Das Haus des Schreckens

  • Autor:
  • Verlag: Heyne

Erschienen: Januar 1972

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Michael Drewniok
Der Schrecken muss nicht immer raffiniert gesponnen sein

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2007

Acht Storys spielen in diversen Häusern, die von Geistern heimgesucht oder von Irrsinnigen, Mördern oder Psychopathen bewohnt werden:

- Bram Stoker: Das Haus des Schreckens (The Judge‘s House; 1891): Der alte Richter ließ für sein Leben gern hängen; nach seinem Tod übernimmt er den Job selbst.

- Richard Davis: Das verfluchte Zimmer (The Sick Room; 1969): Soll man ein Haus aufgeben, wenn nur in einem bestimmten Zimmer Besucher hässlich zu Tode kommen?

- W. H. Carr: Mrs. Anstey‘s Vogelscheuche (Mrs. Anstey‘s Scarecrow; 1968): Die schöne Witwe lässt sich vom Mörder ihres Gatten nicht umgarnen, sondern schickt ihm einen gruseligen Rachegeist auf den Hals.

- Vernon Routh: Schöpfer der Finsternis (The Black Creator; 1960): Der verrückte Wissenschaftler treibt es mit seiner Leidenschaft für das Entstellte und Hässliche zu weit, weshalb sich seine Kreaturen gegen ihn wenden.

- Philip James: Das Schädel-Glockenspiel (Carillon of Skulls; 1941): Nur noch einen Kopf benötigt der irre, aber zauberkundige Künstler, um ein ausgesprochen bizarres Musikinstrument zu vollenden.

- Raymond Williams: Lächeln bitte ...! (Smile Please; 1968): Für 6000 Pfund soll sie die nackte Eva spielen, doch in ihrer Geldgier vergisst die schöne Delorice, dass es kein Paradies ohne Schlange gibt.

- M. S. Waddell: Plötzlich - nach einem guten Abendessen (Suddenly After a Good Supper; 1967): Scheintot hat man Denis in die Familiengruft geschoben, aus der er nicht entkommen kann und zu verhungern droht, bis er sich der kürzlich verstorbenen Großmutter erinnert.

- Dulcie Gray: Das Halsband (The Necklace; 1969): Ist es von Bedeutung, ob man Ketten aus Perlen oder Augen anfertigt? Dies fragt sich der verrückte Bernard, der seine eigene Antwort findet.

Trash as Trash Can

Versprochen wird (von einem klugerweise anonym bleibenden Texter) auf der Rückseite dieses Taschenbüchleins nicht wenig: „Dieses Buch lehrt sie das Fürchten, verursacht Gänsehaut, lässt ihre Haare zu Berge stehen und das Blut in den Adern gefrieren.“ Stattdessen ist festzustellen, dass genau diese beschriebenen Reaktionen mit Sicherheit ausbleiben.

„Horror-Trash“ oder „Trash Fiction“ ist kein unbedingt abqualifizierender Begriff. Er definiert in unserem Fall Storys, die nur der reinen Unterhaltung dienen. Sie zielen unter sorgfältiger Umgehung des Hirns auf den Bauch, beziehen gern auch tiefer gelegene Körperregionen ein und sind völlig schamlos in der Wahl der Mittel, um den Zieleffekt zu erreichen. Also baut Raymond Williams in „Lächeln bitte ...!“ die ziemlich fehlplatzierte, weil detaillierte Schilderung eines Striptease in die Story ein, was um 1970 provokant oder anregend gewirkt haben mag.

Vordergründigkeit ist Trumpf. Manchmal verzweifelt sucht man als Leser nach dem sonst üblichen Subtext, der einer Geschichte z. B. eine moralische Aussage verleiht. Doch im „Haus des Schreckens“ gibt es keine Raffinesse und keinen Schein, gespukt wird nie subtil, sondern drastisch, schmutzig und blutig, wobei sich die Geister oft einen Dreck darum scheren, ob ihre Opfer Schuld auf sich geladen haben („Mrs. Anstey‘s Vogelscheuche“) oder nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind („Das Halsband“).

Hauruck-Horror en detail

„Das Haus des Schreckens“ ist ein echter Klassiker aus der Feder des „Dracula“-Schöpfers Bram Stoker (1847-1912), der freilich mit groben Schockeffekten arbeitet. Bei nüchterner Betrachtung stechen seine Tricks ins Auge, die man während der Lektüre nicht zur Kenntnis nimmt, weil Stoker sein Handwerk versteht und eine wirklich gespenstische Atmosphäre kreiert.

Dies gelingt ansatzweise noch Richard Davis („Das verfluchte Zimmer“), während die übrigen Autoren uns den Horror mit dem Holzhammer eintreiben wollen. Vernon Routh schießt mit „Schöpfer der Finsternis“, einer zum Lachen reizenden Rumpelmär um einen verrückten Wissenschaftler, den Vogel ab. Den Plot klaut er aus H. G. Wells „Die Insel des Dr. Moreau“. Dass Horroreffekte getimt werden können und müssen, ist ihm sichtlich unbekannt. Immerhin weiß Routh, wohin er mit seiner Handlung will, während Philip James (d. i. Lester del Rey 1915-1993) im „Schädel-Glockenspiel“ mit surrealen Phantastik-Elementen experimentiert - oder ist diese Interpretation nur ein Versuch, dieser Story einen Sinn zu unterstellen?

Dulcie Gray (1919-2011) macht es besser. Sie erzählt in „Das Halsband“ eine einfache Geschichte und setzt auf den Schock des finalen Gags, der allerdings schon zur Entstehungszeit keine Ohnmachtsanfälle verursacht haben dürfte. Das gilt auch für „Plötzlich - nach einem guten Abendessen“, wobei M. S. Waddell (1921-1988) immerhin durch seinen Sinn für makabren und geschmacklosen bzw. politisch unkorrekten Humor gefällt.

Lukratives Kratzen am Fassboden

Interessant ist die Entstehungsgeschichte dieser Sammlung. Sie wurde von Kurt Luif (1942-2012) zusammengestellt. Luif ist dem Trash-Horror-Fan wesentlich bekannter unter diversen Pseudonymen. Als „Neal Davenport“ konzipierte er in den 1970er Jahren gemeinsam mit Ernst Vlcek die berühmte (oder berüchtigte) Horror-Serie „Dämonenkiller“, und als „James R. Burcette“ fabrizierte er Heftchen-Grusel für die „Vampir“-Horrorromane. Seine Werke entbehren nicht eines gewissen nostalgischen Charmes, denn er plünderte die Schatzkammern des Genres und ignorierte, dass Horror auch bzw. besonders wirksam leise daherkommen konnte.

Auch als Herausgeber favorisierte Luif den Rumpel-Grusel. Für die hier vorgestellte Sammlung wandelte er zeitsparend auf bereits ausgetretenen Spuren: Herbert van Thai (1904-1983) gab zwischen 1959 und 1983 in England 24 Bände von „The Pan Book of Horror Stories“ heraus. „Das Haus des Schreckens“ beinhaltet ausschließlich Storys aus dem „Pan Book“-Thesaurus. Diese orientierten sich inhaltlich an den Pulp-Magazinen der 1920er bis 1950er Jahre, welche auch das Horror-Segment ohne Anspruch auf literarische Qualität bedienten (und dabei vielen echten Talenten als Spielwiese dienten).

Mit Billig-Horror kann man immer Geld machen, so lautete wohl die Idee hinter den „Pan Books“. Das Umfeld war günstig: Filme wie „The Exorcist“ oder die „Omen“-Trilogie waren in den 1970er Jahren ungemein erfolgreich. Harter Horror mit ausgeprägtem Gore-Faktor stieß in den Mainstream vor. Die Nutznießer folgten umgehend: sie arbeiteten vorwiegend mit der groben Kelle. „Das Haus des Horrors“ ist ein Wurzelhaar in der Geschichte des von der Kritik meist ignorierten oder verspotteten, aber von seinen Fans heiß geliebten Trivial-Horrors.

Fazit:

Die Qualität der Geschichten schwankt arg, es dominiert das vordergründig Triviale, das indes reizvoll an die längst vergangene Zeit der grellen Grusel-Pulp-Magazine erinnert.

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