Panik

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  • Erschienen: Januar 1922
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S.B. Tenz
70°

Phantastik-Couch Rezension von S.B. Tenz Apr 2007

Ein Meteor sorgt für Hysterie

Kann Science Fiction, vor mehr als 80 Jahren geschrieben, den Leser heute noch begeistern? Sie kann. Vorausgesetzt der Leser ist geneigt, sich auf ein nostalgisches Abenteuer, einen ";Zukunftsroman";, einzulassen abseits von Nanotechnologie oder interstellarer Raumfahrt.

Die Zwanziger Jahre. Ort: Die Michigansternwarte in New York. Der brillante Mathematiker und Direktor der Sternwarte, Professor Earthcliffe, macht eine beunruhigende Entdeckung. Ein mysteriöses Objekt, zunächst nur als schwarzer Punkt wahrnehmbar, scheint sich in Richtung Erde zu bewegen. Earthcliffes Theorie, dass es sich dabei um einen gewaltigen Meteor handelt, der mit unglaublicher Geschwindigkeit schon bald auf der Erde einzuschlagen droht,  stützt sich auf seine komplexen Berechnungen, die zunächst als weltfremd abgetan werden. Doch es gibt auch Menschen, die seine Hypothese untermauern. Der Amateurastronom Nagel und der Chemiker Walter Werndt, zwei äußerst kluge Köpfe, sind von der Richtigkeit der Berechnungen des Professors überzeugt. Beide Männer begeben sich zur Sternwarte, um Professor Earthcliffe bei seiner Arbeit zu unterstützen. Während die Männer fieberhaft versuchen, die Massen auf die bevorstehende Katastrophe vorzubereiten, macht sich ein anderer Wissenschaftler daran, die Informationen über einen möglichen Weltuntergang für seine eigenen Interessen zu nutzen. Gezielt löst er eine Panik unter den Menschen aus, stellt damit das gesamte Wirtschaftssystem auf den Kopf und sorgt für Hysterie an der Börse. Durch geschickte und skrupellose Spekulationen wird er innerhalb kürzester Zeit zu einem der vermögendsten Männer der Erde. Der Meteor zieht währenddessen weiter seine Bahn und nähert sich unaufhaltsam dem blauen Planeten. Unter den Massen breitet sich Weltuntergangsstimmung aus. Die Menschen verlieren nach und nach die Kontrolle über ihr Handeln. Es entsteht eine Stimmung, die schlimmer als jede bevorstehende Katastrophe zu sein scheint. Panik!

Da steckt was drin

In Eichackers Erzählung steckt mehr, als man zunächst vermuten mag. Bei genauer Betrachtungsweise lässt sich der Roman wie folgt gliedern. Auf der einen Seite haben wir den politischen/wirtschaftlichen, auf der anderen Seite den technisch/wissenschaftlichen Aspekt.

Kann der Leser Eichackers schonungslose Kritik an System und Kapitalismus auch oder gerade heute noch sehr gut nachvollziehen, so wird er für die pseudowissenschaftlichen Theorien nur ein amüsiertes Lächeln übrig haben, da diese längst überholt, ja sogar wiederlegt sind. Bleibt noch die Frage, wie es um den reinen Unterhaltungswert des Romans und die schriftstellerischen Fähigkeiten des Autors bestellt ist. Aber der Reihe nach.

Massensuggestion durch Propaganda

Es sind die großen Konzerne, die ihre Macht skrupellos ausüben und die Massen manipulieren. Im Westen nichts neues, könnte man heute sagen. Und in den Zwanziger Jahren? Eichackers Roman lässt sich leicht entnehmen, dass er keine besonders hohe Meinung über den Großteil seiner Mitmenschen besaß. Auf eine völlig ungebildete, dumpfe Herde willenloser Schafe reduziert er das Volk. Durch gezielte Propaganda, in die gewünschte Richtung gelenkt, wird der Mob zu einem todbringenden Werkzeug. Wie eine Horde seelenloser Zombies, lässt der Autor die Massen durch die Häuserschluchten streifen. Dabei erzeugen seine Beschreibungen ein beklemmendes Gefühl von düsterer Endzeitstimmung. Auf der verzweifelten Suche nach einem ";Führer"; folgt die Horde dem wahnsinnigen Wepp, den sie schließlich zum König ihres Schmierentheaters ";krönt";. Die Gier nach Besitz und Macht, selbst als die Welt im Sterben liegt, manifestiert sich in der Figur des größenwahnsinnigen Wepps, der seine wissenschaftliche Ehre verrät und von unersättlicher Machtgier getrieben mit Menschenleben spekuliert. Die Massenhysterie macht ihn schließlich auch zu einem der reichsten Männer der Erde. Mit diesem Kapital im Rücken, strebt er die Weltherrschaft an. Ein paar Jahrzehnte später und er wäre ein klassischer Gegner eines James Bond gewesen.

Eichackers gnadenlose Kritik am Kapitalismus kann man fast schon als zynisch bezeichnen. Die Figur des Wissenschaftlers Wepp dient dabei als Zerrspiegel, in dem sich die großen Konzerne erkennen sollen. Das nur Jahre später, im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, seine Fiction in ähnlicher Form Gestalt annehmen würde und die Realität seine schlimmsten Befürchtungen noch übertrifft, damit hättet Eichacker wohl kaum gerechnet. Vorhandenes Potenzial in der Masse, das so etwas ermöglicht, wusste er jedoch zu erkennen. Somit begründet sich ein gewisser Anspruch des Romans auf eben diesen Aspekt der Erzählung.

Welteislehre - pseudowissenschaftlicher Unsinn

Nehmen wir jedoch den wissenschaftlichen Teil des Romans unter die Lupe, verliert sich der Anspruch in obskuren Theorien. Eichackers Bezug auf den Wissenschaftler Hörbiger und dessen ";Welteislehre"; ist unverkennbar. Bei der ";Welteislehre"; handelt es sich um eine abenteuerliche Theorie des Maschinenbauingenieurs Hans Hörbiger (1860-1931). 1894 überraschte Hörbiger (Vater des Schauspielers Paul Hörbiger) die Fachwelt mit der Behauptung, dass unser Erdtrabant sowie große Teile des Universums aus gefrorenem Wasser bestehen würden. Die Geburtsstunde der ";Glazialkosmologie";, der ";Welteislehre";.

Naturwissenschaftliche Koryphäen wiesen diese obskure Theorie jedoch als völlig haltlose Hypothese zurück. Man bezeichnete Hörbiger sogar als Hochstapler, der gefährliche Hirngespinste zu verbreiten versuche. Man hielt die Annahme für ungeheuerlich, dass die gesamte Milchstraße aus dicken Eisbrocken bestehen würde und diese in unregelmäßigen Abständen in die Sonne stürzen und dort Protuberanzen verursachen würden. Regen und Hagel, der auf die Erde fällt, wären demnach das Resultat vieler Sternschnuppen aus Eis, die beim Eintritt in die Erdatmosphäre zerschmelzen. Hörbiger fand Unterstützung durch den Amateurastronomen Phillip Fauth, mit dessen Hilfe er 1912 seine ";Welteistheorie"; unter dem Titel ";Hörbigers-Glacial-Kosmogonie"; veröffentlichte. Darüberhinaus wurden zahlreiche Vereine gegründet und Bücherserien publiziert. Tatsächlich konnte die ";Welteislehre"; Mitte der 1920er Jahre tausende von Anhängern (überwiegend aus Deutschland und Österreich) für sich verbuchen.

Die Nazis, allen voran Heinrich Himmler, propagandierten diesen pseudowissenschaftlichen Unsinn sogar als ";Weltentstehungslehre";. Die Tatsache, dass in seriösen, wissenschaftlichen Fachkreisen die ";Welteislehre"; kaum Beachtung fand und von Anfang an durch Beobachtungen widerlegt wurde, ignorierten die Nazis und andere Anhänger dieser Theorie.

Daß unser Erdtrabant nicht aus purem Eis besteht, weiß man spätestens seit der ersten Mondlandung 1969. Ansonsten wäre aus dem ";großen Schritt für die Menschheit"; wohlmöglich noch ein peinlicher Ausrutscher geworden. So wurden die Anhänger der ";Welteislehre"; quasi aufs Glatteis geführt, obwohl gar keines vorhanden war. Welch eine Ironie.

Ob nun Reinhold Eichacker selbst ein glühender Anhänger der ";Welteislehre"; war, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Sicher dürfte jedoch sein, dass die Ähnlichkeiten seiner Protagonisten - der Chemiker ";Walter Werndt"; und der Hobbyastronom ";Nagel"; - mit Hans Hörbiger und Phillip Fauth kein Zufall sind. Dass Eichackers Figur Walter Werndt in ";Panik"; die ";Welteislehre"; mit allem Nachdruck vertritt und durch seine Genialität alle anderen Protagonisten in den Schatten stellt, um schließlich zum Weltenretter zu avancieren, dürfte ein weiteres Indiz für diese Vermutung sein. Wie dem auch sei. Letztendlich spielt es keine große Rolle, da Hörbiger irgendwann von selbst in der Versenkung verschwunden ist und mit ihm seine obskuren Theorien, irgendwo auf der großen Müllhalde der Geschichte.

Schwache Protagonisten trinken Likör auf Eis

Wie aber sieht es nun mit dem reinen Unterhaltungswert des Romans aus? Dass Reinhold Eichacker kein begnadeter Schriftsteller war, dürfte außer Frage stehen. Leider fehlte es ihm eindeutig an Intensität und erzählerischer Kraft. Darauf lässt sich sicher auch sein eher mäßiger Erfolg als Schriftsteller zurückführen.

Man trinkt Likör auf Eis, führt gepflegte Konversation und bringt die Frauen zum Erröten. So in etwa lässt sich das gesellschaftliche Umfeld kurz beschreiben, in dem sich Eichackers Protagonisten bewegen. Leider bleiben diese dabei farblos, oberflächlich und ausdruckslos. Dies gilt ganz besonders für den Charakter Mabel Earthcliffe, die Tochter des Professors und einziger weiblicher Part des Romans. Ihre Funktion beschränkt sich lediglich darauf, den Herren der Schöpfung zu huldigen, überflüssige Dialoge zu führen und schließlich dem Charme ";der Pappfigur"; Nagel zu erliegen. Da fragt man sich doch, was für ein Bild der Autor vom weiblichen Geschlecht hatte. (Alice Schwarzer würden sich die Haare sträuben.) Aber Eichacker setzt noch eins drauf. Und zwar mit der Figur des Spaniers Don Ebro, dem Diener Nagels. Der Spanier ist ein wandelndes Klischee. Überflüssig wie ein Kropf. Wahrscheinlich sollte er der ganzen Geschichte einen Hauch von Exotik und Mystik verleihen. Großgewachsen, mit von Falten zerrissenem Gesicht, wirft er den Mantel mit Schwung über die Schulter, als sei es das Tuch eines Toreros. Dann folgt er stolz seinem ";Herren";. Mehr muss man, denke ich, dem nicht hinzufügen.

Einzige Ausnahme in diesem Reigen komischer Charaktere dürfte Professor Earthcliffe sein. Seine schrullige, zerstreute Art, hebt ihn von den anderen Figuren ab. Ein komischer Kauz der amüsiert, aber zum Ende hin leider kaum noch eine Rolle spielt. Schade. Wie alle anderen auch, verblasst er neben der Hauptfigur des Walter Werntd, der Ruhm und Ehre sowie den Status eines Genies für sich alleine beansprucht. Das er als Vertreter der ";Welteislehre"; auftritt, ist dann wohl auch kein Zufall? Wie dem auch sei, Eichackers Schwierigkeiten in der Beschreibung glaubhafter Charaktere lassen sich nicht wegdiskutieren. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass es sich hier um eine völlig überarbeitete Neuauflage eines antiquarischen Exemplars handelt. Um Einblick in das Original zu erhalten, muss man sich schon zur Phantastischen Bibliothek Wetzlar (Hessen) bemühen.

Die Stärken des Autors liegen hingegen in den Beschreibungen seiner Schauplätze und in der  Darstellung dramatischer Ereignisse. Wenn der wahnsinnige Wepp unmittelbar vor der Katastrophe durch die Straßen der Häuserschluchten zieht und dabei sein irres Gelächter ausstößt, dann hat das Ganze schon etwas von einem Endzeitszenario. Eine schaurig, bedrückende Grusel-Atmosphäre, in der die ziellos herumstreunenden Menschen fast schon wie Zombies wirken. Ein weiterer Höhepunkt ist der Moment, als der Meteor auf der Erde einschlägt und die Protagonisten sich inmitten eines ";Gezeitensturms"; von unvorstellbaren Naturgewalten befinden. Das lässt sich dann auch mit dem Begriff ";gelungener Action"; umschreiben. Fast schon geneigt einen Vergleich mit Charles Sheffield anzustellen, muss man jedoch betonen, dass natürlich Welten zwischen der künstlerischen Qualität beider Autoren liegen.

Fazit

Eichackers Werk als klassische Science Fiction zu bezeichnen, trifft es nicht ganz. Vielmehr handelt es sich um einen ";nostalgischen Zukunftsroman";, der viele klischeehafte Elemente enthält. Ein Gemisch aus Abenteuer und schnulziger Liebesgeschichte, eingebunden in einer mäßig spannenden Handlung. Als reiner Unterhaltungsroman kann ";Panik"; demnach nur enttäuschen. Was ihn trotzdem sehr lesenswert macht, sind Eichackers kritische Ansichten, die er nicht zwischen den Zeilen ";versteckt";, sondern offen und sicher, nicht ganz ohne Zynismus, offenlegt. Das Umschreiben der gesellschaftlichen Probleme, die Allmacht der Wirtschaft, der Medien und die Gefahren einer Diktatur, alles Dinge, vor denen Reinhold Eichacker nicht die Augen verschlossen hat. Man kann diesen Roman durchaus ein zweites Mal lesen, denn um es mit Professor Eartcliffes Worten zu sagen: ";Eine Messung ist nichts in der Trigonometrie, zwei sind alles.";

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