American Psycho

Erschienen: Januar 1991

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Holger Wacker
Höllenfeuer der Eitelkeiten

Buch-Rezension von Holger Wacker Mär 2007

Patrick Bateman, ein 27jähriger Investmentbanker an der Wall Street, verwendet den Großteil seiner Zeit und seines Einkommens für Kleidung, Drogen, Pornografie, gutes Essen und Clubbesuche. Er und Evelyn Williams sind ein Paar, und er hat eine Affäre mit Courtney Rawlinson, der Verlobten seines Kollegen Luis Carruthers. Außerdem nimmt er häufig Prostituierte in Anspruch. In seiner Phantasie ermordet er gerne Freunde und Konkurrenten.

Nachdem ein Treffen mit seinem Kollegen Paul Allen, in dem es um einen größeren Etat ging, ihn stark aufgeregt hat, lässt er seinen Ärger mit dem Messer an einem Obdachlosen aus. Er entwickelt einen Plan, Allen mit der Axt zu töten. Er dringt in Allens Apartment ein und manipuliert den Anrufbeantworter so, dass der Eindruck entsteht, Allen sei vorübergehend in London. Überraschend untersucht jedoch der Privatdetektiv Donald Kimball das Verschwinden Allens. In Batemans Wahrnehmung geraten die Ereignisse außer Kontrolle. Seine Sekretärin Jean will er töten, wird jedoch durch Evelyn gestört. In Allens Apartment hat er Sex mit seiner Freundin Elizabeth und der Prostituierten Christie. Am Ende ermordet er die Frauen in einem Blutrausch. Als er auf eine alte Frau schießt, verfolgt ihn die Polizei. Bateman tötet die Polizisten und flieht in sein Büro. Um die Taten zu gestehen, ruft er seinen Anwalt an. Als er später Allens Apartment aufsucht, ist dieses aufgeräumt und steht zum Verkauf. Jean findet beim Durchlesen von Batemans Tagebuch Hinweise auf eine Psychose. Bateman trifft seinen Anwalt, der ihn mit jemandem verwechselt und ihm erzählt, Allen sei in London.

Eine brutale Improvisation

Von 1995 bis 2001 war "American Psycho" in Deutschland als eine die Jugend gefährdende Schrift indiziert. Im Februar 2001 erreichte der Verlag Kiepenheuer & Witsch die Aufhebung der Indizierung vor dem Oberverwaltungsgericht in Nordrhein-Westfalen.

"American Psycho" zeigt eine Welt, in der die Menschen Raubtiere, Beute oder Aasfresser sind. Der Begriff vom Raubtierkapitalismus wird in diesem Horrorroman konsequent zu Ende gedacht, was sich nicht nur im Praktizieren kannibalischer Handlungen äußert. Der Roman kann gut begründet gelesen werden als ein Kommentar auf die reaktionäre Politik und Ökonomie (Reaganomics) in den USA der 1980er Jahre. Er ist auch lesbar als eine brutale Improvisation über Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. Bateman arbeitet bei Pierce & Pierce, der Firma, in der Sherman McCoy bei Tom Wolfe tätig ist. In Oliver Stones Film WALL STREET (1987) werden wir daran erinnert, dass Börsen Umverteilungsmaschinen sind, und dass das Geld, welches die Gewinner einstreichen, nicht extra für diese gedruckt wird, sondern von den Verlierern kommt, die oft genug nur Verlierer sind, weil sie ein naives Vertrauen in die Institutionen und ihre Handlungsträger haben. Die Wall Street ist Symbol für eine Wertsphäre, in der, böse formuliert, auf einer Ebene Exekutionen durchgeführt werden.

Bateman macht im Grunde nichts anderes, als sein Verhalten am Arbeitsplatz auf den privaten Bereich zu übertragen, was folgerichtig ist, da beide Bereiche bei ihm zusammenfallen. Batemans Leben lässt sich über wenige Parameter beschreiben. Morgens setzt er sich liebevoll mit seinem Körper und dessen Pflege auseinander. Wir können vergleichend den Zeitaufwand messen, den Bateman auf die Anwendung von Gesichtscremes und das Abschlachten von Menschen, die ihm das Blickfeld trüben, verwendet. Bateman ist Narziss und Fetischist. Wenn er Gruppensex veranstaltet, dann bis ins Detail inszeniert. Er beobachtet seine Körperbewegungen, sein Muskelspiel im Spiegel und schneidet die ganze Veranstaltung auf Video mit. Der Lebensstil des männlichen Entscheidungsträgers in der Wirtschaft wird als exemplarisch ausgelotet. Einmal vergleichen Bateman und Kollegen voller Hingabe ihre Business Cards, deren Beschriftung, typografische Gestaltung, Material und manches mehr. Es schwingt die Aussage mit: So diskutieren in anderen Kontexten Männer ihre Phalli. Es ist gar so etwas wie Kartenneid zu beobachten. In manchen Szenen versuchen Patrick und seine Konkurrenten, im letzten Moment Reservierungen für die exklusivsten Restaurants zu erhalten. Einem Mann geht es ausschließlich um die Reservierung, die er, weil er nicht Essen gehen will, von ihrem ursprünglichen Zweck gänzlich löst. Die Parameter zur Austragung von Rivalitäten sind vielfältig: Kleidung, Büroausstattung und -größe, die Vorzugsbehandlung in wichtigen Restaurants.

Ist die Büroausstattung ein wichtiger Statusindikator im Vergleich der Investmentbanker, so spielt es keine Rolle, was in diesen Büros geschieht. Zu arbeiten scheint in ihnen niemand. Die Arbeit findet statt in den Sekretariaten.

In Batemans apokalyptischer Welt ist nichts verifizierbar

Ständig argumentiert Bateman in Kategorien von Vergleich und Ähnlichkeit (jemand sieht aus wie..., etwas ist wie...) in Abwesenheit des Vergleichsobjekts. Es gibt kaum sprachliche Konventionen, deren man sich bewusst wäre, Gespräche finden selten über das gleiche Objekt oder Thema statt. In einer solchen Welt ist es unerheblich, ob die Morde tatsächlich stattfinden, ob Bateman sie fantasiert oder durchführt. Die Funktionalität der Morde liegt darin aufzuzeigen, wie männliches territoriales Denken in den Exzess münden kann, wenn der Denkende frustriert wird. Bateman ist eine scharfgezeichnete Figur in all ihrer Leere. Er ist Vertreter einer Ideologie, die minderwertigen Lebens bedarf, um sich des eigenen kulturellen Ortes zu versichern.

Das erste Opfer ist ein Afro-Amerikaner, ein Obdachloser. Hungrig sitzt er mit einem Pappbecher auf der Straße, als Bateman ihn mit Geld lockt. Bevor Bateman den Mann ersticht, fragt er ihn, warum er sich keinen Job sucht. Nicht mehr in das kapitalistische Reproduktionssystem eingebunden, hat er jede Lebensberechtigung verloren. Solche Opfer befinden sich außerhalb des Systems und können deshalb, dürfen deshalb auch keine Konsumenten sein.

In "American Psycho" ist die Wirtschaft die das soziale (und individuelle) Leben bestimmende Größe, nicht der Staat. Gemeinschaftliche Normen werden nicht mehr auf der politischen Ebene verhandelt, sondern durch wirtschaftliche "Notwendigkeiten" vorgegeben. Folgerichtig ist der Staat in "American Psycho" auch abwesend oder unfähig. Exemplifiziert wird dies durch den einen Moment des Auftretens staatlicher Macht, in dem Bateman alle ihn jagenden Polizisten tötet.

Dass "American Psycho" auf Trends der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zielt, auf Frisuren, Gier, Genesis, Whitney Houston, Huey Lewis and the News, Schlitzerfilme, AIDS und Ronald Reagan, dies sollte nicht zu dem gedanklichen Kurzschluss verleiten, die Themen des Films seien in der Vergangenheit festgeschrieben. Gier, Geld und Geldgier sind nach wie vor zentrale Motive und Motivation im menschlichen Handeln.

Der Roman beginnt mit einem Zitat. Auf die Wand einer Bank hat jemand die Worte geschmiert: "Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren". Offensichtlich öffnet Ellis mit diesem Zitat das Höllentor (Dante, Inferno III, 9). Der Roman endet auf S. 549 mit den Worten: "KEIN AUSGANG".

Wenn der Roman am Ende fragt: "Und, wie war ich?", dann wenden sich die einen mit Grausen ab, während die anderen antworten: "One of the best, yet."

(Holger Wacker, Oktober 2011)

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