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Frank A. Dudley
Die Zukunft liegt in der Vegangenheit

Buch-Rezension von Frank A. Dudley Jan 2007

Novellen sind kürzer als Romane, aber länger als Kurzgeschichten. Inhaltlich können sie deshalb mehr bieten als letztere, jedoch deutlich weniger als erstere. Für Autoren sind Novellen eine Gratwanderung: Wieviel Charakter und Konflikt gehen hinein, um die kompakte Gestalt zu wahren? Robert Charles Wilson, Lesern der phantastik-couch bereits als Autor von ";Spin"; bekannt, beherrscht auch diese Erzählform.

Die post-apokalyptischen Vereinigten Staaten von Amerika des Jahres 2172 befinden sich technologisch und moralisch auf dem Stand des 19. Jahrhundert. Ein gewollter Zustand, denn obwohl das Land faktisch eine Demokratie ist, werden die mittlerweile 60 Unionsstaaten von der streng puritanischen und fortschrittsfeindlichen ";Church of Dominion"; gelenkt. Dementsprechend autokratisch regiert Präsident Deklan Comstock seit mittlerweile sechs Amtperioden. Die Gesellschaft der USA setzt sich drei sozialen Gruppen zusammen: den ";Aristos"; der Oberschicht, der mittleren ";Leasing Class"; und den mehr oder weniger leibeigenen ";Indentured Laborers";.

Der jugendliche Adam, zur Mittelschicht gehörend und die narrative Stimme der Novelle, erzählt eine Geschichte seines Freundes Julian, Neffe des Präsidenten. Gleichzeitig und indirekt berichtet Adam von seinen ersten Schritten ins Erwachsenenleben – oder vielmehr von seinen ersten gesellschaftskritischen Gedanken. Denn Julian ist ein Querdenker, jemand, der an Wissenschaft und Forschung glaubt, für den die Ideen Einsteins und Darwins mehr bedeuten als die rückschrittlichen Tugenden, die Kirche und Regierung rigoros durchsetzen.

Julian gibt seinem Freund ein Buch zu lesen, das in diesem eine gedankliche Kettenreaktion auslöst und seinen Glauben an die bestehende Feudalordnung langsam zersetzt: ";The History of Mankind in Space";. Als Julian von seinem Onkel zum Militärdienst verpflichtet werden soll (niederländische Truppen halten Labrador besetzt), schlägt sich Adam auf die Seite seines Freundes und lässt sein bisheriges Leben hinter sich.

Gedanken drängen nach vorne

Robert Charles Wilson vermeidet in ";Julian"; der Novellenform entsprechend eine übertriebene Extrapolation der jetzigen Verhältnisse, er nutzt jedoch den Hintergrund von christlichem Fundamentalismus und einer konservativen Gesellschaft in den USA, um eine Coming of Age-Geschichte zu erzählen. Hier werden mögliche Fakten auf harmonische und beinahe poetische Weise mit der Schilderung der Zweifel verbunden, die die ersten Schritte zum Erwachsenwerden naturgemäß begleiten; hier wird auf subtile Weise vermittelt, dass andere Gedanken nicht verhindert werden können. Ein kleines Meisterwerk ist diese Science Fiction-Novelle, sie ist auf perfekte Weise komponiert: Offener als eine Kurzgeschichte, jedoch dichter als ein Roman; dramatisch, ohne aufgeregt zu sein; kompakt, ohne gedrängt zu wirken.

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