Der fünfte Erzengel

Erschienen: Januar 2000

Couch-Wertung:

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Jochen König
Kurzweiliges Lesevergnügen im Halbdunkel

Rezension von Jochen König Dez 2006

Ein Jahr, bevor Andreas Gruber seinen gelungenen Roman „Der Judas-Schrein" veröffentlichte, erschien in einer überarbeiteten Neuauflage „Der fünfte Erzengel". Darin versammelt neun Geschichten mit einer Länge zwischen drei und zweiunddreißig Seiten.
Fingerübungen, die bereits intensiv um Grubers zentrales Thema kreisen: das Überschreiten von Grenzen.

Eröffnet wird der dünne Erzählband mit der eher bitteren als spannenden Reflexion über einen aufstrebenden Schriftsteller, der den Ruhm seiner bekannteren Kollegen an einer Tatsache festmacht, die zwar leicht zu erreichen, aber auch unwiderruflich ist - und sich am Ende als Irrtum erweisen könnte. Weder spannend noch besonders witzig, läuft die glücklicherweise sehr kurze Anekdote auf eine absehbare Pointe hinaus. Naja.

Auch die darauffolgende längere Erzählung „Die Testamentseröffnung" bereitet nicht gerade eine schlaflose Nacht, ist aber als Hommage an Edgar Allan Poe sowohl sprachlich wie inhaltlich durchaus reizvoll.

Ein erster Höhepunkt ist die düstere Studie „In Gedenken an meinen Bruder" über zwei zutiefst verstörte Menschen, von denen einer verzweifelt versucht, die Grenzen seiner Körperlichkeit durch extreme Schmerzerfahrung zu überwinden. Ein Thema, das in „Der Anthropophag" eine nach außen gerichtete Abwandlung erfahren wird. Hier entwickelt Gruber nachhaltig wirkende Szenarien, in denen - vor allem psychischer - Missbrauch dazu führt, dass sich menschliches Empfinden nur noch in extremsten Formen manifestieren kann. Ich ist ein anderer und muss ausgemerzt werden. Reisen ohne Wiederkehr.

„Der Beichtstuhl des Pater Wolfgang" ist eine dieser kurzen Geschichten, die allzu berechenbar auf eine abschließende Pointe zusteuern. Akzeptables Füllwerk, nicht mehr.

Besser funktioniert die kleine Apokalypse „Corpus Laceraris", die einmal mehr T.S. Eliots Aussage belegt, dass das Ende der Welt nicht mit einem Knall kommt, sondern mit Gewimmer. Hier ausgelöst durch eine rätselhafte und schnell mutierende Krankheit. Konsequent und herzerfrischend fies.

Bleiben die Schmankerl: zum einen die Titelstory, ein auch für Atheisten goutierbares Spiel mit christlichen Mythen. Eine atemlose Hetzjagd durch die Nacht, die ein Einzelschicksal auf dramatische Weise mit dem der ganzen Welt verbindet. Dan Brown hätte einen ziegelsteindicken Wälzer daraus gemacht. Dass Gruber dieser Versuchung nicht erliegt, ist ihm hoch anzurechnen. Wer Gregory Widens Film „God's Army" mag, dürfte auch den fünften Erzengel zu schätzen wissen.

Von ganz anderem Kaliber ist das kafkaeske „Im Treppenhaus". Sechs Seiten pure Paranoia, oder doch nur die Geschichte eines alten Mannes, der in den Wahnsinn abgleitet? Gruber lässt beide Deutungsmöglichkeiten zu.

„Duke Manór" schließlich ist das Glanzstück der kleinen Sammlung. Den Journalisten Karl verschlägt es in ein einsam gelegenes Landhaus. Doch statt einer reißerischen Reportage, aufgepeppt durch stimmungsvolle Fotos, erwartet ihn klaustrophobischer Horror in dem zwischen Verfall und zeitloser Existenz beheimateten Gemäuer. Ein verzweifelter Anruf per Mobiltelefon rahmt die Geschichte, die Karl immer tiefer in die dunklen Geheimnisse des Objektes seiner professionellen Begierde treibt. Am Ende wird die Moderne nur unwissender Zeuge eines tief in der Historie verwurzelten Grauens.

Stilistisch und inhaltlich etwas uneinheitlich bietet „Der fünfte Erzengel" trotzdem ein lesenswertes Kompendium. Andreas Gruber probiert sich aus, und es macht Spaß ihm dabei zu folgen. Nicht jede Geschichte trifft ins Schwarze, geschweige denn, dass sich namenloses Grauen manifestiert. Doch schon die geschickt verteilten Highlights machen den fünften Erzengel zu einem kurzweiligen Lesevergnügen.

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