Die besten Stories von Jack Williamson
- Moewig
- Erschienen: Juni 1980
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Die Ein-Mann-Evolution der Science Fiction
14 Erzählungen der Jahre 1928 bis 1976, geschrieben von Jack Williamson, dem schier unsterblichen Wegbegleiter der Science-Fiction:
- Frederik Pohl: Vorwort (; 1978), S. 7-13
- Der Metallmann (The Metal Man; 1928), S. 15-29: In der südamerikanischen Wildnis begegnete er dem Außerirdischen, und es veränderte ihn auf nachhaltige Weise.
- Die Station des toten Sterns (Dead Star Station; 1933), S. 31-55: Um die sterbende Sonne kreist eine kleine Raumstation, auf der ein alter Mann seit Jahrzehnten an seiner Erfindung bastelt, was sich auszahlt, als ein mordlustiger Pirat auftaucht.
- Nonstop zum Mars (Nonstop to Mars; 1939), S. 57-94: Als die Marsianer beginnen, der Erde die Atemluft zu rauben, ist es ein Pilot, der mit seinem alten Flugzeug durch das All reist, um dem vor Ort ein Ende zu machen.
- Die Feuerprobe der Macht (The Crucible of Power; 1939), S. 95-136: Das träge gewordene Erdregime der Ingenieure wankt, und Fanatiker läuten eine Revolution gegen die Technik ein, während die letzten Vertreter der Vernunft die Flucht ins All wagen wollen.
- Breakdown (Breakdown; 1942), S. 137-181: Aufstieg, Fall und Wiederkehr von Garth Hammond, der im 22. Jahrhundert die Menschheit mit marsianischer Supertechnik ins All führt, durch Intrigen gestürzt wird und doch über seine Widersacher triumphiert.
- Die Hände im Schoß (With Folded Hands ...; 1947), S. 183-236: Außerirdische Roboter erobern die Erde, indem sie den Menschen jeden Wunsch von den Augen ablesen und so ihren Willen brechen.
- Der Equalizer (The Equalizer; 1947), S. 237-303: Eine Eroberung (hier der Erde) muss ins Leere laufen, wenn der angedrohten Gewalt die Grundlage genommen wird.
- Die Nase des Hausierers (The Peddler's Nose; 1951), S. 305-320: Als es ihn auf die rückständige Erde verschlägt, meint er die richtige Zielkundschaft für seine tödlich fortschrittlichen ‚Spielzeuge‘ gefunden zu haben.
- Das glücklichste Wesen (The Happiest Creature; 1953), S. 321-337: Ein gewalttätiger Mörder glaubt mit außerirdischer Hilfe die Polizei austricksen zu können.
- Das kalte grüne Auge (The Cold Green Eye; 1953), S. 339-349: Die fanatisch gläubige Tante hätte dem Neffen zuhören sollen, als er ihr das Konzept der Seelenwanderung erklärte.
- Operation Schwerkraft (Operation: Gravity; 1953), S. 351-368: Weit jenseits des Plutos ist eine erloschene Sonne Ziel einer Forschungsexpedition.
- Guinevere für jedermann (Guinevere for Everybody; 1955), S. 369-388: Sie ist zu hübsch, um wahr zu sein, was vor allem die Frauen dieser Welt gegen sie und ihresgleichen aufbringt.
- Das Pfadfindertreffen (Jamboree; 1969), S. 389-402: Die Roboter regieren, und die letzten Menschen müssen ihren gehorchen.
- Ein Sprung ins Wasser (The Highest Dive; 1976), S. 403-416: Das Rätsel des seltsamen ‚Planeten‘ hat Mayfield gelüftet, doch wahrscheinlich wird er dies nicht überleben.
Eigentlich war er immer da
Als ihn Freund und Schriftstellerkollege Frederik Pohl (1919-2013) in seinem Vorwort nicht nur vorstellte, sondern auch für eine seit mehr als als halbes Jahrhundert währende Karriere als SF-Schriftsteller feierte, ahnten wohl beide nicht, dass Jack Williamson (1908-2006) weitere zweieinhalb Jahrzehnte aktiv bleiben würde. Beinahe achtzig Jahre währte seine Laufbahn; sie ist sicherlich die längste aller Autoren dieses Genres.
Natürlich hat Williamson in dieser langen Zeit viel geschrieben, das dem Zahn der Zeit nicht standhielt. Besonders in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg wurden Autoren wie er von den „Pulp“-Magazinen, die seine Werke gern nahmen, miserabel entlohnt: Ein Cent pro Wort lautete die Faustregel! Mehr als anderthalb Jahrzehnte musste Williamson die Zähne buchstäblich zusammenbeißen, bis er und seine Familie von seiner Arbeit als Schriftsteller endlich mehr als nur existieren konnten.
Doch er blieb dem Schreiben und der Science Fiction treu. Außerdem war Williamson mit der Kraft und Hartnäckigkeit des US-Pioniers ausgestattet: Als er 1908 in Bisbee, Arizona, geboren wurde, war diese Region noch kein US-Staat. Seine Jugendjahre verbrachte Williamson in Texas und New Mexico - und stets dort, wo harte körperliche Arbeit nahe, Bildung und Bücher aber fern waren.
Die Kraft des Individuums
Diese Jahre hat er nie vergessen. Das einfache Landvolk mit seiner gelebten Lebenspraxis stellte er gern den technisierten und degenerierten Bewohnern der Stadt gegenüber („Nonstop zum Mars“, „Der Equalizer“), ohne dabei in naivem Fundamentalismus zu schwelgen: Politik, Religion oder Fortschritt und Technik kommen ohne die Stütze der Wissenschaft nicht aus („Die Feuerprobe der Macht“, „Breakdown“). Solche Entfaltung räumt mit oft gewaltsam tradierten Strukturen auf („Die Station des toten Sterns“, „Das kalte grüne Auge“), wobei Williamson den Widerstand gegen diktatorische Regime hervorhebt („Der Equalizer“) und vor einem Versagen dieses Kontrollsystems warnt („Die Feuerprobe der Macht“, „Die Hände im Schoß“ und ganz besonders „Das Pfadfindertreffen“).
Das idealistische, nicht angepasste Individuum stellt Williamson in den Vordergrund („Nonstop zum Mars“). In der SF war das einsame Genie im privaten Kellerlabor lange ein zuverlässiger Garant für alle möglichen und vor allem unmöglichen Erfindungen. In „Der Metallmann“ lernen wir einen solchen Renaissance-Forscher kennen, und wir finden ihn überall auf der Erde („Der Equalizer“) und im vom Menschen durchkreuzten Kosmos („Die Station des toten Sterns“). Mit einem leicht ironischen Unterton lässt ihn Williamson in „Operation Schwerkraft“ aufleben; hier überspitzt er den Drang zu wissen, indem er ihn über den Willen zu leben stellt, was jene, die nicht so denken, in große Nöte stürzt. Ein Vierteljahrhundert später hat Williamson die Reife gewonnen, um auch „harter“ SF einen glaubwürdigen emotionalen Bogen einzuziehen („Ein Sprung ins Wasser“).
Sympathisch wirkt Williamsons Konsequenz, mit der er auf die Überzeugungskraft der besseren Argumente setzt. Folgerichtig werden nur waschechte, unverbesserliche Bösewichte im Finale von der Gerechtigkeit = einem gewaltsamen Tod ereilt („Die Station des toten Sterns“, „Das glücklichste Wesen“, „Das kalte grüne Auge“), während sogar lupenreine Tyrannen ein neues, besseres Leben beginnen dürfen, wenn sie sich früh genug besinnen („Die Feuerprobe der Macht“, „Breakdown“, „Der Equalizer“).
Auch zukünftige Zeiten ändern sich
Williamson ist schon aufgrund seiner langen ‚Laufzeit‘ ein Paradebeispiel für elementare Entwicklungen der Science Fiction. Die Storys der 1930er Jahre versuchen zwar bereits den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, doch fehlt es dem noch jungen Autor offenkundig an Erfahrung. So ist der alte Erfinder Gideon heute keine tragische Gestalt mehr, sondern eine Witzfigur, die zu nah am Wasser gebaut hat: Bei jeder Entscheidung des Kommandanten beginnen die Tränen zu fließen. Ein aus Raumnot gerettetes Mädchen, das nur ihm, dem „Großvater“, vertraut, gibt der eigentlich vergnüglichen Geschichte um einen operettenhaften Piraten gefühlsduselig den Rest („Die Station des toten Sterns“).
Für das zeitgenössische Frauenbild (nicht nur) in den SF-Pulps darf man Williamson nicht allein verantwortlich machen. Er folgte heute schwer erträglichen Klischees, stellte beispielsweise dem geplagten Underhill in „Die Hände im Schoß“ eine chronisch unzufriedene, nörgelnde, Forderungen stellende, beschränkte Gattin entgegen, die zudem einen allzu freundlichen Kunstmenschen prompt auf den Leim geht. In „Nonstop zum Mars“ folgt eine ‚emanzipierte‘ Wissenschaftlerin nur vorgeblich gefühlsstoisch dem einsamen Helden ins All, um sich endlich schluchzend in seine starken Arme zu werfen. Auch „Guinevere für jedermann“ ist in erster Linie die (Kunst-) Fleisch gewordene Fantasie wachsweicher Möchtegern-Playboys.
Williamson blieb seinem Typus treu. Seine ‚Helden‘ sind wie mit einem stumpfen Messer geschnitzte Durchschnittsmenschen, (tragische) Helden, (zerrissene) Schurken. Aus heutiger Sicht irritiert diese scheinbare Eindimensionalität. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass Williamson seinen Protagonisten jeweils Funktionen zuweist (und auf die Spitze treibt), die über die Handlung hinausweisen. Dies gelingt Williamson mit den Jahren immer besser; abermals kann er Schritt halten, als die SF sich diesbezüglich verändert.
Anmerkung: Die deutsche Ausgabe enthält nicht das von Williamson selbst geschriebene Nachwort für diese Sammlung.
Fazit:
Eine Sammlung oft klassischer Science-Fiction-Storys und der Blick auf das Werk eines Mannes, der sich als Autor über weit mehr als ein halbes Jahrhundert entwickelte. Reine Staun-Storys und eindimensionale Charaktere gewinnen an Hintergrund und Intensität: ein seitenstarkes Buch, gefüllt mit längst vergangenen, aber spannend gebliebenen Zukünften.

Jack Williamson, Moewig

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