in Deutschland weiterhin problemlos (und verlagsneu) erhältlich. Lem war ein strenger Kritiker, der sein eigenes Werk nicht schonte. Allerdings kokettierte er gern mit seinem Anspruchsdenken. So schlägt er sich auch hier nicht reumütig gegen den ‚naiven‘ Autorenschädel, sondern macht sich (scheinbar/scheinheilig?) Gedanken darüber, dass „Die Astronauten“ einerseits ein Venus-Bild fern der Realität vermittelt und andererseits ein Weltbild propagiert, das ihm aufgrund einer „sozialistischen Utopie“, die unschön von der Realität eingeholt wurde, peinlich war.

Lem weist im Vorwort auf ebenfalls veraltete, aber weiterhin lesenswert gebliebene Autoren wie Jules Verne hin. Er sah sich lieber als Repräsentant einer Science Fiction, die nicht nur unterhalten, sondern gültige Aussagen über mögliche bzw. wünschenswerte (oder tunlichst zu vermeidende) Zukünfte treffen wollte und dabei gegenwärtige Verhältnisse extrapolierte - dies symbolisch = ‚chiffriert‘, weil Lem als Autor jenseits des Eisernen Vorhangs einer Zensur unterlag, die misstrauisch über jegliche Systemkritik wachte. Erstaunlich lange sorgte Lem tatsächlich für Werke, die Anspruch und Unterhaltung miteinander in Einklang brachten. „Die Astronauten“ gehört durchaus dazu.

Es wird besser!

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die Sehnsucht nach einer ‚geeinten Erde‘ verständlich. Alle sollten zukünftig mitreden. Dies würde eine Menschheit hervorbringen, die an einem Strang zog: Das ist Lems Vision für 2003. Nicht nur kluge, sondern auch weise Menschen führen ihre Mitbürger nicht, sondern leiten sie an. Zum Wohle aller treibt man Projekte voran, die über die schnöde Verwaltung des Alltags weit hinausgehen. Weil keine Ressourcen mehr für Kriege vergeudet werden, können sie in ‚den Fortschritt‘ investiert werden. Die Anführungsstriche stehen hier, weil Lem in diesem Punkt wirklich naiv war: Er beschreibt eine irdische Supertechnik, mit deren Hilfe der Globus buchstäblich umgegraben wird. Die Pole schmilzt man ab, bewässert die Sahara, holzt ‚nutzlose‘ Urwälder ab und ‚kultiviert sie‘ - ökologische Kapitalverbrechen, die Lem als solche mit keiner Silbe anspricht. Was man ihm 1951 nicht zum Vorwurf machen konnte, hat er Jahrzehnte später offenbar immer noch nicht als wahres Problem der Zukunft akzeptiert.

Stattdessen ‚schämt‘ sich Lem für seine Vision einer Menschheit, die auf Teamwork, Wissen und Toleranz setzt = sich von den Fehlern der Vergangenheit befreit hat. Keineswegs grundlos ist (schon lange vor Gene Roddenberrys „Star Trek“) eine ‚Multikulti-Besatzung‘ an Bord des „Kosmokrators“. Ein (Sowjet-) Russe, ein Chinese, ein US-Amerikaner, ein (Ost-) Deutscher: Hier agiert harmonisch zusammen, wer in der Realität des Jahres 1951 in einen Kalten Krieg verstrickt ist. Die Mechanismen der ‚Weltregierung‘ werden von Lem sorgfältig beschrieben.

Es sind keineswegs auf ihr Fachwissen fixierte Nerds, die an Bord des „Kosmokrators“ die Venus ansteuern. Lem grenzt sich von der ‚West‘-SF ab. ‚Seine‘ Wissenschaftler sind überaus fähig, aber auch ‚normale‘ Menschen, was Lem verdeutlicht, indem er sie Geschichten aus ihren Privatleben erzählen lässt, während man sich der Venus nähert. Er geht diesbezüglich ein wenig zu sehr in die Breite und sorgt für Längen. Freilich werden Figuren dabei zu Personen (wobei Lem Love-Story-Elemente ausspart; dies auch deshalb, weil der „Kosmokrator“ natürlich eine frauenfreie Zone darstellt …).

Es ist anders!

Lem merkt im erwähnten Vorwort an, wie fehlerhaft seine Beschreibung der Venus-Verhältnisse ist. Man fragt sich, wieso ihn das stört. Er hätte mehr recherchieren müssen, schreibt Lem. Was hätte das geändert? 1951 war die Venus ein Planet, der sich seine Geheimnisse nur mühsam entreißen ließ. Er kreiste erdfern um die Sonne, war von Wolken verhüllt und kaum erreichbar für eine (unbemannte) Raumfahrt, die in den Kinderschuhen steckte. Also nutzte Lem die ihm zustehende dichterische Freiheit, als er auf der Basis der bekannten Fakten eine fremde Welt beschrieb und die Lücken mit seiner Ideenkraft füllte.

Noch lange nach 1951 gab es genug Autoren, die sich keinen Deut um Realitäten scherten und die Venus mit Tropendschungeln und Dinosauriern bevölkerten. In diesem Punkt bleibt Lem viel näher an der Wahrheit. Dass die Durchschnittstemperatur auf der Venus 450° Celsius beträgt und der Luftdruck den „Kosmokrator“ wie eine leere Bierdose zerdrückt hätte, war nicht nur Lem 1951 unbekannt. Immerhin tragen die Männer Raumanzüge, weil die Venusluft für Menschen tödlich ist.

Seine Fantasie widmete der Autor der Erschaffung einer Welt, die ebenso schroff und eintönig wie fremd und faszinierend ist. Lem lässt die Erdmänner immer wieder vor Relikten oder Artefakten stehen, die sie nicht verstehen, obwohl (und gerade weil) der Autor sie präzise beschreibt. „Fremd“ bedeutet für Lem: dem Menschen unbegreiflich. „Star Trek“ schildert den Kosmos als stetige Variation des von der Erde Bekannten. Lem macht deutlich, dass schon auf einem irdischen Nachbarplaneten das wahrhaft Unbekannte warten dürfte.

Lernt was daraus!

„Die Astronauten“ sind Spezialisten, die bereit sind Risiken einzugehen, aber sicher keine klassischen Abenteurer darstellen. Mehrfach schildert Lem lebensgefährliche Zwischenfälle, die er spannend, doch fern üblicher Action-Klischees inszeniert. Fachleute wissen, was in der Krise zu tun ist. Dabei zu schwächeln ist keine Schande. Man unterstützt einander, wobei ‚Heldentum‘ betont unauffällig an den Tag gelegt wird.

Die Dramaturgie des Geschehens folgt eigenen Regeln. Es gibt keine unverhoffte Begegnung mit kampflüsternen Venusianern, keine daraus folgenden Gefechte und keinen interplanetaren Krieg, der in letzter Sekunde für die Menschheit entschieden wird. Tatsächlich ist das Schicksal der Venusianer längst besiegelt, als der „Kosmokrator“ landet. Die Auflösung des Rätsels ist eine Bestandsaufnahme der örtlichen Vergangenheit. Was neben der Erkenntnis bleibt, ist eine Lehre: Begeht auf der Erde nicht dieselben Fehler; ihr seht, wohin dies führen wird!

Wer SF nicht mit krachbunter Action gleichsetzt, sondern eine ungewöhnliche Idee schätzt, die interessant und unter Verzicht auf Klischees erzählt wird, dürfte diesen Roman auch heute schätzen. Lem verfügt über die Gabe, „das Fremde“ wirklich fremdartig wirken zu lassen. Er weiß, dass und wann er ein Rätsel nicht gänzlich (oder gar nicht) lüften muss, weil es so der Story nützlicher ist. Auf diesem Fundament ist der Roman in der Tat auf eine Weise zeitlos geworden, die sein Verfasser im Vorwort als stille Hoffnung anspricht.

Anmerkung: Unter der Regie von Kurt Maetzig wurde der Roman 1960 von der DEFA unter dem Titel „Der schweigende Stern“ verfilmt. Die für ihre Zeit aufwändigen, einfallsreichen und gelungenen Spezialeffekte sorgten dafür dass der Film sogar in den USA und in Großbritannien in die Kinos kam (nachdem man sorgfältig alle Spuren ‚kommunistischer Propaganda‘ getilgt bzw. den Film nach eigenen ideologischen Vorgaben ‚überarbeitet‘ hatte). In der Bundesrepublik trug der der Film den Titel „Raumschiff Venus antwortet nicht“. Stanislaw Lem mochte beide Versionen nicht, da er die eigentliche Botschaft politisch instrumentalisiert sah.

Fazit:

Die Beschreibung einer Weltraumfahrt zur Venus mag den planetaren Realitäten widersprechen, doch dies wird durch wunderbar ‚fremdartig‘ beschriebene Mysterien, eine ideenreiche, übliche Handlungsmuster meidende Handlung und die sorgfältige Figurenzeichnung ausgeglichen: ein echter Klassiker der Science Fiction.

Die Astronauten

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