In der Schwebe

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1994
In der Schwebe
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Holger Schmidt
65°

Phantastik-Couch Rezension vonDez 2006

Fehlzündung

Bestsellerautor Dan Simmons lässt sich Zeit für seine Romane. Viele Fans schätzen zwar seine visionären Epen, kennen aber auch die langen Wartezeit zwischen Simmons' Veröffentlichungen. Kein Wunder also, dass die Verlage mit Neuausgaben versuchen, die Leser bei Laune zu halten. „Monde" wurde 1989 veröffentlicht und erreicht den Leser nun in einer überarbeitenden Neuauflage.

Der Ruhm vergangener Tage

Richard Baedecker war einer der wenigen gefeierten Astronauten, die je einen Fuß auf den Mond gesetzt haben. Heute arbeitet er nicht mehr für die Nasa und tingelt als Vertreter durch die Welt. Bei einer dieser Reisen kann er einen kurzen Abstecher nach Indien arrangieren. Hier möchte er seinen Sohn wiedersehen. Dieser hat sich einer obskuren Sekte angeschlossen und sucht nun im fernen Indien nach dem Sinn des Lebens.

Mit Anfang Fünfzig blickt Baedecker auf ein Leben voller Rückschläge zurück. Seine Zeiten als Astronaut sind schon lange vorbei. Sein Job ist nicht mehr als ein Broterwerb für ihn. Seine Ehe ist vor Jahren gescheitert. Auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist alles andere als gut. Nach seiner Scheidung hat Baedecker nicht mehr viel Zeit mit seinem erwachsenen Sohn verbracht. In Neu-Delhi lernt Baedecker eine Frau kennen, die seinem gescheiterten Leben eine neue Richtung geben könnte. Wenn diese nicht ausgerechnet die Freundin seines Sohnes wäre und zu allem Überfluss gerade mal halb so alt ist wie er selbst. Nach dieser aufwühlenden Begegnung versucht Baedecker sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Entschlossen zieht er einen Schlussstrich und begibt sich auf eine Reise in seine eigene Vergangenheit. Zu den Orten seiner Kindheit und den Jahren, die er mit seinen Astronautenkollegen zusammen verbrachte.

Simmons light

Der gesamte Roman wird aus der Sicht Baedeckers erzählt. Die Haupthandlung spielt Ende der 80er Jahre. Die einzelnen Kapitel sind klar getrennt und befassen sich mit den Stationen Baedeckers‘ Reise. Das Augenmerkt liegt dabei in erster Linie auf der Entwicklung des Hauptcharakters. Simmons erzählt die Geschichte eines alternden Astronauten, der einen neuen Sinn in seinem Leben finden muss. Ausgeschmückt wird die Erzählung durch - für den Autor typische - detaillierte und farbenreiche Schilderungen, die alle Sinne des Lesers ansprechen.

Die für die Weltraumforschung ernüchternde Phase Ende der achtziger Jahre ist ein Thema in diesem Buch. Das Challenger-Unglück hatte viele Träume wie Seifenblasen zerplatzen lassen. Politisch war das Weltraumprogramm für die USA nicht mehr wichtig. Der große Gegner, die Sowjetunion, hatte andere Probleme und konnte den Konkurrenzkampf der Großmächte um die Vormachtstellung im Weltraum nicht weiter anheizen. Eine langer Krise für die Erforschung des Alls hatte begonnen.

In der Einleitung einer Kurzgeschichte aus der Storysammlung „Helix" berichtet Simmons von seinem Hang zu asiatischer Philosophie und dem Bergsteigen. Diese Themen sind auch Elemente von „Monde". Hier sind sie Orte der Kraft, die das Schicksal der Menschen stark beeinflussen können. Andererseits distanziert sich Simmons von blindem Glauben an Erlöser: Während Baedeckers Sohn dem „Meister" der Sekte willenlos folgt, versucht sein Vater ihn aus deren Fängen zu befreien.

Mogelpackung

Braucht man für einen Science-Fiction-Roman Außerirdische, Zeitreisen oder futuristische Technologien? Nicht unbedingt, trotzdem ist „Monde" kein wirklicher Science-Fiction-Roman. So gut wie kein Element des Genres ist in diesem Buch zu finden, vielmehr handelt es sich um einen philosophisch angehauchten Entwicklungsroman. Science-Fiction-Fans werden mit diesem Buch kaum glücklich werden. Leser, die Simmons von seinen großangelegten Epen kennen, erleben hier ein völlig anderen Autor. Viele wird dieses Buch zwangsläufig enttäuschen.

Wer keinen Sinn für schlichte Gegenwartsromane hat, der kann die erste Hälfte des Buches getrost vergessen. Erst in Hälfte Zwei spannt Simmons einen eindringlicheren Handlungsbogen und weckt das Interesse des Lesers nur, um mit einem recht unspektakulären Finale zu schließen. Somit ist „Monde" nur bedingt zu empfehlen. Lediglich Simmons' außergewöhnliches Erzähltalent kann diesen Roman vor einem völligen Einbruch bewahren.

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