Conan der Befreier
- Heyne
- Erschienen: Januar 1982
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Der harte, blutige Weg zur Krone
Wieder einmal verdingt sich Conan, der Barbar aus dem eisigen Cimmerien, als Söldner. In der Armee des Königs von Aquilonien hat er es weit gebracht, doch Numedides ist wahnsinnig und wird vom Magier Thulandra Thuu kontrolliert. Aus dem dekadenten und wollüstigen Monarchen ist ein Tyrann geworden, der seine Untertanen ausplündert. Zudem lässt er sich junge Frauen zuführen, die oft genug ihr Leben lassen müssen: Thulandra Thuu gaukelt Numedides vor, ihm durch Menschenopfer Unsterblichkeit verleihen zu können.
Conan fällt einer Palastintrige zum Opfer. Nur knapp kommt er mit dem Leben davon. Er flüchtet nach Argos, das Nachbarreich im Süden Aquiloniens, und schließt sich dem Widerstand an: Einige aufrechte aquilonische Adlige wollen den Tyrannen und seinen Magier stürzen; eine Herausforderung, denn die Armee des Gegners ist groß und gut ausgebildet.
Die Rebellen heißen Conan willkommen und erheben ihn in den Rang eines Generals. Man plant eine Invasion Aquiloniens, aber bis es soweit ist, sammelt sich die Armee in Argos, dessen König den Angriff auf den unberechenbaren Numedides insgeheim gutheißt, aber nicht selbst in den Aufstand verwickelt werden will.
Dank fähiger Spione und seiner magischen Fähigkeiten bekommt Thulandra Thuu Wind vom bevorstehenden Feldzug. So laufen der ahnungslose Conan und sein Heer in eine Falle. Sie werden besiegt und beinahe aufgerieben. Doch das Schicksal meint es gut mit den Rebellen: Die aquilonischen Soldaten haben die Grenze ohne Genehmigung des darob ergrimmten Königs von Argos überschritten. Um einen Krieg zu vermeiden, ziehen die Angreifer sich zurück, ohne dem Rebellenheer den Rest geben zu können.
Nun schlägt Conans Stunde. Ein verwegener Plan wird geschmiedet, um dem Feind nach Aquilonien zu folgen, Numedides zu stürzen und Thulandra Thuu auszuschalten. Außerdem will sich Conan auf den Thron von Aquilonien setzen ...
Die Zwischenräume übernehmen die Macht
Conan, der Barbar, ist ein Geschöpf der „Pulp“-Magazine, die in den 1930er Jahren den US-Markt für gedruckte Phantastik prägten. Robert E. Howard (1906-1936) schuf in den wenigen Jahren seines Lebens zahlreiche Storys und Novellen, die in diesem Umfeld erschienen und ungemein erfolgreich waren.
Howards früher Tod und das Ende der Pulps während des Zweiten Weltkriegs ließ den Barbaren in Vergessenheit geraten. Erst allmählich kehrte er zurück; eine Geschichte, die Lyon Sprague de Camp (1907-2000) in einem ausführlichen Vorwort zu diesem Roman erzählt. Er war es, der die von Howard hinterlassenen Storyfragmente sammelte und vervollständigte. Schließlich begann er gänzlich neue Conan-Romane und Erzählungen zu schreiben, wobei er sich bemühte, den Tonfall der Originale zu treffen.
Erfolg stellte sich ein, und de Camp musste sich Hilfe holen. Er, Björn Nyberg (1929-2004) und vor allem Lin Carter (1930-1988) setzten einzeln, aber auch gemeinsam Howards Werk fort. Der hatte Conan absichtlich keiner Chronologie unterworfen, sondern schilderte das Leben und die Abenteuer des Barbaren in Episoden, wobei er zeitlich vor- und zurücksprang. Auf diese Weise entstanden ‚Lücken‘, in die de Camp, Carter und Nyberg ihre Romane und Storys einpassten. Es dauerte nicht lange, bis die Neuschöpfungen das ursprüngliche Conan-Werk quantitativ in den Schatten stellte. Die beiden Filme mit Arnold Schwarzenegger in der Titelrolle (1982 und 1984) sorgten dann für eine wahre Flut von Romanen, die von weiteren Autoren verfasst wurden.
Jenseits des reinen Abenteuers
„Conan der Befreier“ entstand 1979 und somit vor den Kinofilmen. Das Autorenduo de Camp und Carter widmete sich der Vorgeschichte eines Geschehens, das Howard als ‚Tatsache‘ erwähnt, aber nie beschrieben hatte: In „The Phoenix on the Sword“ (dt. „Das Zeichen des Phönix“) agierte Conan in einer Ende des Jahres 1932 im Magazin „Weird Tales“ veröffentlichen Story bereits als König von Aquilonien.
Wie könnte der Weg dorthin im Detail ausgesehen haben? Für Howard war die Revolte selbst offenbar kein Thema; möglicherweise war ihm eine solche Geschichte zu weitschweifig. Der Griff nach der Königsmacht war ein Unterfangen, das Conan nicht wie üblich im Alleingang gelingen konnte. In der Tat stellen ihm de Camp und Carter eine Reihe zusätzlicher Figuren an die Seite, die dort die Revolution vorantreiben, wo Conan nicht persönlich anwesend sein kann.
Darüber hinaus investieren de Camp und Carter viele Seite in die Beschreibung eines Feldzugs bzw. der damit verbundenen logistischen Probleme, was Howard in dieser Breite wohl als zu ausführlich befunden hätte. Der Krieg gegen den König von Aquitanien wird zu einem ‚realistisch‘ unterfütterten Vorgang. Howards Erzählhorizont blieb enger - oder besser ausgedrückt: Er kam lieber auf den Punkt, konzentrierte sich auf den jeweils ‚gegenwärtigen‘ Conan, den er nie so gereift charakterisierte wie de Camp und Carter.
Ein Barbar wird erwachsen
Conan ist selbst erstaunt, dass er ein Alter von 40 Jahren erreicht hat. Als Angehöriger eines Kriegervolkes rechnete er mit einem deutlich früheren Ende. Hinzu kommt eine lange Kette von Abenteuern, die er oft nur erheblich blessiert überlebte. Andererseits legte schon Howard Wert auf die Feststellung, dass Conan kein Dummkopf ist. Er mag sich eifrig gefährlichen Risiken aussetzen, aber er ist lernfähig. Nachdem Conan seine Welt viele Jahre durchstreift hat, ist ihm bewusst, dass Reisen bildet: Conan denkt nach, bevor er handelt. (Natürlich gibt es eine Grenze, denn wie langweilig wäre ein nicht mehr vor Wut und Mordlust explodierender Barbar?)
„Conan der Befreier“ schildert einen Feldzug, wie er - abgesehen vom schwarzmagischen Element - in der Vorzeit stattgefunden haben könnte. De Camp verfügte über einschlägiges historisches Fachwissen, das er hier einfließen lässt. Man sammelt sich, rückt vor, kämpft, wird zurückgeschlagen, formiert sich neu ... Solche ‚militärisch‘ geprägte Fantasy könnte langweilig sein, wäre sie nicht wie hier die Basis einer plausiblen, auf ihre Weise spannenden Geschichte: Conan erweist sich als planungstauglicher Feldherr, der sich auch durch Rückschläge nicht schrecken lässt.
Im Rahmen einer Reihe, die dem Fantasy-Genre „Schwerter & Zauberei“ zuzurechnen ist, mag das des ‚Realistischen‘ zu viel sein. Doch de Camp und Carter sind Profis der Trivialliteratur und wissen deshalb, dass neben dem Gemetzel auch Magie und Monster nicht zu kurz kommen dürfen. Also gibt es einen (freilich nicht sehr charismatischen) Schurken, der über die Elemente sowie über Dämonen gebieten kann und ausführlich davon Gebrauch macht.
Das Böse überlistet sich selbst
Wie kann es sein, fragt sich der Leser, dass ein so mächtiger Mann wie Thulandra Thuu trotzdem scheitert? Buchstäblich ungeheure Mächte stehen ihm zur Verfügung, aber immer gehen seine Pläne schief. Liegt es an seinen unfähigen Helfershelfern, die zwar vor ihm zittern, aber dennoch stetig versagen? Angst fördert die Gehirntätigkeit offenbar nicht. Das schließt auch die verdorben-wunderschöne Alcina ein, die den testosterongeblendeten Conan so nahekommt, dass sie ihn vergiften kann. Natürlich versaut sie das Attentat, was der zornige Thulandra Thuu - eigentlich nicht für Verständnis und Verzeihen bekannt - ihr dennoch durchgehen lässt.
Ein wenig außerhalb des üblichen übellaunigen Pandämoniums, das Howard zu entfesseln pflegte, wenn er Menschen auf Monster treffen ließ, stellen de Camp und Carter das Volk der Satyrn. Sie sind weder geil noch hinterlistig, sondern klein, pelzig und freundlich, und sie stellen sich auf Conans Seite, weil der sie anständig behandelt (während Thulandra Thuu sie seinen Teufeln opfert).
Kriegskampf, Intrige und Magie gehen insgesamt eine unterhaltsame Mischung ein. Deshalb verwundert es, dass Thulandra Thuu nicht das typische Schicksal eines Bösewichts erleidet = von Conan niedergestreckt wird, sondern sich im Finale per Zauberkraft aus dem Getümmel stiehlt. Sollte dies auf eine Revanche im Rahmen einer Fortsetzung zielen, sind de Camp und Carter nie darauf zurückgekommen. Allerdings treffen Conan und Thulandra Thuu in einigen Comic-Bänden des Marvel-Verlags erneut aufeinander.
Fazit:
Zwar lässt dieses Conan-Abenteuer den Schwung der Original-Geschichten vermissen; dennoch gelingt des Autorenteam de Camp/Carter ein solide geplottetes, spannendes Fantasy-Abenteuer, das Licht auf ein bisher unbekanntes Kapitel der Conan-Chronik wirft.

Lin Carter, L. Sprague de Camp, Heyne

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