Das Haus an der Grenze

Erschienen: Januar 1973

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Michael Drewniok
Wilde Visionen mit bösen Schweinen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2006

In einer abgelegenen Gegend Westirlands steht ein verrufenes Haus, das der Teufel selbst errichtet haben soll. Für diese Theorie der Einheimischen gibt es Gründe, denn der neue Eigentümer, ein verschrobener Einzelgänger, sieht sich von bösartigen, gänzlich unirdischen Schweinewesen belagert. Als er diese knapp zurückgeschlagen hat, verwandelt sich das Haus selbst in ein Portal, durch das sein Bewohner auf eine fantastische Reise durch Zeit und Raum gerissen wird.

Er erlebt eine sich über Jahrmillionen erstreckende Vision vom allmählichen Ende der Erde und des Sonnensystems, bereist als Geistwesen fremde Dimensionen, trifft seine verstorbene Geliebte wieder und entdeckt dabei immer neue Hinweise darauf, dass am Anfang und Ende allen Seins offenbar das verfluchte Haus steht. Nach seiner Rückkehr in die Gegenwart bieten die rätselhaften Mächte der Finsternis einen weiteren furchtbaren Gegner gegen ihn auf, dem er sich zum aussichtslosen Kampf auf Leben und Tod stellen muss ...

Keine einfache Gruselgeschichte

Nur wenige Genre-Romane hat William Hope Hodgson während seiner allzu kurzen Schriftstellerkarriere verfasst. Sie gehören zu den großen Werken der angelsächsischen Phantastik. "Das Haus an der Grenze" ist eine außergewöhnliche Mischung aus Horror, Abenteuer, Fantasy und Science Fiction, die zum Zeitpunkt der Entstehung noch nicht einmal so genannt wurde.

Man ist erstaunt, wie bekannt uns viele Elemente der Handlung aus späteren Romanen und Erzählungen vorkommen. Aber ähnlich wie H. G. Wells gehört auch Hodgson zu den vielen Vätern der SF. Er hat die astronomische Fachliteratur seiner Zeit offensichtlich genau studiert. (Seine Reise durch das gegenwärtige und zukünftige Sonnensystem weist aus wissenschaftlicher Sicht freilich gewisse Alterserscheinungen auf, um es vorsichtig auszudrücken, aber das wird mehr als wettgemacht durch die Wortgewalt, mit der sie der Verfasser in Szene setzt.) Seine ´Außerirdischen´ lässt er im Ambiente der viktorianischen Gruselliteratur auftreten. Zwanzig Jahre später hätte Hodgson sie vermutlich schon viel vertrauter im Stil der "Pulp"-Magazine gestaltet; er war ein Schriftsteller, dem der Publikumserfolg am Herzen (und an der Geldbörse) lag.

Eine komplexe, intensive und buchstäblich mitreißende Lektüre bietet "Das Haus an der Grenze" heute noch. Mit dokumentarischer Präzision und poetischer Eindringlichkeit gleichzeitig entführt Hodgson in Raum und Zeit. Er zeigt sich dabei als Visionär, dessen Bilder kraftvoll und einprägsam sind. Dabei verlangt er viel Aufmerksamkeit vom Leser. Besonders als die Welt in fernster Zukunft buchstäblich untergeht, sich alle bekannten Strukturen auflösen und verändern, gilt es Wort für Wort zu studieren.

Reizvoll unfertige Albtraum-Vision

Besondere Anziehungskraft gewinnt "Das Haus an der Grenze" auch durch seine eigentümliche Struktur. Die Geschichte des stets namenlos bleibenden Einsiedlers wird uns als Tagebuchaufzeichnung verkauft, die zwei Reisende viele Jahre nach dem Geschehen in den Ruinen des Teufelshauses finden und später an W. H. Hodgson weitergeben, der sie herausgibt (und dabei mit einigen Kommentaren versieht). Sie bleibt Fragment; die Witterung hat Teile der Chronik zerstört. Vor allem aber berichtet der Erzähler nur. Er interpretiert selten oder gar nicht, weil er selbst die Zusammenhänge niemals begreift. Wieso gibt es auf einem fremden Planeten ein exaktes Duplikat des Hauses? Wer hat es aus welchen Gründen gebaut? Woher kommen die Schweinewesen wirklich? Fragen reihen sich an Fragen und bleiben letztlich unbeantwortet.

Erstaunlicherweise stört das ebenso wenig wie die fast gänzliche Abwesenheit von Action. Gerade Erklärungen sind der Tod so mancher phantastischen Erzählung. Lässt man dem Leser Raum, sich seine eigenen Lösungen auszudenken, bezieht man ihn ein und steigert die Faszination, die immer auch aus der nie gänzlichen Sicherheit, ob man richtig liegt, entstehen kann. Diese Deutung ist jedenfalls freundlicher als der Hinweis darauf, dass die längeren Arbeiten Hodgsons sämtlich recht episodisch wirken; der Mann wollte oder konnte offensichtlich keine roten Fäden legen. Der Wirkung seiner Geschichte tut das zumindest nach Meinung dieses Rezensenten jedoch keinen Abbruch!

W. H. Hodgson wird in seiner englischen Heimat als großer Erzähler in Ehren gehalten. Seine Werke wurden fast vollständig ins Netz gestellt und lassen sich auf diese Weise leicht im Originalton lesen. "Das Haus an der Grenze" ist z. B. unter http://eserver.org/fiction/borderland zu finden. Die Lektüre verrät die Herausforderung, vor welche der deutsche Übersetzer gestellt wurde. Er hat seine Arbeit gut gemacht und balanciert behutsam zwischen dem eigentümlich altmodischen Tonfall, den Hodgson seinem ältlichen, im Stil des späten 18. Jahrhunderts schreibenden Protagonisten unterlegt, und dem Duktus der Gegenwart, der vor allem den jüngeren Lesern dieses komplexe Werk näher bringen kann.

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