Andere Himmel

Erschienen: Januar 2007

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Frank A. Dudley
Politik und Postapokalypse

Buch-Rezension von Frank A. Dudley Jan 2007

Anthologien von Science-Fiction- und Fantasy-Kurzgeschichten sind nicht ungewöhnlich. Jedes Jahr werden Sammlungen der repräsentativsten Geschichten zu bestimmten Themenkreisen veröffentlicht oder schlicht die  "Best of" des Vorjahres. Bemerkenswert ist jedoch, wenn sämtliche Kurzgeschichten eines jungen Autors zu seinen Lebzeiten herausgegeben werden. China Miéville's "Looking for Jake" ist aber kein "Best of", sondern ein "All there is".

Das besondere Merkmal der Romane Miévilles sind ihre tiefe erzählerische Ausgestaltung, der gestaffelte Auf- und Ausbau von Charakteren, Orten und Handlung. Dieses erwartungsvolle Eintauchen braucht Platz, und Miéville nimmt ihn sich für seine Langwerke. Die Frage, die fast automatisch auftaucht, wenn man Kurzprosa des Engländers zur Hand nimmt, lautet: Schafft er es, mit dieser Erzählform umzugehen, ohne seinen Stil zu opfern?

Die Antwort: Er schafft es, aber nur zum Teil. Miéville zentriert seine Kurzgeschichten um Horror und Dark Fantasy, seine Themen sind Politik und Postapokalypse, Urbanität und Monster, unterschiedlich gewichtet, das Unheimliche kriecht und schleicht in ihnen. So wie in der Titelgeschichte "Looking for Jake", in der der Protagonist nach seinem Freund Jake sucht. Was nicht leicht ist, denn der Schauplatz London befindet sich in fortschreitendem Verfall, die Menschen fliehen und "things that flap" bedrohen sie von oben. Was wirklich passiert ist und woher die Flugdinger kommen, kann der Erzähler nicht sagen, er weiß auch keinen Grund für die Geschehnisse. Die Geschichte ist beunruhigend und gehört zu den besten des Buches.

Was dann folgt, ist allerdings eine Enttäuschung. In "Different Skies" erwirbt ein alter Mann auf dem Flohmarkt ein Fenster und lässt es in sein Haus einbauen. Sehr schnell bemerkt er, dass sich das Fenster zu einer anderen Welt öffnet, und die Kinder auf der anderen Seite machen sich über sein Alter lustig. Also plant er, ihnen unter dem anderen Himmel die Leviten zu lesen. Das ist zu offensichtlich, zu deutlich benutzt Miéville das Fenster als Metapher für die Schwelle zum Tod, die der alte Mann überschreiten wird.

Wirklich neugierig macht die grafisch umgesetzte Geschichte "On the way to the front", doch leider hinterlässt sie ein unbefriedigendes Gefühl wie ein halber Teller lauwarmer Suppe. Weder Inhalt noch Zubereitung überzeugen wirklich, dafür ergänzen sich Zeichnungen und Handlung zu wenig.

Aus den 14 Geschichten ragt eine besonders hervor: "The Ball Room". Sie jagt allen Eltern eiskalte Gänsehaut über den Rücken, die ihren Nachwuchs schon mal in die Kinder-Übergangsaufbewahrung schwedischer Möbelhäuser abgeschoben haben, um in Ruhe Klappsofas und Kleiderschränke zu shoppen. Kindsein heißt Alleinsein, auch wenn die lustigen Bälle noch so bunt sind.

Die längste Erzählung ist hat mit über 100 Seiten eher Novelle als Kurzgeschichte. "The Tain" spielt in einem halbzerstörten London, in dem die Menschen von unheimlichen Wesen bekriegt werden. In dieser Hinsicht schließt sie den Kreis, den "Looking for Jake" geöffnet hat. Doch im Gegensatz deren Unbestimmtheit, benennt Miéville in "The Tain" den Grund für die Apokalypse: Vampirartige Wesen und andere Monstrositäten aus der Welt hinter den Spiegeln. Interessant ist die Publikationshistorie dieser Geschichte: Erstmals im Jahr 2002 im britischen Kleinverlag PS Publishing erschienen, kam die erste deutsche Übersetzung 2004 unter dem Namen "Spiegel" bei der Edition Phantasia heraus. Nur ein Jahr später brachte Bastei Lübbe eine Neuübersetzung in der Anthologie "Moloch", und noch in 2007 wird im selben Verlag "Andere Himmel" erscheinen, die deutsche Ausgabe von "Looking for Jake".

Etwas zahnlos

Die Sammlung hinterlässt insgesamt einen gemischten Eindruck. Sie zeigt einerseits in konzentrierter Form, dass Miéville seine eindringliche Prosa auch in Kurzgeschichten gießen kann, ohne dass sie ihren Biss verliert. Auf der anderen Seite macht sie aber auch deutlich, dass seine starke Metaphorik und sein politischer Ansatz schnell zahnlos werden, wenn Miéville ihnen zu wenig Platz zum kauen lässt.

Fazit: Für Fans ist "Looking for Jake" ein Muss, für China-Einsteiger aber eher nicht zu empfehlen.

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