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Michael Drewniok
Der Störfaktor Mensch wird eliminiert

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2006

- Die Stadt ("City", 1944): Gegen den Widerstand ihrer letzten Bürger soll eine US-Geisterstadt als lästiges Relikt der Vergangenheit zerstört werden.

- Das Haus ("Huddling Place", 1944): Obwohl man an anderer Stelle dringend seiner Hilfe bedarf, kann ein Arzt sein zur Falle gewordenes Heim nicht verlassen.

- Census ("Census", 1944): Sowohl die Zivilisation der Hunde als auch die Abspaltung der menschlichen Mutanten nimmt ihren Lauf.

- Die Flucht ("Desertion", 1944): Ausgerechnet auf dem Planeten Jupiter entdecken Menschen ein reales Paradies.

- Das Paradies ("Paradise", 1946): Die meisten Menschen verlassen die Erde und beginnen ein neues Leben auf dem Jupiter.

- Zeitvertreib ("Hobbies", 1946): Die wenigen auf der Erde verbliebenen Menschen geben sich sinnlosen Beschäftigungen hin.

- Äsop ("Aesop", 1947): Weil der Mensch von der Gewalt nicht lassen kann, wird er von der Erde entfernt; die Hunde übernehmen den Planeten.

- Die Lösung ("The Trouble with Ants"/"The Simple Way", 1951): Roboter Jenkins wird Zeuge, wie die Zivilisation der Ameisen den Menschen in den Untergang folgt.

- Epilog ("Epilog", 1973): Jenkins hält einsam Wache auf einer auch von den Hunden verlassenen Erde.

Eine (beinahe) friedliche Apokalypse

Die Welt ging und geht in der Science Fiction oft unter. Meist ist der Mensch selbst verantwortlich für sein Ende, das aber auch durch Fremdeinflüsse und dumme Zufälle (Asteroiden-Einschlag, außerirdische Attacke, Zombie-Epidemie) verursacht werden kann. Einigende Elemente sind viel Krawall und Sachschaden, während die Opferzahlen so dramatisch steigen wie die Spritpreise vor den Feiertagen: Wenn es schon aus ist, treten wir wenigstens mit Blitz und Donnergetöse ab!

Dass sich Clifford D. Simak nicht auf die bewährten Routinen des "Doomsday"-Subgenres stützen würde, ist zumindest denjenigen klar, die schon einmal einen Roman oder eine Kurzgeschichte dieses Verfassers gelesen haben. Simak bediente sich zwar sämtlicher Themen der SF, wobei er jedoch stets ein Mann der ruhigen Töne blieb. Wie "Als es noch Menschen gab" beweist, vermochte er auch ohne schwere Geschütze sehr gut das Ende der Menschheit in Szene zu setzen, trotzdem für Betroffenheit bei seinen Lesern zu sorgen und dabei spannend zu bleiben.

Die der Handlung innewohnende Tragik liegt in der Natur des Menschen begründet. Simak beschreibt in einem ausführlichen Nachwort, wie die Erzählungen, die er später in dem vorliegenden Buch sammelte, in einer Zeit entstanden, als die Erdmenschen aus den Gräueln des gerade überstandenen II. Weltkriegs rein gar nichts gelernt zu haben schienen. Stattdessen standen sich nunmehr atomar gerüstete Gegner in einem "kalten" Krieg gegenüber, der sehr schnell heiß und dieses Mal global tödlich werden konnte. Das Talent zur technischen Innovation, so schien es Simak, ging offensichtlich einher mit einem tief verankerten Hang zur Gewalt, und dieser würde sich immer wieder seinen Weg bahnen.

In "Als es noch Menschen gab" fällt der III. Weltkrieg aus. Die Atomkraft wird friedlich genutzt. Die sozialen Strukturen beginnen sich gravierend zu ändern. Der Mensch gibt das kollektive Leben in der Stadt auf. Er zieht aufs Land, mutiert zum Individuum und verliert jenen Zusammenhalt, der ihn einerseits aggressiv und andererseits im Austausch von Meinungen und Theorien erfinderisch werden ließ. Noch später verlassen die meisten Menschen die Erde und gehen in der zivilisationslosen Gesellschaft vergeistigter Jupiter-Geschöpfe auf.

Der Wolf bleibt immer Wolf

Zurück bleiben wenige Menschen, die das außerirdische ´Paradies´ scheuen und auf der Erde ohne Sorgen oder Bedürfnisse aber auch ohne Ziele leben, sowie Hunde und Roboter. Die Hunde sind inzwischen intelligent geworden und können sprechen - eine vergangene Großtat der menschlichen Wissenschaft, hier einmal mehr verkörpert durch ein Mitglied der Familie Webster.

Simak stellt die Websters als Identifikationsfiguren in den Mittelpunkt der Ereignisse, die von ihnen erst gesteuert und später nur noch registriert werden. Auch die ´Parallel-Zivilisation´ der Hunde ist ein Projekt der Websters. Sie wollen dem Menschen eine Intelligenz zur Seite zu stellen, die von den beschriebenen Wesensmakeln rein ist. Als die Menschen nach und nach verschwinden, übernimmt der unsterbliche Roboter Jenkins die Rolle der Websters. Er führt die Hunde in eine neue Zeit, in der alle Tiere intelligent geworden sind, sich verständigen können und einen globalen Friedenspakt geschlossen haben.

Erst jetzt setzt die eigentliche Apokalypse ein: Der Zufall verdeutlicht Jenkins, dass der fast ausgestorbene Mensch sein Gewaltpotenzial bewahrt hat und es erneut über die Erde bringen könnte. Also macht er dem ein Ende und entführt die Menschen an einen fernen Ort, an dem sie Gebrauch von ihrer Aggression machen können. Zurück bleibt eine menschenleere Erde, auf der die friedfertigen Hunde das Sagen haben. In den letzten beiden Erzählungen gibt es keine Websters mehr, und auch die Hunde sind verschwunden; der Roboter Jenkins spielt die Rolle des Testamentsvollstreckers und Hüters einer Vergangenheit, die nur mehr ihm wichtig ist.

Chronik mit vielen absichtlichen Fragezeichen

Simak verzichtet auf die Stringenz einer Handlung, die er stattdessen in einzelne Erzählungen aufgliedert. Damit bewahrt er dem "City"-Zyklus seine ursprüngliche Struktur: Die zunächst acht Erzählungen entstanden zwischen 1946 und 1951 als Storys, die vom Verfasser 1952 zum gleichnamigen Buch zusammengefasst wurden. Erst jetzt entstanden die verbindenden Kommentare, in denen hündische Historiker und Philosophen einer fernen Zukunft sich an der Deutung der wenigen hinterlassenen Quellen versuchen. (22 Jahre später fügte Simak eine neunte Geschichte hinzu. Sie sollte dem "City"-Zyklus abrunden, entstand aber in einem deutlich veränderten Umfeld, sodass sie nur schlecht zu den originalen acht Storys - die sich außerdem längst zum Kanon gefügt hatten - passen wollte.)

Die Geschichten aus "Als es noch Menschen gab" liegen auf einer Zeitachse, die im Jahre 1990 beginnt und viele Jahrtausende in die Zukunft reicht. Insgesamt ergibt sich trotz der Episoden-Struktur eine durchgängige Geschichte. Sie weist Lücken auf, die der Leser dank der Simakschen Andeutungen selbstständig zu füllen weiß. (Apropos Lücke: "Als es noch Menschen gab" gehört zu den Meisterwerken der Science Fiction, obwohl dem Verfasser in Sachen Science gewaltige Patzer - Hunde werden nicht intelligent, nur weil sie sprechen können, Jupiter ist ein Gasplanet ohne begehbare Oberfläche, und die Stadt hat als Lebensraum überlebt - unterliefen, wie der nachgeborene SF-Kollege Peter Watts in seinem Vorwort einerseits nachweist, während er gleichzeitig die Beständigkeit der Fiction betont.)

Simak zeigt sich als Meister der Ökonomie; sein gewaltiges Epos einer möglichen Zukunft umfasst in der Originalausgabe von 1952 gerade 224 Seiten. Auch ergänzt durch die neunte Story, durch Vor- und Nachwort degeneriert "Als es noch Menschen gab" nie zu einem jener endlosen, geschwätzigen Serienprodukte, zu der erfolgreiche SF-Ideen heutzutage viel zu oft ausgewalzt werden. Dass dieses Buch in seiner aktuellen deutschen Neuausgabe mehr als 400 Seiten stark ist, ´verdankt´ es einem überaus aufgelockerten Druckbild mit großen Buchstaben und großzügigen Rändern ...

Übrigens wurden die acht ursprünglichen "City"-Storys nicht neu übersetzt; der Heyne-Verlag griff auf die Eindeutschung von Tony Westermayr aus dem Jahre 1964 zurück. Obwohl der oft geschmähte Übersetzer hier gute Arbeit leistete, wäre eine neue deutsche Fassung nach beinahe fünf Jahrzehnten und anlässlich dieser Neuausgabe eigentlich fällig gewesen.

Als es noch Menschen gab

Als es noch Menschen gab

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Letzte Kommentare:
12.04.2019 17:43:39
K.-G. Beck-Ewerhardy

Dieses Buch erschien erstmals 1952 und gibt sich als eine wissenschaftlich kritische Ausgabe von acht alten Legenden, die eine zusammenhängende, über Jahrtausende gehende Geschichte erzählen. Herausgegeben wurde diese Sammlung von einigen hündischen Wissenschaftlern und die Legenden erzählen von einem sehr seltsamen zweibeinigen Wesen, das mal auf der Erde existiert haben soll – dem Menschen. Dieses Wesen lebte in komischen Zusammenschlüssen namens „Städten“ und hin und wieder hatte es eine große vernichtende Veranstaltung namens „Krieg“. Und manche behaupten sogar, eine Familie namens Webster hätte dem ersten Hund das Sprechen beigebracht.

Eingeleitet von kritischen Kommentaren eines hündischen Gelehrten erzählen die Geschichten davon, wie durch verschiedene technische Neuerungen Städte als Formen des Zusammenlebens zunehmend überflüssig wurden und die Menschen begannen in ländlichen Besitzungen sich immer mehr voneinander zu isolieren, während Mutanten eine extreme Form des Individualismus pflegten. Mit dem Aufbruch zum Jupiter und zu anderen Planeten wurde die Erde zunehmend leerer, so dass die verbleibenden immer langlebigeren Menschen begannen ihre Existenz mehr und mehr zu hinterfragen – bis sie schließlich den Weg für eine andere Rasse freimachten.

Doch noch viele andere komplexe Konzepte zur Psychologie und zur sozialen Evolution durchziehen diese Sammlung, die immer wieder die Frage stellt, was den Menschen eigentlich ausmacht und welche seiner Eigenschaften positiv und welche negativ zu bewerten sind. Und sind die Tiere wirklich die besseren Menschen, oder hat der Mensch im großen Zusammenhang aller Dinge nicht vielleicht doch eine Funktion, die sich uns heutzutage einfach noch nicht erschließen kann.

Ein mittlerweile 60 Jahre altes Buch, das nicht umsonst vor wenigen Jahren noch einmal neu aufge-legt wurde, denn ähnlich wie „Die Welt ohne uns“ stellt sie uns sehr bewusst in Frage, was ein kriti-sches Nachdenken über unsere Spezies und deren Bedeutung und weitere Entwicklung sicherlich befördern kann. Überaus empfehlenswert.

11.04.2019 16:08:15
Markus Wildenblanck

Schönes pazifistisches, melancholisches Buch: Die Tiere treten das Menschheitserbe auf der Erde an

"Als es noch Menschen gab"/"City" (1952) gilt neben "Raumstation auf der Erde" als Simaks bekanntestes und best angesehenes Werk. Dieser grosse konservative Humanist und Pazifist unter den Science Fiction Klassikern des goldenen Zeitalters hat in Deutschland heute zu Unrecht nicht denselben Bekanntheitsgrad wie Heinlein, Asimov und Clarke bis heute erhalten können. Dies obwohl er in den 50er und 60er Jahren sehr viel auch hierzulande verlegt und gelesen wurde.

Er hat einen sehr ruhigen, ruralen, pastoralen Stil, der lange Zeit wohl angesichts New Wave, Cyberpunk und Co nicht so beliebt war. Nachdem wir nun heute dabei sind, die Postmoderne zu überwinden und uns auf ein Leben in Einklang mit Familie, Natur und Tradition rückzubesinnen, hoffe ich dass seine friedliche, ruhige Art zu erzählen wieder mehr Anklang finden wird.

In diesem Buch wird eine spekulative Zukunft der Menschheit geschildert, die in unserer Jetztzeit den Anfang nimmt und in mehreren Schritten von der Aufgabe der Stadt zugunsten des Landlebens über einen langen Prozess zum Verschwinden der Menschen von der Erde führt. Das Erbe der Erde treten die Tiere, insbesondere die Hunde an, die es nun vielleicht besser machen sollen. Der Mensch ist am Ende nur mehr ein Mythos, von dem ungewiss ist, ob er überhaupt gelebt hat. Begleitend tätig in diesem Prozess sind die Roboter.

Dieses Buch, eine aus verschiedenen Short Stories der 40er/50er Jahre zusammengesetzte Erzählung, ist wunderbar geschrieben und wirft eine Fülle von tiefsinnigen Fragen nach dem Sinn des Lebens und möglicher Entwicklungslinien auf. Es ist völlig klar, dass es die SF massgeblich beeinflusst hat. In seiner sehr melancholischen, doch von der Grundstimmung her nicht unbedingt pessimistischen Schilderung vom Exodus der Menschheit hat es mich etwas an Clarkes "Die letzte Generation" erinnert. Auch hier wird dem Menschen seine Begrenztheit, und letztlich nahezu vergebliche Suche nach Sinn vor Augen geführt, nicht ohne ihm ein mitfühlendes Denkmal der Grösse in diesem seinem Scheitern zu setzen.

Die Handlung des Buches setzt sich von der nahen Zukunft über Jahrtausende fort, wobei als roter Faden die Geschichte einer Familie, der Familie Webster dient, und als wiederkehrender Protagonist in den meisten Geschichten der Hausroboter dieser Familie. Es würde die Spannung und das Lesevergnügen mindern, würde man vom Hergang allzuviele Details verraten. Nur soviel, dass absolut grossartige philosophische und menschliche Fragen und Handlungsfäden behandelt werden, wie sie in der damaligen Science Fiction teils etwa von Hamilton oder Clarke schon angerissen worden waren, aber nie zuvor in so einfühlsamer und wunderbarer Schilderung entfaltet wurden.

Die eingesetzte Technik wird dabei immer phantastischer und phänomenaler, Simak lässt hier wirklich alle Zügel schiessen und versteigt sich hier in absolut unrealistische oder sogar wissenschaftlich eindeutig falsche Dinge. Dies haben andere Rezensenten negativ angemerkt. Aber mich stört das nicht im geringsten, im Gegenteil, es gefällt mir ausgezeichnet das der Sense of Wonder und das Geschichten-Erzählen hier anders als etwa bei einem typischen Hard-SF-Autoren im Vordergrund stehen.

Dies ist für einen phantasievollen und zum Träumen, für einen etwas zum Weltschmerz und zur Melancholie veranlagten Leser ein ausserordentlich lohnendes Buch.

14.01.2018 20:29:30
deebee

Seit mir mein Vater 1959 den Utopia-Roman "Ingenieure des Kosmos" zu lesen gab, bin ich Fan von Clifford D. Simak.
Als ich dann 1978 zum ersten Mal "Als es noch Menschen gab" gelesen habe, hat es mich tief berührt und ist seitdem mein unangefochtenes Lieblingsbuch.
Natürlich hat sich die Science Fiction seitdem stark verändert und es gibt noch viele sehr lesenswerte Autoren, doch dieses Buch hat einen besonderen Platz in meiner Bibliothek und gerade habe ich es zum wiederholten Mal mit der gleichen Freude gelesen!

03.08.2010 20:25:26
a3kHH

"Übrigens wurden die acht ursprünglichen „City“-Storys nicht neu übersetzt; der Heyne-Verlag griff auf die Eindeutschung von Tony Westermayr aus dem Jahre 1964 zurück. Obwohl der oft geschmähte Übersetzer hier gute Arbeit leistete, wäre eine neue deutsche Fassung nach beinahe fünf Jahrzehnten und anlässlich dieser Neuausgabe eigentlich fällig gewesen."
Das ist nicht ganz richtig, diese Ausgabe ist eine Verschlimmbesserung der Westermayrschen Übersetzung und verfälscht das Flair der Stories deutlich.

17.06.2008 14:13:39
Rüdiger Tomczak

Ein weiteres Juwel von Simak. Ich schgäme mich fast, diesen Autor so spät entdeckt zu haben. Dass man seine Bücher nur noch in Antiquariaten findet, d.h. sie werden seeit jahren in Deutschland nicht mehr verlegt, ist mir unverständlich. ALS ES NOCH MENSCHEN GAB zeichnet den Autor gleichzeitig als grossen Geschichtenerzähler, Poeten, Humanisten und Landschaftsmaler aus. Ein bisschen erscheint er mir auch als der Jean Giono (grosser provencalischer Dichter) des Science Fiction.

31.01.2007 14:55:07
Cordes1

Sehr schönes Buch, dass zum Nach und Weiterdenken anregt.
Neben Raumstation auf der Erde sicher einer der herausragenden Werke von C.D. Simak. Auch nach öfterem lesen fesselt einen das Buch noch