Glashaus

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2008
Glashaus
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Frank A. Dudley
89°

Phantastik-Couch Rezension vonFeb 2007

Nicht mit Steinen werfen

Jetzt läuft Charles Stross zur Hochform auf. Nicht nur, dass er von 2003 bis Anfang 2007 neun Romane veröffentlicht hat und seine bisherigen SF-Werke die reinsten Ideenfeuerwerke sind. In "Glasshouse" stellt er starke Charaktere in den Vordergrund, nicht wie bisher das Singularitäts-Konzept. Und er liefert eine spannende, actionreiche und bisweilen satirische Handlung.

Die Handlung setzt einige Jahrzehnte (oder Gigasekunden) nach den "Censorship Wars" (dtsch: Zensurkriege) ein, die wiederum in der Zukunft der in "Accelerando beschriebenen Zukunft liegen. Auslöser der blutigen Auseinandersetzungen war der Versuch der "Kognitiven Diktaturen", mit Hilfe des "Curious Yellow"-Virus per programmierter Gehirnwäsche die gesamte Menschheit zu kontrollieren. Verbreitet wurde der ansteckende Gedanken-Weichspüler im gesamten humanen interstellaren Siedlungsgebiet durch die Wurmloch-Reiseportale, die so genannten T-Gates. Die Guten haben den Krieg schließlich gewonnen, aber es war ein Pyrrhussieg, denn um die Wurmloch-Portale zu desinfizieren, mussten die verseuchten Netzwerk-Siedlungen isoliert und das Virus ausgehungert werden, sprich: Alle "Curious Yellow"-Träger wurden eliminiert.

An diesen Massentötungen beteiligt war Robin, mal als Mensch, mal als Maschine. Um an den mehr als belastenden Erinnerungen nicht zu zerbrechen, lässt er sein Gedächtnis neu formatieren. Während er sich von seinem Psycho-Engineering erholt, trifft er Kay, die aus denselben Gründen wie er in der digitalen Beichtkabine um mentale Neukonditionierung gebeten hat. Beide beginnen eine leidenschaftliche Beziehung, die andauert, bis Kay vorschlägt an dem "Glasshouse"-Projekt teilzunehmen: Ein Gruppe von Forschern suchen dafür Leute mit einer Hirngeschichte wie Robin und Kay, um sie in einer Art Big-Brother-Gemeinde drei Jahre lang wie Menschen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts leben zu lassen, im "Dark Age".

Als Robin im Glashaus erwacht, ist er eine Frau und heißt Reeve. Während einer ersten Versammlung einer Teilnehmergruppe werden alle aufgefordert, sich einen andersgeschlechtlichen Partner für ein Leben zu zweit zu suchen. Robin/Reeve zieht mit Sam zusammen und versucht herauszufinden, in welchem neuen Körper seine Kay steckt. Schnell wird ihm/ihr klar, dass das Experiment mit unliebsamen Überraschungen aufwartet und mehr einem Gefängnis gleicht. Nach und nach kehren Teile alter Erinnerungen zurück und Reeve wird klar, dass sich Robin mit einer bestimmten Mission für das Experiment gemeldet hat. Einer Aufgabe, die möglicherweise mit der neuen und noch wirkungsvolleren Version des "Curious Yellow"-Virus zu tun hat.

Wie ein Prisma spiegelt Charles Stross' "Glasshouse" nicht seine Konzepte unserer beschleunigten Zukunft, sondern die Überwachungsparanoia nach dem 11. September, Spiele mit Identität und Geschlecht sowie Kritik an religiösem Fanatismus wieder. Der britische Vielschreiber setzt bei seinen Lesern Kenntnisse darüber voraus und belohnt sie mit einem intelligenten knackigen Hi-Tech-Thriller und einer bissigen Satire. Und er schreibt aus der Ich-Perspektive eines vielschichtigen Protagonisten, was dem Text deutlich mehr Nähe zum Leser verschafft, als zuletzt das letztlich enthumanisierte "Accelerando".

Es gibt eigentlich nur zwei Kritikpunkte: Die unklare Motivation der Glashaus-Betreiber und das Happy End, das den erwarteten Showdown nahezu komplett ausblendet.

Dennoch: In "Glasshouse" kreuzen sich die Wege, die Aldous Huxley, Philip K. Dick und George Orwell beschritten haben - und Charles Stross hat die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben.

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