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Michael Drewniok
Totes Übel will zurück in die Welt

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2020

Vor 5000 Jahren stürzte „Es“ aus dem Weltraum auf die Erde. Tödlich verletzt, aber nicht bereit zu sterben harrte die fremdartige Kreatur geduldig aus, bis ihr im Jahre 1877 der junge Absolom Troet in die Falle ging. „Es“ starb, aber sein Geist ging in sein Opfer über und verlieh ihm Unsterblichkeit. Absolom wurde zum Handlanger, der jenen Langzeitplan vorantreiben soll, der „Es“ eine Rückkehr ermöglichen wird.

Mehr als ein Jahrhundert später ist vergessen, welches Unglück Absolom nach der ‚Verwandlung‘ über seine Familie und die Gemeinde Gilead brachte. Diese liegt abgeschieden im Hinterland des US-Staates New Jersey und ist Heimat einer fundamentalistisch-christlichen Sekte. Die „Brethren of the Redeemer“ führen ein einfaches, gottgefälliges Leben und halten sich normalerweise von der ‚sündigen‘ Restwelt fern.

Doch Sarr und Deborah Poroth stecken in finanziellen Nöten. Wohl oder übel nehmen sie für den Sommer einen zahlenden Urlaubsgast auf. Jeremy Freirs sucht einen stillen Ort, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Er ahnt nicht, dass er nur eine Figur in Absolom Troets Schachspiel ist. In diesem Sommer soll „Es“ endlich wiederauferstehen.

Auch die junge Bibliothekarin Carol Conklin geht Absolom ins Netz. Sie ist die buchstäbliche Jungfrau, die erforderlich im Rahmen jener Zeremonien ist, die das Grauen entfesseln sollen. Allerdings ist man in Gilead nicht gänzlich ohne Warnung: Sarrs Mutter verfügt über das „Zweite Gesicht“ und weiß um das nahende Verhängnis, das um jeden Preis abgewendet werden muss …

Besuch mit bitterbösen Absichten

Es kommt aus dem Weltall oder aus einer fremden Dimension, um sich auf der Erde einzunisten, auszubreiten und die Menschheit zu unterjochen/auszurotten: T. E. D. Klein erzählt uns keine neue Geschichte - und er erzählt sie überaus langsam. Dass wir ihm bzw. ihr trotzdem gebannt folgen, liegt an der Intensität der Darstellung. „MorgenGrauen“ ist das seltene Beispiel eines seitenstarken Romans, der sein Handlungsbett nie verlässt, sondern ohne Handlungsabweichungen voranschreitet. Klein hat seinen Stoff noch in Nebensätzen fest im Griff. Wie ein Dirigent achtet er darauf, dass eine Vielzahl von Ereignissen im Takt einer uralten Inszenierung abspielt, die ebenfalls keine Abweichungen gestattet.

Erst nach und nach erfassen wir, was sich in Gilead und in New York City abspielt. Lange gibt es zwei Handlungsstränge, die jedoch einer Gesamtchoreografie folgen. Als ‚Klammer‘ fungiert Absolom Troet, der als trügerisch harmloser Privatgelehrter „Rosie“ seine - buchstäblichen - Opfer an den Kandaren hält. Noch bevor das Böse offen zu wandeln beginnt, sorgt „Rosie“ für ausgiebiges Grauen. Immer wieder verrutscht die Maske des alten, freundlichen Trottels, der sich tatsächlich kaum noch kontrollieren kann, nachdem der von „Es“ eingeleitete Masterplan endlich angelaufen ist. Wie üblich geht es um die Zerstörung der Weltordnung, wie wir sie kennen. Klein erweist sich als geschickter Beschwörer einer Macht, die tief in den Mythen wurzelt. Dort haben sie später die Vertreter der Populärkultur entdeckt, aufgegriffen und entwickelt. Klein konzentriert sich auf zwei Schriftsteller.

Arthur Machen (1863-1947) wurde berühmt (und berüchtigt) für seine Erzählungen, in denen er eine Gegenwart postulierte, in der die Fabelgestalten einer angeblich abergläubischen Vergangenheit real waren. Feen, Kobolde, Natur- bzw. Elementargeister (Gespenster blieben ausgeklammert): Machen entwarf eine Parallelwelt, deren Bewohner in keiner Weise ‚zauberhaft‘, sondern fremd und gefährlich waren, zumal sie sich nicht dem Christengott unterwarfen, sondern anderen Mächten gehorchten - oder auch nicht. Vor allem der (nicht nur) zu Machens Lebzeiten restriktive Blick auf die Sexualität blieb in dieser archaischen Welt ungetrübt.

Freiheit mit gefährlichen Konsequenzen

Der Kontakt zwischen Mensch und ‚Naturgeist‘ erweitert den Horizont, bleibt aber nie - die ältere Mrs. Poroth würde es bestätigen - ohne Folgen. Die gewonnene ‚Freiheit‘ trennt den oder die Erleuchtete/n von den Mitmenschen. Zudem verfolgen die fremden Wesen eigene Absichten, die nicht selten im Tod ihres Opfers gipfeln. In „MorgenGrauen“ fehlt dem Kontakt zwischen „uns“ und „ihnen“ jegliches Element der Faszination. Wir sind Zeugen eines von Anfang an schmutzigen Spiels.

Klein kombiniert Machens Konzept mit dem ‚naturwissenschaftlichen‘ Horror des Howard Phillips Lovecraft (1890-1937). Dieser - ein Bewunderer Machens - ging einen Schritt weiter und entwarf einen Kosmos, der von uralten, mächtigen Entitäten bewohnt wird, die miteinander verfeindet sind und sich bekämpfen. Ausgerechnet die Erde liegt nach Lovecraft dort auf diesem Schlachtfeld, wo es besonders heftig zugeht.

Mehrheitlich bleibt die Menschheit ahnungslos, doch es gibt Eingeweihte, die sich auf die eine oder andere Seite dieser gottähnlichen Wesen schlagen, um auf diese Weise Macht und Unsterblichkeit zu gewinnen. Absolom Troet ist ein solcher Günstling - Übermensch und Sklave zugleich, denn Kreaturen wie „Es“ dulden niemanden an ihrer Seite. Wie der biblische Teufel täuschen und betrügen sie jene, die sich mit ihnen einlassen.

Glauben mit falschen Sicherheiten

Klein lokalisiert die Konfrontation zwischen „Gut“ und „Böse“ in einem interessanten Umfeld: „Es“ drängt ausgerechnet in Gilead auf die Erde. Dabei sind dort ausgesprochen fromme Menschen ansässig, die einer solchen Herausforderung gewachsen sein sollten. Doch Klein legt dar, wieso gerade Gilead dem Bösen als Einfallstor dienen kann: Die Menschen haben sich dort in ihrem Glauben isoliert, und sie sind auf gegenseitige Kontrolle fixiert. Der Blick richtet sich nach innen, während die Außenwelt verteufelt und ignoriert wird.

Mehrfach beschreibt Klein, wie man einander ‚freundschaftlich‘ sowie im Namen der Bibel auf ‚Vergehen‘ hinweist. Gilead ist kein Bollwerk gegen die ‚sündige‘ Gegenwart, sondern schmort selbstgefällig im eigenen Saft. Unter der Oberfläche sind die Mitglieder der Gemeinde nicht fromm: Sie frömmeln, was ein gewaltiger Unterschied ist. Scheinheilig werden Sarr und Deborah Poroth von ihren „Brüdern“ und „Schwestern“ ‚beraten‘ = auf Linie gebracht. Dahinter verbergen sich sehr profane Rangeleien um Einfluss und Macht sowie Neid und scheinheilig verbrämte Vorurteile.

Hinzu kommt ein für religiöse Gemeinschaften typisches Interesse an den sexuellen Gewohnheiten des Nachbarn. Generell gibt Regeln, die zum angeglichen Wohl des Seelenheils befolgt werden ‚müssen‘. Stets findet sich jemand, der dies kontrollieren will und dabei auf die Offenlegung saftiger Details besteht. Damit einher geht ganz selbstverständlich ein Weltbild, in dem der Frau - das „Weib“ - eine dem Mann untergeordnete Position einnimmt. Weil Deborah aus Sicht der guten Menschen von Gilead zu „freigeistig“ ist, wenden sie sich hinter ihrem Rücken mit ihrer Kritik an Sarr, der Besserung verspricht, was unter Brethren-‚Brüdern‘ und -‚Schwestern‘ so aussieht: „Keine Sorge, ich werde sie das Weinen lehren“ (S. 111).

Figuren mit (nicht nur) persönlichen Schwächen

Während Klein das Verhängnis ebenso langsam wie unerbittlich über Gilead kommen lässt und dabei die Angst-Schraube kontinuierlich anzieht, ist er weniger erfolgreich mit der Charakterisierung seiner Hauptfiguren. Ausdrücklich ausgenommen ist von dieser Kritik Absolom Troet, dessen moralische Korruption konsequent durchgehalten und dargestellt wird. Absolom ist durch und durch böse und gefährlich - daran lässt Klein keinen Zweifel aufkommen. Er erschafft damit einen echten, nie gebrochenen Bösewicht, der die vielen Fäden seines Plans glaubhaft zusammenhält und verknüpft. Auch die ‚guten Menschen von Gilead‘ wirken - s. o. - in ihrer Engstirnigkeit beklemmend plausibel.

Dagegen wirken die beiden Hauptfiguren erschütternd arglos oder sogar dämlich. Zwar hat Absolom sie u. a. genau deshalb ausgesucht, weil diese Schwäche sie lenkbar macht. Dennoch sorgt vor allem Carol Conklin für Facepalm-Orgien, wenn sie sich vom schleimig-freundlichen „Rosie“ in seltsame Kleider stecken lässt, für ihn in nachtdüsteren Parks tanzt oder anderweitig so offensichtlich manipuliert wird, dass jede geistig halbwegs anwesende Frau Verdacht schöpfen müsste. Aber Carol muss offenbar so naiv sein (sowie bis zum Tag X unbedingt Jungfrau bleiben), um sich in „Rosies“ komplexen Plan einpassen zu lassen.

Derweil giert der ebenfalls recht unbedarfte Freirs der schönen Deborah hinterher, was eher peinlich ist, da diese ihm keinerlei Anlass gibt, dass solche Wunschvorstellungen sich erfüllen könnten. Bis sich das Böse in Gilead manifestiert, wandert Freirs mal geil, meist tumb durch die Wälder und wundert sich über dabei entdeckte Absonderlichkeiten. Das ist vergessen, sobald Klein mit der „Scharlachroten Zeremonie" ein Finale einleitet, das ebenso rasant wie leichenreich ist und dem ein Epilog folgt, der zwar das Überleben des nur scheinbar besiegten Bösen ‚andeutet‘, dies jedoch als logische Folge der Ereignisse schildert, statt eine Fortsetzung anzukündigen.

Fazit:

In einer Sektengemeinde laufen die Fäden eines Langzeitplans zusammen, der einer überirdischen, erzbösen Macht den Weg auf die Erde ebnen soll: Der eigentlich bekannte Plot wird langsam, aber meisterhaft entwickelt. Trotz beachtlicher Seitenstärke verschleppt Autor T. E. D. Klein die Story nicht. Schwächen gibt es in der Charakterisierung der ‚guten‘ Figuren, während ihr Widersacher vor Bosheit schillert: Klassisch verwurzelte Phantastik wird zum modernen Meisterwerk.

MorgenGrauen

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