Anansi Boys

Erschienen: Januar 2007

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Frank A. Dudley
Von Göttern und Menschen

Buch-Rezension von Frank A. Dudley Jan 2007

Seinen bislang größten Erfolg im deutschsprachigen Raum hatte der britische Autor Neil Gaiman mit seinem Roman "American Gods". In ihm sind mit den Immigranten aus allen Teilen der Welt auch ihre Götter nach Amerika eingewandert, schlagen sich genau wie sie durch, wobei sie ihre alten Eigenschaften nicht ganz ablegen können. Einer dieser Götter, Anansi, hatte in der Geschichte einen kurzen Auftritt als "Mr. Nancy". Jetzt spinnt Gaiman sein Göttergarn weiter und dichtet in "Anansi Boys" dem trickreichen Spinnengott aus Westafrika zwei sehr unterschiedliche Söhne an.

"Es beginnt, wie es ja meistens der Fall ist, mit einem Lied…Lieder sind dauerhaft, sie währen ewig." Mit diesen Worten beginnt die Geschichte von Fat Charlie, der feststellen muss, dass man sich mit Liedern auch in höchst peinliche Situationen begeben kann: Sein Vater, Lebemann durch und durch, ist jüngst in einer Karaokebar tot zusammengebrochen, als er für eine Gruppe englische Touristinnen "What's new, Pussycat" zum Besten geben wollte. Charlie, der in London als Computerfachmann arbeitet, fliegt als pflichtbewusster Sohn über den Atlantik, um dem Begräbnis seines alten Herrn beizuwohnen, der so sehr Wein, Weib und Gesang zugetan war.

Was Charlie bei seiner Ankunft in Florida erfährt, bringt in der Folge sein komplettes Lebenskonzept völlig durcheinander: Sein Vater Mr. Nancy war der trickreiche westafrikanische Spinnengott Anansi. Und er hat noch einen Bruder namens Spider, der die göttlichen Eigenschaften geerbt hat. Um ihn kennen zu lernen, so sagt man Charlie, müsse er es nur einer Spinne mitteilen. Schon klar, denkt er sich, und fliegt wieder zurück nach London, um seine Hochzeit vorzubereiten. Als er sich vor Ort kräftig betrinkt, flüstert er allerdings doch einer Hausspinne zu, dass ihn bitte sein Bruder besuchen möge. Prompt steht der äußerst elegant gekleidete Mr Spider am nächsten vor der Tür - und nicht nur Charlie, sondern auch dessen Verlobte gehen ihm ins Netz.

Während Charlie wieder nach Florida geflogen ist, um sich Rat zu holen, wie er seinen Bruder wieder los werden kann, entdeckt Spider, dass Charlies Arbeitgeber Coats den Kunden das Geld nur so aus der Tasche zieht. Coats will seine Betrügereien vertuschen und beschuldigt Charlie, der wiederum gerade im Anfang der Welt weilt und mit den ursprünglichen Tiergöttern darüber verhandelt, Spider abzuservieren. Und was danach folgt, ist eine irrwitzige und makabre Familien-Story, so rasant erzählt, dass auch eine Spinne mit ihren acht Beinen aufpassen muss, nicht aus der Erzählkurve getragen zu werden.

Herrlich versponnen

Neil Gaiman entzündet in "Anansi Boys" ein regelrechtes Ideenfeuerwerk, die Geschichte sprüht nur so vor Witz, sie knistert vor Spannung und funkelt vor Magie. Aus seinem Götterpanoptikum in "American Gods" hat er sich mit Anansi den durchtriebensten Gott ausgesucht und erzählt mit meisterlicher sowie einfühlsamer Hand eine Familiengeschichte der besonderen bis absonderlichen Art. Dabei greift er auf Krimielemente ebenso zurück wie auf mythische Erzählungen, was in der Kombination anfangs für einen verschlungenen Plot sorgt. Doch Gaiman verliert den (Spinnen-) Faden nicht, sondern sorgt mit ausgesprochen lebensechten Details - wie Loriot-artigen Servicekatastrophen während transatlantischer Flüge - dafür, dass die Handlung bei aller Magie wie aus dem scheinbar normalen Alltag gegriffen wirkt. Ein herrlich-abstruser Gegensatz.

Für prächtige Unterhaltung mit reichlich schwarzem Humor ist also gesorgt, doch die gedankliche und emotionale Tiefe des eigentlichen Themas sind die starken Fäden, an denen Gaiman das feingesponnene Netz seiner Geschichte aufhängt: Familie. Familiengeheimnisse (Charlie lernt, dass sein Vater ein Gott war), Geschwisterkonkurrenz (Spider spannt Charlie die Verlobte aus), Familienbande (Verwandte kann man sich nicht aussuchen). Charlie lüpft den Vorhang seines Lebens und entdeckt die wilde Welt dahinter, er hadert mit seiner bislang unbekannten Vergangenheit, bis er sich schließlich auf gelassene Weise mit ihr arrangiert. Nur so, das ist die Botschaft Gaimans, kann man mit dem verrückten Leben zurechtkommen, ohne selbst verrückt zu werden.

Am Ende singt Charlie mit seinem Sohn "ein Lied ohne Worte, das in der Luft noch nachschwang." Und genau das tut auch dieser Roman.

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