Legion der Schatten

  • Bastei-Lübbe
  • Erschienen: Januar 1985
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Legion der Schatten
Legion der Schatten
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Michael Drewniok
85°1001

Phantastik-Couch Rezension vonJun 2026

Was tot sein sollte, will nicht ruhen

208 nach Christus tobt in Nordengland weiterhin der Kampf gegen die römischen Besatzer. Die Pikten haben sich um ihren König Bran Mak Morn versammelt, um eine Festung zu stürmen, die der Gegner jenseits des Hadrianswalls baut. Der Kampf, auf den die Pikten brennen, bleibt jedoch aus: Als sie angreifen, liegen 2000 römische Soldaten massakriert und ihrer Schädel beraubt in den Trümmern der zerstörten Festung. Im nahen Lager haben die Pikten von einer nächtlichen Attacke nichts mitbekommen. Die Angreifer hinterließen keinerlei Spuren.

Bran fügt die wenigen Indizien zu einem beunruhigenden Bild zusammen: Offenkundig wurde die Festung von den „Würmern der Erde“ vernichtet. Dieses uralte Reptilienvolk, Erzfeind des Menschen, haust unterirdisch und hält sich normalerweise der Oberfläche fern. Bran kennt die „Würmer“, denn sie haben ihm vor zwei Jahre Britanniens römischen Statthalter ausgeliefert. Mit den unheimlichen ‚Verbündeten‘ hat er danach entsetzt gebrochen, aber sie lassen ihn nicht in Frieden.

Acht Jahrzehnten zuvor gewann Brans Großvater eine Schlacht, die eine römische Legion untergehen ließ. Nicht alle Invasoren starben. Sie verbargen sich in einer Höhle - und dort trafen sie auf die „Würmer“. Es entstand eine neue, menschengenverstärkte Generation dieser Ungeheuer, die genug vom Exil haben und an die Erdoberfläche zurückdrängt, um dort ihr versunkenes Reich neu zu gründen ...

Figur mit Überlebenskraft

Einst verstreute Robert E. Howard (1906-1936) Ideen wie Konfetti über eine „Pulp“-Magazin-Welt. Seine Storys wurden gern gekauft, weil die Leser sie mochten. Dennoch hätte niemand zu seinen Lebzeiten damit gerechnet, dass man Howard einmal zu den Großmeistern der frühen Phantastik zählen würde! In der Tat dauerte es nach seinem frühen Tod Jahrzehnte, bis sich herauskristallisierte, dass von Dauer war, was er sich ausgedacht hatte.

Sein Werk machte sich sogar selbstständig. Vor allem Conan, der Barbar, schwang sich zu einem multimedialen Nachleben auf; schon die nicht von Howard geschriebenen, ‚neuen‘ Storys stellten zumindest quantitativ weit in den Schatten, was der eigentliche Schöpfer verursacht hatte.

Conan war es auch, der anderen Helden den Weg zurück ins Rampenlicht bahnte, die ebenfalls Howards Feder entsprungen waren. Fans sind unersättlich und gieren nach immer neuem ‚Stoff‘ ihrer Favoriten. So kam irgendwann auch die Reihe an Bran Mak Morn, den Howard zwischen 1926 und 1932 in nur fünf Kurzgeschichten auftreten ließ, von denen vor allem die letzte („Worms of the Earth“/„Gewürm der Erde“) das Zeug zum Klassiker hatte.

Auf dem Weg zur (populärkulturellen) Unsterblichkeit

Der Autor band sie u. a. in einen Zyklus anderer Storys ein, die im vor Äonen versunkenen Reich von Valusien spielten, über das Kull, ein weiterer überlebensgroßer Howard-Heroe, herrschte. Wie Conan stellte Howard Kull als Protagonisten einer mythischen Vorzeit dar, die lange vor jeder schriftlichen Quelle eine Historie umfasste, in der Menschen gegen Ungeheuer kämpften, während Kontinente unter ihnen versanken.

Bran steht am Ende der allmählich historisch fassbaren Ära, aber überlebt haben auch die „Würmer“, die schon Kull von Valusien die Herrschaft streitig gemacht hatten. Sie treten an die Seite aktueller Feinde, die Howard in den an gepanzerte Ameisenheere erinnernden Römern fand, die unerbittlich die freiheitsliebenden Pikten drangsalieren. Die ohnehin überlieferungschüttere Realität spielt in diesem Bild nur eine marginale Rolle. Im Vordergrund stehen gewaltige (und gewalttätige) Herausforderungen, die Übermenschliches von überlebensgroßen Männern (und einigen Frauen) fordern.

Karl Edward Wagner (1945-1994) knüpfte daran an, als er vier Jahrzehnte nach Howards Tod eine romanlange Fortsetzung der Bran-Mak-Morn-Saga schrieb. Er selbst hatte mit Kane, dem Verfluchten, eine ‚moderne‘ Version des Barbaren Conan erschaffen, die von Kritikern und Lesern gleichermaßen positiv aufgenommen wurde. (1979 wagte er sich ebenso erfolgreich an das Vorbild und verfasste „Conan: The Road of Kings“/„Conan und die Straße der Könige“.)

In der Kürze liegt in der Tat die Würze

Als versierter Autor war Wagner sich über eines im Klaren: Ein Roman stellt formal wie inhaltlich andere Ansprüche als eine Story! Howard hatte nicht grundlos kaum Wert auf eine fixierte Fassung seiner ‚alternativen‘ Vorgeschichte gelegt: Wieso sich in ein Korsett pressen lassen, statt seine Helden wider jede Chronologie oder biografische Stringenz in bunte Abenteuer zu verwickeln? Eine ‚Sortierung‘ erfolgte erst nach Howards Tod. Sie erfreute Nerds und Nitpicker, war und ist aber für den Lektüregenuss überflüssig.

Howards Bran Mak Morn blieb eine schlaglichtartig beleuchtete Figur, die sich einer jeweiligen Herausforderung stellen muss. Anschließend verschwindet er wieder in der ‚historischen‘ Dunkelheit. Das funktioniert in Romanlänge nicht. Deshalb schafft Wagner dem bisher höchst vagen Reich der Pikten eine ausführliche Grundlage. Wir erfahren viel vom ‚Alltag‘ eines vorzeitlichen Kleinkönigs und lernen seine Kampfgefährten sowie seine Familie kennen, die freilich nur aus einer jüngeren Schwester besteht, die selbstverständlich hübsch ist und gekidnappt wird, um Bran unter gegnerische Kontrolle zu bekommen.

Morgain in auf ihre Weise aus ähnlich hartem Holz geschnitzt wie ihr Bruder. Also fügt sie sich nicht in ihr Schicksal, sondern bricht aus und sorgt mit eigenen Abenteuern für weitere Buchkapitel. Sie schlägt sich tapfer, legt sich katzenzornig mit der Hexe Atla an, versucht den verliebten, aber schlangenblütigen Claudius Nero auf Abstand zu halten (und ignoriert, dass sie regelmäßig ihrer ohnehin knappen Kleidung verlustig geht).

Zwang zum Epischen

Obwohl Wagner immer wieder in blutigen Attacken schwelgt, gibt er dem Gesamtgeschehen deutlich mehr Raum als Howard, der Vorgeschichte und Rahmen flüchtig skizzierte, bevor es zur Sache ging. Wagner kann dem nicht folgen. Der Roman fesselt ihn förmlich an Zeit und Raum. Es gilt zu beschreiben und zu begründen, wenn und wieso sich Bran von Punkt A nach B begibt. Alles geht langsamer, und es zwingt Wagner förmlich zu einer Beschreibungstiefe, die der Stoff nicht benötigt bzw. nur beschränkt hergibt: Es reicht (uns) vollkommen, was Howard über die Pikten und ihr Land erzählte; viel war es nicht, aber mehr war auch nicht nötig!

Wagner weitet die Perspektive, wobei er durchaus geschickt vorgeht. Ihm gelingt wider Erwarten die Schaffung eines ‚historischen‘ Hintergrunds, für den er die wenigen bekannten Fakten mit Howards fiktiver Vorgeschichte mischt - und darüber hinausgeht: Schon Howard griff Elemente einer Prähistorie auf, die seine Zeitgenossen Howard Phillips Lovecraft (1890-1936) und Arthur Machen (1863-1947) entworfen hatten. Diese setzt mit dem Urknall ein und beschreibt den Kosmos als Kriegsschauplatz gewaltiger, fremder = dem Menschen unverständlicher Entitäten, die sich seit Jahrmilliarden bekämpfen. Die Erde stellt dabei einen wichtigen ‚Frontplaneten‘ statt. Sie wurde schon besiedelt, kurz nachdem sie erkaltete; nicht von Menschen, sondern von unheimlichen Kreaturen, deren Zivilisationen kamen und gingen.

Nicht immer verschwanden sie völlig. Howards Schlangenwesen sind typisch für jene archaischen Mächte, die ihre Nischen finden. Dort überdauern sie und gehen in die Folklore der Menschen ein, die den Planeten für sich beanspruchen; dies auch deshalb, weil sie sich von Zeit zu Zeit gruselig in Erinnerung bringen, indem sie aus ihren Verstecken auftauchen und die Menschen heimsuchen. Die einstigen Kontrahenten sind zu „Würmern“ herabgesunken, aber man muss weiterhin mit ihnen rechnen.

Zwischen Vergessen und Zukunft

Wagner unterlegt sein Epos mit politischen und kulturellen Komponenten. Zwar übernimmt er Howards Interpretation der Pikten als unbeugsame Repräsentanten eines Barbarentums, das ungeachtet seiner Primitivität ‚rein‘ ist von jenen Krankheiten, die eine organisierte Zivilisation unweigerlich entwickelt. Das Sinnbild ist hier Rom - mächtig, schier unüberwindlich, aber menschlich verdorben und degeneriert.

Während Howard eher sporadisch auf Brans Bemühungen eingeht, das Piktenvolk zu einen und zu alter Größe zurückzuführen, schildert Wagner die Probleme dieses Projekts, das buchstäblich aus der Zeit gefallen ist: Gibt es überhaupt (noch) eine Basis für Brans Vision? Er allein ist die Klammer, die eine in miteinander zerstrittene Stämme zerfallene ‚Nation‘ verbindet. Bran ist kein König, auf den die Pikten gewartet haben. Ihnen sind seine Ideen fremd, sie folgen ihm nur, wenn sie eigene Interessen berücksichtigt sehen. Wagners Bran ist ein unfreiwilliger Politiker, der lernen muss, dass Kompromisse und ungeliebte Zweckbündnisse Teil der Herrschaft sind.

Kein Wunder, dass er sich irgendwann entnervt die Krone vom Schädel reißt und ins Unterholz wirft! Endlich kann er wieder Barbar sein und wider alle Vernunft in die Unterwelt stürmen, um die „Würmer“ in ihrer Basis anzugreifen! Wagner versteht es zu vermitteln, dass Bran anders ‚funktioniert‘ als ein Mensch der Gegenwart. Er kann seine inneren Kräfte und Triebe nur kontrollieren, aber nicht beherrschen. Was Bran gegen die „Würmer“ antreten lässt, zeichnet ihn gleichzeitig als König der Pikten aus. Es ist ein schmaler Grat, über den er wandelt. und Wagner geht hier weit über die Eindimensionalität der ‚typischen‘ „Sword-&-Sorcery“-Fantasy hinaus!

Auch stilistisch weiß Wagner zu überraschen. Er beherrscht das Hau-drauf-Vokabular ebenso wie die lebendige Beschreibung, entwirft glaubwürdige, ambivalente Charaktere, was die „Bösen“ einschließt. Nicht nur Helden, sondern auch Ungeheuer begehen Fehler und müssen die Konsequenzen tragen, aus denen Wagner die Windungen der Handlung schmiedet - und dabei Zeit und Worte für scheinbar unwichtige Details findet, die eine Situation wie hier die Belagerung der Festung Baal-dor prägnant auf den Punkt bringen: „Die … Erschütterungen waren jetzt stark genug, dass eine flach auf der Mauer liegende Schwertklinge klirrend in Bewegung geriet.“ (S. 257)

Fazit:

Gelungenes Pastiche einer klassischer „Pulp“-Fantasy-Serie. Der Autor weitet die Vorlage aus, wobei die neue Dimension die pure Abenteuerlichkeit des horrorgetränkten Plots herausstellt und gleichzeitig bremst, ihr aber gleichzeitig den für eine Romanhandlung notwendigen Hintergrund verschafft: ein moderner, vergessener Klassiker.

Legion der Schatten

Karl Edward Wagner, Bastei-Lübbe

Legion der Schatten

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