Im Abgrund

Erschienen: Januar 2001

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Michael Drewniok
Alles Böse kommt von unten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2006

Bosnien-Herzegowina 1996: Auf einem der vielen Schlachtfeldern des ehemaligen Jugoslawien schützt eine Einheit der NATO-Friedenstruppe eine Gruppe von Ärzten, die mit der Kartierung von Massengräbern aus der "heißen" Phase des grausamen Bürgerkriegs beschäftigt sind. Seit einiger Zeit lassen sich auf einem der größten Gräberfelder seltsame nächtliche Aktivitäten feststellen. Offenbar werden die Leichenberge aufgestört - und zwar von unten! Als Major Elias Branch mit einer Patrouille dem vor Ort nachgeht, wird seine Gruppe von unbekannten Angreifern ausgelöscht. Nur der Major überlebt schwer verletzt. Seine Geschichte von gehörnten, ghoulischen Leichenfressern mag ihm Niemand glauben. Branch gesundet, bleibt aber für sein Leben gezeichnet.

Dennoch nimmt er seinen Militärdienst wieder auf und kehrt zurück nach Bosnien. Auf eigene Faust beginnt er die Stätte seines unglaublichen Erlebnisses zu erforschen. Als er dabei einen alten Minenschacht erkundet, macht er eine Entdeckung, die das Gesicht der Welt buchstäblich verändern wird: Die Schächte gehen in der Tiefe in Höhlen und Gängen auf, die sich über Tausende von Kilometern hinziehen. Und das ist längst nicht das Ende: Die basaltenen Sockel, auf denen die Kontinente ruhen, sind durchlöchert wie ein Schweizer Käse! Überall stößt man auf dasselbe Phänomen. Unglaubliche Entdeckungen werden in der Tiefe gemacht, die vor der Öffentlichkeit zunächst sorgfältig geheim gehalten werden. Die Armeen der Welt schicken Hunderttausende von Männern und Frauen in die geheimnisvollen unterirdischen Kosmos.

Branch, der Entdecker der unterirdischen Welt, warnt vor den unheimlichen Bewohnern, die er in der Tiefe vermutet. Tatsächlich scheint der subterrane Kosmos bewohnt zu sein. Die "Hadal" üben ihr Schreckensregiment aus, und das offenbar seit Jahrtausenden, in denen sie immer wieder an die Erdoberfläche kommen und Raubzüge und Sklavenjagden veranstalten. Auch jetzt scheint es, dass sie sich ihre Herrschaft nicht streitig machen lassen wollen. Plötzlich schlagen sie zu und löschen ganze Armeen aus. Die Katastrophe ist da und lässt sich nicht mehr geheim halten. Panik und Entsetzen brechen aus, weil eine Invasion aus dem Inneren der Erde befürchtet wird. Unter der Erde bricht ein erbitterter Krieg aus, denn eines ist klar: Der Mensch wird sich nicht mehr aus der Tiefe vertreiben lassen. Eine Expedition soll bis ins Herz des Hadal-Imperiums vorstoßen. Dieses Unternehmen endet in der Hölle - und das ist nicht im übertragenden Sinn gemeint ...

Spannender Horror, der wirklich überraschen kann

Der Liebhaber phantastisch-unheimlicher Romane ist in der heutigen Buchwelt arm dran. Zwar ist der gedruckte Horror wieder auf dem Vormarsch, doch weiterhin wird der (oder die) Leser/in mit immer denselben pseudo-erotischen Vampiren, dem schleimigen Bösen aus der Urzeit oder telepathischen Serienmördern gelangweilt, und das schon seit Jahren und gern in Serie. Die Stars des "handfesten", d. h. das Grauen nicht ausschließlich in den Abgründen der menschlichen Psyche ortenden Horrors spulen routiniert ihr Standardprogramm ab und vermeiden es sorgfältig, ihr Publikum durch neue Ideen zu verschrecken.

Jeff Long unternimmt erfreulicherweise den Versuch, die ausgetretenen Pfade wenigstens ansatzweise zu verlassen. Zwar hat "Im Abgrund" kaum die Chance, als Meilenstein der phantastischen Literatur in die Geschichte einzugehen, denn der Plot weist noch tiefere Löcher auf als die bodenlosen Katakomben, in denen die Hadal hausen. Jeff Longs Reise zum Mittelpunkt der Erde ist genauso "realistisch" wie die klassische Vorlage von Jules Verne, auf die der Autor immer wieder anspielt (samt unterirdischem Ozean). Aber das macht überhaupt nichts, denn er erzählt seine Geschichte so rasant, dass man sich gern von ihm manipulieren lässt. Besonders die ersten 160 Seiten gehören eindeutig zum Besten, was das Genre in den letzten Jahren hervor gebracht hat; Elias Branchs bizarre Erlebnisse auf dem bosnischen Gräberfeld stellen in ihrer atmosphärischen Dichte sogar einen kleinen Höhepunkt der modernen unheimlichen Literatur dar.

Die Kunst, eine Geschichte richtig zu erzählen, ist eine offensichtlich seltene Gabe, die man deshalb gar nicht hoch genug wertschätzen kann. Wenn sich ihr Rezensent - der viele gewollt (und noch mehr unfreiwillig) unheimliche Romane gelesen hat - an einige Titel aus den letzten Jahren erinnern möchte, die das gerade Gesagte beherzigen, so sieht es düster aus. Ihm fallen auf die Schnelle gerade zwei rühmliche (und subjektiv benannte) Beispiele ein: Douglas Prestons und  Lincoln Childs "Relic - Museum des Grauens" und Dan Simmons' unterschätzte "Feuer von Eden" (sowie - mit einigen Einschränkungen - Nelson DeMilles "Goldküste"). Die Kombination von High Tech und Grusel ist an sich nichts Neues; man denke an Michael Crichton oder Philip Kerr, die eine ganze Schriftstellerkarriere mit dieser Formel bestreiten (und dabei so tun, als hätten sie die Science Fiction oder den Horror für die Mainstream-Literatur erfunden).

Dass sich Jeff Long mit "Im Abgrund" dieser illustren Runde zugesellen kann, ist eine echte Überraschung. Als Autor ist er ein Neuling, und sein erster in Deutschland (und ebenfalls bei Blanvalet) erschienener Roman "Tödliches Eis" ein überaus konventioneller Polit- und Abenteuer-Thriller, der den furiosen Nachfolger an keiner Stelle ahnen lässt. Dabei sorgt der Lebenslauf des Autors zunächst einmal für Misstrauen: Hier schreibt ein ehemaliger Extrem-Bergsteiger, der offensichtlich allmählich zu alt für seinen seltsamen Job wurde und nun versucht, seine Erfahrungen auf anderem Gebiet zu Geld zu machen. Aber Long verfügt über echtes Talent, und er hat seine Hausaufgaben gemacht. Das phantastische, oft geradezu irreale Ambiente wirkt Dank der sorgfältigen Recherche durchweg sehr überzeugend.

Warum zum Teufel dieser Finalhumbug?

Natürlich bleiben gewisse inhaltliche und formale Schwächen bei einem Roman dieser Länge nicht aus. Abgesehen von der Schwierigkeit, vor die Longs Konzept einer "hohlen" und von allerlei Getümen bevölkerten Unterwelt jeden Leser stellt, der sich in der Geologie unseres Heimatplaneten auch nur ein bisschen auskennt, überzieht der Autor immer dort, wo er vom roten Faden seiner Geschichte abweicht. Da trifft die Menschheit nicht nur ihr (in jeder Beziehung) dunkles Gegenstück - nein, die unheimlichen Hadal praktizieren auch noch aktive Seelenwanderung und werden womöglich vom Teufel höchstpersönlich regiert! Hier manifestiert sich wohl die für schriftstellernde Bergsteiger typische Mischung aus epiphanischer Naturmystik und höhenbedingtem Sauerstoffmangel.

Im Rahmen eines reinen Unterhaltungs-Thrillers ist Long die Figurenzeichnung sehr gut gelungen. Natürlich sind Militärs beschränkt, Konzerne böse, Wissenschaftler weltfremd und Politiker immer verdächtig. Aber dennoch entgleist Long eigentlich nur ein einziger Charakter wirklich: Ali, die aufsässige Nonne - ein Zugeständnis an die politisch korrekte Feministinnen-Front oder die im Hinblick auf einem mögliche Verfilmung unbedingt notwendige "starke" Frauenrolle? Ansonsten glaubt man Long aufs Wort, wenn er den dämonischen Hadal die nur scheinbar "normalen" Menschen gegenüberstellt, die rücksichtslos in das profitable Innere der Erde vordringen und sich bald von ihren Gegnern kaum mehr unterscheiden lassen..

Vom einem grundsätzlichen Problem unheimlicher Geschichten (und Filme) musste Long übrigens ebenfalls kapitulieren: Seine Hadal sind nur solange wirklich geheimnisvoll und Furcht erregend, wie sich ihr Schöpfer auf Andeutungen beschränkt . Sobald sie in persona auftreten, kommen sie rasch zum "Monster der Woche" der "Akte X"-TV-Serie herunter. Aber an diesem Punkt sind schon weitaus größere literarische Geister als Jeff Long gescheitert! "Im Abgrund" ist trotz dieser kleinen Einschränkungen ein rundum gelungenes Stück Unterhaltungsliteratur, das einem möglichst breiten Publikum als Lesetipp ans Herz gelegt werden kann.

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