Der Gott des Zorns

  • Bastei-Lübbe
  • Erschienen: Januar 1979
  • 0
Der Gott des Zorns
Der Gott des Zorns
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Michael Drewniok
75°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2026

Ist Gewalt das Gebot der Stunde?

Nach dem dritten und letzten Weltkrieg versuchen sich die wenigen verbliebenen Menschen in den Trümmern eine neue Existenz zu schaffen. Die atomare Zerstörung hat ganze Landstriche vergiftet, radioaktive Strahlung die Gene von Menschen und Tieren verändert. Neben den Menschen gibt es jetzt Mutantenriesen oder intelligente Käfer.

Das Leben ist mühsam und oft kurz. Die Menschen fragen sich nach dem Sinn. Aus der Tatsache, dass Gott offenbar mit der Zerstörung der Erde einverstanden war, zogen sie ihre Schlüsse. Die traditionellen Kirchen haben weitgehend ausgedient, obwohl es sie noch gibt. Stattdessen verehrt man in den USA mehrheitlich den „Gott des Zorns“ („Deus Irae“). Er hat sogar einen Namen: Carlton Lufteufel war - und ist - ein Mensch, im Krieg der Leiter der Energie-Forschungs- und Entwicklungsbehörde und hauptverantwortlich für die „GOB“, die „Große Objektlose Bombe“, die der Zerstörung der Atmosphäre über dem jeweiligen Feindesland dienen sollte. Anders als geplant machte der tödliche Einfluss nicht vor den Grenzen der USA Halt. Dann erhob man Lufteufel zum neuen Gott: Die Vernichtung hat über den zuvor religiös propagierten Frieden gesiegt und ist folglich die stärkere bzw. höhere Macht.

In dem kleinen Ort Charlottesville, US-Staat Utah, wird der Maler Tibor McMasters vor eine Herausforderung gestellt. Er soll für ein Kirchengemälde das wahre Gesicht von Lufteufel wiedergeben. Dazu muss er „Gottes Antlitz“ sehen, denn es soll lebensecht werden.

Niemand weiß in Charlottesville genau, wo Lufteufel sich aufhält. Viele Meilen wird McMasters durch ein verwüstetes Land, das mit oft unheimlichen Kreaturen bevölkert ist, bis zu seinem ungefähren Ziel reisen müssen - für ihn womöglich tödlich, denn McMasters ist ein Mutant ohne Arme und Beine, muss sich mit Prothesen behelfen und auf einem Wagen von einer Kuh ziehen lassen. So wird diese Fahrt einerseits zur Odyssee und andererseits zu einer Pilgerreise, aber jederzeit lebensgefährlich ...

Hinauf in den Himmel?

Zu den zentralen Themen, die in der Science Fiction Autoren immer wieder beschäftig(t)en, gehört die Religion - selbstverständlich, muss man hinzufügen, denn  die ‚Öffnung‘ des Himmels und die Möglichkeit, dessen ‚Wunder‘ über kurz oder lang selbst schauen zu können, setzte die menschliche Fantasie schon vor dem raketenbefeuerten Wettlauf in den Himmel in Gang. Selbst wenn sich „Gott“ - welcher Religion er auch vorstehen mochte - nicht in einem Winkel des Weltalls finden lassen sollte, sorgte die SF für einen neuen Blinkwinkel auf den Glauben an eine Schöpfungsmacht, die den Menschen in unterschiedlichen Erscheinungsformen begleitet, noch bevor er begann, sich über die Welt, ihre übergeordneten Sphären und seine Stellung in diesem System Gedanken zu machen.

An dieser Stelle werden wir nicht über die Bedeutung der Religion philosophieren, sondern können sie als gegeben und bekannt voraussetzen. Das hier vorgestellte Buch dient als Beispiel für das gedankliche Spiel mit dem Glauben in der Science Fiction, die von ihren Kritikern gern auf Hightech und Weltraumabenteuer eingegrenzt wurde und wird. Doch die Autoren schauen seit jeher über den Tellerrand hinaus, wobei sich dies seit den 1960er und 1970er Jahren verstärkte. Alles, was der (westlichen) Gesellschaft lange Halt geboten hatte, wurde in Frage gestellt. Bürgerrechtsbewegung, Anti-Vietnam-Proteste, überhaupt das Rütteln an Autoritäten, die sich quasi zu Naturgesetzen versteinert hatten, und parallel dazu die Geburt von Kultur- und Kunstströmungen, die ebenfalls Traditionen in Frage stellten, ließen auch die Religion/en in den Sog einer Neubewertung geraten.

In der SF wurde der „inner space“ entdeckt. Nicht der Spurt zu den Sternen stand im Mittelpunkt, sondern die ‚psychologische‘ Reise ins Innere des menschlichen Geistes, was selbstverständlich zur Beschäftigung mit dem Glauben führen musste: Stellt man sämtliche überkommenen Autoritäten in Frage, kann Gott nicht unbeachtet bleiben. Dass den (christlichen) Kirchen solche Gedankenspiele nicht gefielen, sorgte für den seitens der ‚Revoluzzer‘ freudig registrierten Gegenwind: Ein Aufstand ergibt nur Sinn, wenn sich Widerstand erhebt, der den Aufständischen die ersehnte Resonanz verschafft. Da man sich auf Wut und Geifer etablierten kirchlicher Institutionen verlassen kann, war hier die Aufmerksamkeit gesichert.

Gott gegen Gott.2

Ungeachtet des martialischen Titels wollten Philip Kindred Dick (1928-1982) und Roger Zelazny (1937-1995) höchstens indirekt provozieren, als sie sich Gedanken über die Rolle der Religion in einer postatomaren Zukunft machten. Dick hatte schon Ende der 1950er Jahre mit der Niederschrift einer entsprechenden Geschichte begonnen, merkte aber dann, dass ihm das notwendige Hintergrundwissen über die christliche Religion fehlte. Er war ein unerhört fleißiger Schriftsteller mit unzähligen Ideen, sodass er das Fragment zur Seite legte.

Jahre später stieß Roger Zelazny während eines Besuches darauf. Es erregte sein Interesse, denn Zelazny beschäftigte sich ausgiebig mit den Religionen dieser Welt, die er verfremdet in seine Werke einfließen ließ und dabei - positiv und negativ - hinterfragte. Aber auch Zelazny, der das Buch fertigstellen wollte, hatte viel zu tun, sodass die 1970er Jahre schon zur Hälfte verstrichen waren, als „Der Gott des Zorns“ endlich als fertiges Buch vorlag.

Das Ergebnis spiegelt die komplizierte Entstehungsgeschichte wider, wie man nüchtern feststellen muss. Nichtsdestotrotz ist die Lektüre nicht nur interessant, sondern auch vergnüglich. Das Interesse speist sich aus der Lektion, wie eine Diskussion ungeachtet ihres Themas ausarten und sich leerlaufen kann, das Vergnügen basiert auf der Kulisse bzw. der an sich SF-konformen Handlung, der Reise durch eine atom- und mutantenverseuchte Öde, die mit bizarren und witzigen oder schlicht unerwarteten Einfällen belebt wird. Dies mündet einerseits ironisch (und einst womöglich ‚ketzerisch‘) in der Geschichte eines neuen Heilands, seines Todes und seiner Wiederkehr, und folgt andererseits ein sarkastischer Epilog vom allzu bekannten, von Machtmenschen gesteuerten Siegeszug einer neuen Kirche.

Apokalypse oder Genesis?

Die ersten Kapitel sind aus Dicks Feder geflossen. Man erkennt es an dem quasi hermeneutisch um sich kreisenden Mini-Kosmos von Charlottesville, dessen wenige Einwohner zu Repräsentanten eines Theaterstücks erhoben werden, in dem die ‚alte‘ mit der ‚neuen‘ Religion zwar nicht kämpft - in dieser postatomaren Welt hat niemand mehr die Kraft dazu -, aber dennoch erbittert ringt. Viele Seiten füllen Diskussionen über Recht oder Unrecht der konkurrierenden Kirchen, die mit Zitaten aus der Bibel oder den Worten religionsphilosophischer weiser Männer aufgewertet werden. Wer auf blutige Kämpfe zwischen Menschen und Mutanten wartet, wird enttäuscht bleiben, denn auch als letztere schließlich auf der Bildfläche erscheinen, reden sie lieber, statt sich zu schlagen.

Dick und Zelazny arbeiten an der Idee, eine neue Religion aus den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit zu schaffen, die nicht auf Güte und Vergebung, sondern auf Gewalt und Stärke setzt - jene Faktoren, die den Globus so radikal umgeformt haben. Daraus resultierenden erstaunliche, aber durchaus plausible Konsequenzen, die dem Glauben an den „Gott des Zorns“ ihre Stütze verschaffen. Wie es sich für eine Religion gehört, bleibt auch der „Deus-Irae“-Glaube dabei nur teilverständlich. Zwar lebt der echte, ursprüngliche Carlton Lufteufel noch - ein alternder, kranker, geistig zerrütteter Mann, der von den Dämonen seiner Schuld als Schöpfer der Bombe gejagt wird. Gleichzeitig existiert Lufteufel offenbar als wahrhaftiger Gott, als unsterblicher, unverwundbarer Herr über Leben und Tod, der seine ‚Kinder‘ - hier in erster Linie Tibor McMasters - auf die Probe stellt.

Als Zelazny die Geschichte ‚übernimmt‘, wird dies an einem Wechsel der Perspektive deutlich. McMasters beginnt seine Pilgerfahrt zum Gott des Zorns. Er verlässt Charlottesville und lernt die Außenwelt kennen. Die Philosophie weicht passagenweise dem bunten, ideenfreudigen Abenteuer, in das Zelazny eigene Seltsamkeiten einflicht und Post-Doomsday-Klischees grotesk auf den Kopf stellt. (Man fühlt sich an seine Untergangs-Odyssee „Damnation Alley“ ,1969; dt. „Straße der Verdammnis“, erinnert.) Erst im Finale kehrt der religiöse Unterton zurück. Die holprige, oft in ‚Sprüngen‘ voranschreitende Story erhält wider Erwarten einen würdigen Abschluss und einen Sinn als von der Kirche des zornigen Gottes sorgfältig vertuschte wahre Geschichte ihres höchstens zufällig ‚göttlichen‘ Beginns.

Fazit:

Nach der globalen Apokalypse wird der Glaube der Menschen auf die Probe gestellt. Als Roman ergibt dies eine bedingt harmonische Mischung aus Philosophie und Katastrophen-SF, die elementare Fragen aufwerfen will, aber den dafür erforderlichen langen Atem vermissen lässt: eher ein Experiment als eine taugliche gedankliche Anregung, aber interessant und gut geschrieben.

Der Gott des Zorns

Philip K. Dick, Roger Zelazny, Bastei-Lübbe

Der Gott des Zorns

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