Träume des Grauens

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 1994
Träume des Grauens
Träume des Grauens
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Michael Drewniok
90°

Phantastik-Couch Rezension von Michael Drewniok Dez 2021

Unschuldig oder nur neugierig? Sie holen dich trotzdem!

19 Kurzgeschichten eines Großmeisters des britischen Horrors:

- Einführung (Waking Nightmares), S. 7-14

- Der Reiseführer (The Guide; 1988), S. 15-34: Dass selbst M. R. James, der Verfasser grandioser Gespenstergeschichten, vor einem Besuch dieser einsamen Kirche warnt, schreckt den neugierigen Bewunderer unglücklicherweise nicht ab.

- Mit mir nicht! (Next Time You'll Know Me; 1983), S. 35-52: Ein verrückter Möchtegern-Autor macht seinem Ärger über jene, die ihm angeblich seine Ideen rauben, handfest Luft.

- Der zweite Blick (Second Sight; 1985), S. 53-62: Die Erinnerung an einen nie verwundenen Schock nimmt fürchterliche Gestalt an.

- Der Trick (The Trick; 1976), S. 63-88: Die alte Hexe übertreibt es mit ihrer Rache, aber ihr verdientes Ende sorgt keineswegs für ein Ende des Schreckens.

- Bäume (In the Trees; 1983), S. 89-104: Der Zufall verschlägt ihn in einen Wald, der ihm den Horror-Trip seines Lebens verschafft.

- Fremde Welt (Another World; 1987), S. 105-124: Nach dem Tod des irrsinnigen Vaters überfordert die zuvor gemiedene Außenwelt den sonderlichen Sohn völlig.

- Mattas Spielchen (Playing the Game; 1980), S. 125-145: Auf der Suche nach einem Knüller legt sich der Journalist unklug mit einem Zaubermeister an, der ihn zur Figur eines ‚Spiels‘ macht, das er kaum überleben wird.

- Schlechtnachtgeschichte (Bedtime Story; 1980), S. 146-165: Wie den Sohn will die herrschsüchtige Großmutter auch ihren Enkel brechen, doch sie treibt ihr Spiel zu weit und weckt eine Macht, mit der sie es nicht aufnehmen kann.

- Achte auf den Papagei (Watch the Birdie; 1983), S. 166-175: Ausgerechnet die Sprachgewandtheit eines unschuldigen Vogels wird für die Heraufbeschwörung einer gruseligen Macht missbraucht.

- Der Regenmantel (Old Clothes; 1983), S. 176-192: In den Taschen seines Fundstücks findet Loser Charlie manchen Schatz, doch dann werden die Gaben immer grausiger.

- Keine Worte mehr (Beyond Words; 1985), S. 193-213: Der überforderte Autor wird von seinen Problemen überwältigt und buchstäblich in den Wahnsinn getrieben.

- Jack in der Kiste (Jack in the Box; 1974), S. 214-221: Er erwacht tief unter der Erde, verwirrt und hungrig, aber ein böses Schicksal meint es gut mit ihm.

- Mit den Augen eines Kindes (Eye of Childhood; 1978), S. 222-241: Hexenzauber verzeiht in der Umsetzung keine Fehler, die gnadenlos auf ihre Urheber zurückfallen.

- Die andere Seite (The Other Side; 1985), S. 242-259: Er steht unter Druck und findet schließlich ein Ventil, um ihn - mit Hilfe einer Axt - abzulassen.

- Wo mein Herz schlägt (Where the Heart Is; 1986), S. 260-273: Das verkaufte Haus mag er letztlich nicht verlassen und findet seinen Weg zu bleiben.

- Mach mir keine Schande (Being an Angel; 1988), S. 274-300: Mama wusste immer, was ihr Sohn sagen und tun sollte; zu seinem Unglück sorgt er selbst dafür, dass sich dies nie ändern wird.

- Es hilft, wenn Sie mitsingen (It Helps If You Sing; 1987), S. 301-312: Die Zombies kommen - sie fordern Menschenfleisch und sexuelle Abstinenz.

- Die alte Schule (The Old School; 1988), S. 313-329: Zu ihren Lebzeiten wurden sie von sadistischen Lehrern geschunden, im Tod sind sie süchtig nach dieser Angst.

- Wenn der Autor zu ihnen kommt (Meeting the Author; 1988), S. 330-350: Ablehnung nimmt  Mr. Mealing überaus persönlich, wie seine Kritiker des Nacht feststellen.

- Copyright-Verzeichnis, S. 351/52

Gefangen im Alltag wie im Schrecken

Ramsey Campbells Talent ist die Inszenierung eines Horrors, der die Realität in einen Albtraum verwandelt. Wir kennen die unheimliche Intensität solcher Träume, in denen wir einem Schrecken ausgeliefert sind, dem wir einfach nicht entkommen, obwohl wir uns so sehr anstrengen, dass wir noch nach dem Erwachen nach Atem ringen! Mit immenser Wortgewalt beschreibt Campbell parallel dazu eine Alltagswelt, die auch ohne Spuk unheimlich und unwirtlich ist. Die ohnehin trostlose Realität verzerrt sich, je tiefer die Protagonisten wie gelähmt in ihr Verderben taumeln.

Irgendwann geraten sie dorthin, wo das Grauen auf sie wartet wie die sprichwörtliche Spinne in ihrem Netz. Dann schnappt die Falle zu („Mattas Spielchen“). In der Regel gibt es kein Entkommen („Die alte Schule“). Körper und vor allem Hirn lassen die Betroffenen im Stich. Jede Flucht führt wieder dorthin zurück, wo das Verderben hockt („Bäume“). Gegenmaßnahmen laufen ins Leere, auf Hilfe darf man nicht hoffen, denn die Mitmenschen deuten das sprachlose Grauen als Folge übertriebenen Alkohol- oder Drogengenusses.

Hinzu kommt die für eine Campbell-Story typische zwischenmenschliche Ignoranz oder sogar Feindseligkeit: Jede/r ist mit eigenen Problemen beschäftigt und ignoriert die Hilferufe von Zeitgenossen, die zudem nicht als Opfer übernatürlicher Aktivitäten erkannt werden. Auch ohne die Präsenz böser Geiste bleibt Mitgefühl entweder aus oder wendet sich sogar gegen den arglosen Wohltäter, wie überhaupt ganz realer Wahnsinn für bizarres, oft selbstzerstörerisches Verhalten sorgt („Fremde Welt“, „Der zweite Blick“, „Keine Worte mehr“, „Die andere Seite“, „Schlechtnachtgeschichte“, „Wo mein Herz schlägt“).

Unschuld ist kein Entlastungsgrund

Der eigentliche Schrecken resultiert bei Campbell sehr oft aus der Unfähigkeit, verstörende Not mitzuteilen. Gesellschaftliche Außenseiter („Der Regenmantel“) und vor allem Kinder haben in dieser Hinsicht ganz schlechte Karten. Sie sind einer Alltagswelt ausgeliefert, die sie als vage Bedrohung erleben. Die Familie bietet keinen Schutz, denn nicht nur Erwachsene überhaupt, sondern auch Eltern versagen in Campbells Welt regelmäßig. Sie sind überfordert, in ihrer eigenen Sorgen gefangen, registrieren nicht, was ihren Kindern im Nacken sitzt, laden das Verhängnis zusätzlich ein („Der Trick“, „Schlechtnachtgeschichte“, „Wenn der Autor zu ihnen kommt“) oder sind es womöglich selbst, die ihre Kinder auch im Tod nicht in Frieden lassen („Fremde Welt“, „Mach mir keine Schande“).

Gern lässt Campbell ohnehin überforderte Individuen in die Bredouille geraten. Mit „Der Reiseführer“ erweist er M. R. James (1862-1936), dem Altmeister der englischen Gespenstergeschichte, seine direkte Reverenz. James entfesselte Geister, die böse waren und entsprechend handelten. Wer ihnen begegnete, nahm ein böses Ende; (kindliche) Unschuld bot keinerlei Sicherheit. Campbell übernimmt dieses Konzept. „Mit den Augen eines Kindes“ erzählt von einem Zauber, der böse nach hinten losgeht. In „Bäume“ wird eine gut gemeinte Tat der Hauptfigur ‚bestraft‘.

Was im verwunschenen Wald um- und vorgeht, lässt Campbell offen. Dies könnte den Gruselfreund frustrieren, unterstreicht hier jedoch die Wirkung, denn wir bleiben ebenso ratlos und verängstigt wie besagte Hauptfigur zurück. Ebenfalls an James knüpft Campbell mit der ansonsten sehr modernen Story „Wenn der Autor zu ihnen kommt“ an; kein Wunder, dass er im Vorwort über jene schimpft, die James für überholt halten, um lieber mit Gekröse zu matschen!

Ein neuer Blick auf alten Horror

Für den „Splatterpunk“ der 1980er und 1990er Jahre hatte Campbell erwartungsgemäß wenig übrig. Trotzdem beteiligte er sich u. a. an einer Sammlung meist drastischer Zombie-Storys. In „Es hilft, wenn sie mitsingen“ lässt es Campbell an Eindeutigkeit nicht fehlen, geht das Thema jedoch völlig anders an als seine Romero-hörigen Mitschreiber. Er bleibt sich so treu - und sorgt trotzdem für Schauer! Mit „Jack in der Kiste“, der ‚Nacherzählung‘ eines klassischen EC-Horrorcomics (u. a. „Tales from the Crypt“) zeigt er, dass ihm dies schon früher gelungen ist.

Man glaube übrigens nicht, dass Campbell es stets bitterernst spuken lässt. In „Mit mir nicht!“ oder „Achte auf den Papagei“ legt er einen funktionstüchtigen Humor an den Tag, ohne darüber den Horror zu vernachlässigen, und rundet damit nicht nur diese Sammlung ab, sondern bestätigt seinen Ruf als Meister eines modernen, nicht der Drastik verpflichteten Horrors.

Fazit:

In 19 Kurzgeschichten beschwört Ramsey Campbell vom klassischen Grusel bis zum modernen psychologischen Horror die Schrecken eines Genres herauf, das er entscheidend mitgestaltet hat: spannend, schockierend, witzig - und dies nicht selten gleichzeitig!

Träume des Grauens

Ramsey Campbell, Droemer-Knaur

Träume des Grauens

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