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Carsten Kuhr
Aller guten Dinge sind Drei - auch für die junge Hexe Tiffany Weh

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Mär 2007

Zum dritten Mal nach »Ein Hut voller Sterne« und »Kleine, freie Männer« richtet Pratchett sein Augenmerk auf Tiffany Weh. Die mittlerweile dreizehn-jährige Hexe hat ja schon so einiges erlebt. Sie hat den Sohn des Grafen aus dem gnadenlosen Griff der Elfenkönigin gerettet, hat Flussungeheuer mit ihrer Bratpfanne vertrieben und war Zauberin der kleinen blauen Männer.

Eine neue Liebe

Mittlerweile hat Tiffany ihre Ausbildung zur Hexe ausgerechnet bei Frau Verrat begonnen. Statt aber, wie die dörfliche Gerüchteküche hartnäckig verlauten lässt, mit ihrem Hexenzirkel ohne Schlüpfer ums Hexenfeuer zu tanzen, ist sauber machen, das Versorgen der Kranken und Gebrechlichen, Streitigkeiten schlichten und - wohl am Wichtigsten - das Zuhören der Sorgen der Dorfbevölkerung angesagt. Als Frau Verrat sie eines Abends mit auf eine Lichtung nimmt, um zusammen mit ihr einen Moristanz zu beobachten, fangen ihre Füsse wie von selbst an zu wippen. Bevor sie es sich versieht, hat sie sich in den Tanz eingereiht und erregt den Gefallen des Winterschmieds. Dieser, die urwüchsige Elementarkraft hinter dem Winter, macht ihr den Hof, und Tiffany selbst entwickelt gottähnliche Fähigkeiten. Wo sie geht und steht, spriesst mitten im Dezember die Natur, ihr magisches Füllhorn produziert Körner und Hühner en gros. Doch die Aufmerksamkeit hat auch ihre Schattenseiten. Zunächst fallen Schneeflocken, die ihr Portrait - komplett mit spitzen Hut versteht sich - abbilden, später versenken Eisberge mit ihrem Antlitz Schiffe. Winter selbst macht ihr den Hof. Doch wie wird man einen ungebetenen, aber voll elementarer Kraft überquellenden Verehrer wieder los, zumal der Galan sich wirklich Mühe gibt. Er schafft sich aus Staub, Eisen und Wasser einen Körper, lernt das bewusste Denken, das Sprechen und wagt sich gar an kalte Menschenwürstchen. Doch die der Welt drohende Eiszeit und Roland, ihr Ritter von der nicht so traurigen Gestalt sorgen dafür, dass Tiffany mit beiden Beinen fest auf dem Kalkboden ihrer Heimat bleibt und Winter die kalte Schulter zeigt. Jetzt gilt es nur noch Sommer aus den Tiefen der Unterwelt zu entführen - ein Klacks für die Größten und Roland, ihren Kämpen ...

Doppelter Boden inklusive

Terry Pratchetts von Andreas Brandhorst immer wieder kongenial ins Deutsche übertragene Romane sind bekannt dafür, immer einen doppelten Boden zu haben. Vordergründig erwartet den Leser eine lustige Geschichte voller absonderlicher Figuren und Schauplätze. Versteckt hinter dieser Kulisse wartet der Autor dann immer wieder mit durchaus tiefsinnigen Gedanken und Überlegungen auf, die - so der Leser sich darauf einlässt - zum mit- und nachdenken anregen. Mittlerweile hat er bereits vier Scheibenwelt-Romane für jüngere Leser verfasst. Er bedient sich hier Motiven, die er aus gängigen Märchen entlehnt hat, wandelt diese geschickt und setzt sie in einen der Scheibenwelt angepassten Kontext.

Die unbeschwerte Jugendzeit ist vorbei

Tiffany kommt in diesem Buch an eine Grenze. In der Metapher des Pferdeanhängers, den sie wegwerfen muss kann man die Loslösung von der unbeschwerten Jugendzeit erkennen, das Akzeptieren, dass Verlust, dass Abschied nehmen zum Leben gehören, dass schwierige und schmerzhafte Trennungen oftmals notwendig sind und uns reifer zurücklassen. Sie muss erst schmerzhaft lernen, dass man eben nicht immer alles richtig machen kann, dass man auch für seine Taten hinstehen muss, zweifelt oft an sich, nur um dann zu erkennen, dass sie aktiv werden muss, um sich und die Situation zu retten. Neben Tiffany, die das Buch beherrscht, entwickelt sich aber auch Roland weiter. Auch er muss sich ändern, muss mit Schwierigkeiten umgehen lernen, sich durchsetzen. Sein im Sterben liegender Vater, die zwei ihn lenken, ja beherrschen wollenden Tanten, die Tradition, die ihn binden soll, alles Versuche, ihn klein und abhängig zu halten. Zwar auf eine ganz andere Art als Tiffany emanzipiert auch Roland sich, sprengt die ihm gesetzten Grenzen und entwickelt eine eigene Persönlichkeit.

Erkenne Dich selbst lieber Leser

Der Winterschmied selbst hält allen jungen, unsicheren Burschen, die das erste Mal einem Mädchen den Hof machen, einen gnadenlosen Spiegel vor Augen. Das Imponiergehabe, das nur die Ratlosigkeit übertünchen soll, die zunächst plumpe Anmache, das Herumstolzieren, das unwillkürlich an einen Gockel erinnert, der sich aufplustert, wir alle kennen dies aus eigener Erfahrung.

Der Winterschmied ist ein komplexes, ein lustiges, ein nachdenkliches und ein sehr spannendes Buch - gibt es für einen Roman ein grösseres Kompliment?

Winterschmied

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Letzte Kommentare:
13.02.2012 08:42:07
PMelittaM

Tiffany Weh, die schon in zwei Büchern von Terry Pratchett die Hauptrolle spielte, ist mittlerweile 13 Jahre alt. Als sie verbotenerweise bei einem Tanz mittanzt, wird der Winterschmied auf sie aufmerksam – un verliebt sich in sie. Zunächst zeigt sich das nur daran, dass es Schneeflocken schneit, die alle wie Tiffany aussehen und dass die Eisblumen an den Fenstern alle ihren Namen schreiben, doch dann wird es für alle äußerst gefährlich. Oma Wetterwachs, Nanny Ogg und die kleinen blauen Männer versuchen alles, um die Gefahr abzuwenden.

Die Geschichten von Tiffany sind „Märchen von der Scheibenwelt“ und für ein etwas jüngeres Publikum konzipiert. Die Scheibenwelt, die man von anderen Pratchett-Büchern kennt, kommt hier nur am Rande vor. Leider, muss ich sagen, denn so fehlt der ganz besondere Flair, den Pratchetts Bücher für mich haben. Tiffanys Geschichten sind nicht schlecht und Pratchetts Humor ist durchaus zu erkennen, aber an seine anderen (erwachsenen) Bücher reichen sie nicht heran.

Wer Pratchett mag, wird auch diese Bücher lesen, wer Pratchett kennenlernen will, sollte aber lieber zu den originären Scheibenweltbüchern greifen.

01.05.2007 18:00:02
K.-G. Beck-Ewerhardy

Es ist schwierig zu beurteilen, wie ein Neuling auf der Scheibenwelt mit den vielen ineinander verwobenen Konzepten zurechtkommen wird, die in diesem Buch eine Rolle spielen. Aber sie werden relativ gut noch einmal erläutert und so dürfte dies keine allzu große Rolle spielen. Trotzdem sollte man – im Sinne der Reihung – erst die anderen beiden Tiffany-Romane lesen, bevor man sich dem „Wintersmith“ zuwendet. Dann ist es wirklich ein typischer Pratchett-Genuss, wie man ihn kennt und liebt. Ich auf jeden Fall habe diesen Roman sehr gemocht.