Die Offenbarung

  • Wunderlich
  • Erschienen: Januar 2001
Die Offenbarung
Die Offenbarung
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Michael Drewniok
80°

Phantastik-Couch Rezension von Michael Drewniok Jun 2007

Spannend-naives Spiel um die mögliche Apokalypse

Dr. Fred Findholm gilt als das schwarze Schaf seiner Familie, die im schottischen Aberdeen als renommierte Anwaltsdynastie etabliert ist. Jeder Sohn ist bisher dort eingetreten, doch Fred hat sich davongemacht. Bis in die Arktis hat es ihn verschlagen. Dort besitzt er eine kleine Wetterstation, deren Daten er verkauft. Das sichert ihm mehr schlecht als recht sein Auskommen. Deshalb greift Findholm zu, als ihn die "Norsk Advanced Technologies" anheuert, einem polaren Rätsel nachzugehen. Unweit der Insel Grönland und gefährlich nahe an den Ölförderstätten der Gesellschaft treibt ein Eisberg, auf dem ein geheimes Lager entdeckt wurde. Findholm soll herausfinden, was dort vor sich geht.

Er stößt auf eine mysteriöse Gruppe angeblich US-amerikanischer Forscher und Militärs, die tief im Inneren des Eisbergs ein abgeschossenes Flugzeug bergen wollen. Vor fünf Jahrzehnten ging es nieder, an Bord nicht nur die Leiche des Kernphysikers und berüchtigten Atomspions Lev Baruch Petrosian, sondern auch dessen Tagebücher. Mit diesen macht sich Findholm nach seiner Rückkehr aus dem Staub, als er merkt, dass er für die "Norsk" und deren geheimnisvolle Hintermänner höchst gefährliche Kastanien aus dem Atomfeuer holen sollte. Petrosian hat einst eine Möglichkeit gefunden, die Ur-Energie des Universums anzuzapfen. Das potenzielle Ergebnis: eine Waffe, mit der sich die ganze Welt vernichten ließe.Kein Wunder, dass sich noch andere, sehr zwielichtige Gruppen für die Tagebücher interessieren. Sie verraten das Versteck, in dem Petrosians Formeln verborgen liegen. Während Findholm und seine neuen Verbündeten, die Studentinnen Romella Grigorian und Stefi Stefanowa, auf ihrer Suche die ganze Welt bereisen, werden sie erbarmungslos gejagt. An der Spitze der Verfolger: die Anhänger des "Tempels der Himmlischen Wahrheit", die sich für Inkarnationen einer außerirdischen Macht im Exil halten, denen die "Rückkehr" nur dann gelingen kann, wenn die Erde untergeht. Mit ihnen konkurriert ein vom organisierten Verbrecher unterwanderter Konzern, der nicht minder brutal vorgeht. Nur ständige Flucht und viel Köpfchen können Findholm retten, doch nicht immer kann er allein damit gegen großkalibrige Waffen antreten ...

Jagd auf die Mutter aller Bomben

Wieder einmal steht der mögliche Weltuntergang ins Haus. Allerlei Wirrköpfe probieren es dieses Mal mit den Urkräften des Atoms. Die hat man vor knapp sechs Jahrzehnten in Bombenform gezwungen; weil der daraus resultierende Schrecken nicht lange vorhielt, potenzierte man ihn und konstruierte die Wasserstoffbombe. Das reichte dann sogar den härtesten Hardlinern diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs, der damals die Welt in "Gut" (Westen) und "Böse" (Osten) teilte.

Was wäre, wenn es darüber hinaus noch eine weitere Steigerung gegeben hätte: die ultimative Superbombe, mit der sich die ganze Welt in Flammen setzen ließe? Eine Waffe, die Freund wie Feind gleichermaßen auslöscht: Würde sie wirklich realisiert - und von wem? Das sind die Fragen, aus denen Bill Napier seinen Roman entwickelt. Er ist nicht nur ein fähiger Erzähler, sondern auch vom Fach - ein Physiker und Astronom, was eine glückliche (und seltene) Mischung ergibt. "Die Offenbarung" ist im Grunde Science Fiction; Petrosians Bombe (erfreulicherweise) nur (gut erfundene) Fiktion. Das mindert die Spannung überhaupt nicht, weil Napier um seine Bombe ein ebenfalls abstruses, aus bekannten Elementen des Thrillers zusammengesetztes, aber schlüssiges und spannendes, sich nicht allzu ernst nehmendes Garn spinnt.

Schon der Auftakt ist buchstäblich grandios, von klassischem Hollywood-Format; er spielt im Inneren eines zusammenbrechenden Eisbergs. Es geht trivial aber vielversprechend weiter, wenn die gemeingefährlichen Spinner des "Tempels der Himmlischen Wahrheit" die Szene betreten. Geschickt hält Napier die Ungewissheit aufrecht, wer dem armen Findholm noch nach dem Leben trachtet, indem er ihm weitere undurchsichtige Verfolger hinterherschickt. Auch nach deren Entlarvung darf Findholm sich niemals sicher sein, wer Freund und wer Feind ist; das schließt sogar oder gerade seine wenigen Freunde und Helfer ein.

Napier enthüllt die Geschichte der Superbombe durch Rückblenden in die 1940er und 50er Jahre. Wir werden auf dieser Ebene Zeugen einer merkwürdigen Entwicklung, die Wissenschaftler im angeblichen Dienste des Friedens und im Kampf gegen die Nazis und später gegen den Sowjetkommunismus die furchtbarste Massenvernichtungswaffen aller Zeiten entwickeln ließ. Der fiktive Petrosian ist einer davon; Napier lässt an seiner Person den Triumph, die Selbstzweifel und die Verzweifelung kondensieren, von denen die meisten Mitarbeiter des "Manhattan-Projekts" und anderer Atomwaffen-Vorhaben berichteten.

Mr. Jedermann gerät in die Mühlen des Schicksals

Fred Findley ist der klassische Jedermann des Thrillers à la Hitchcock, der ohne eigenes Verschulden in eine brandgefährliche Lage gerät und dabei Kräfte in sich entdeckt, von denen er zuvor nichts ahnte. Er ist kein Held, nur ein ehrlicher Mann, der über keine besonderen Talente als Verschwörer oder Kämpfer verfügt. Dadurch gerät er stets in aussichtslose Situationen, wenn ihm seine Verfolger eine neue Todesfalle stellen. Der Leser zittert und fragt sich, ob oder wie er jetzt entkommen kann; dann gibt es eine Überraschung, die meist auf einem Zufall basiert. Wenn man wie Napier weiß wie man solche Konfrontationen einfädelt, macht so etwas sehr viel mehr Spaß als eine schnöde Schießerei oder Verfolgungsjagd.

Glücklicherweise kann sich Findholm auf ein Netz treuer und unterhaltsam unkonventioneller Freunde stützen. Mit Köpfchen kompensieren sie den Fluch der Friedfertigkeit. Sympathisch sind sie allemal. Da sieht man gern über allzu große Unwahrscheinlichkeiten hinweg. Wie groß mag die Wahrscheinlichkeit sein, in kritischer Lage auf Anhieb zwei hübsche und abenteuerlustige Studentinnen anheuern zu können, die sich sogleich in eine brandgefährliche Hetzjagd über Meere und Kontinente stürzen? Aber ganz ohne holde Weiblichkeit geht die Thriller-Chose halt nicht.

Petrosian ist kein Schurke, kein Verräter, sondern in erster Linie Opfer. Sehr anschaulich schildert Napier ihn als Waffenschmied aus Furcht vor dem Sieg des Terrors, den er Zeit seines Lebens erdulden musste: durch Stalins Inquisitoren und durch die Nazis. Um so bitterer ist die Erkenntnis, durch die Flucht in die angebliche US-amerikanische Freiheit wieder vom Regen in die Traufe geraten zu sein: Napier lässt Petrosian in die Mühlen der McCarthy-Kommunistenhatz geraten und zerrieben werden. Die Amerikaner fabrizieren sich ihren späteren "Atomspion" auf diese Weise praktisch selbst.

Über die Schurken unseres Dramas breiten wir besser den Mantel des Schweigens. Besonders die Repräsentanten des "Tempels der Himmlischen Wahrheit" sind von einer verbohrten Dämlichkeit, die sie nicht böse sondern urkomisch wirken lässt - sie haben offensichtlich jedes Klischee, das auf spinnerte Fanatiker und ihre Sekten gemünzt ist, verinnerlicht. Im Vergleich mit den frömmelnden Massenmördern der realen Gegenwart wirkt ihr wüstes Treiben eher tröstlich, und es erinnert uns daran, dass wir hier nur unterhalten werden und jegliche Ähnlichkeit mit der Realität vom Verfasser völlig unbeabsichtigt ist ...

Die Offenbarung

Bill Napier, Wunderlich

Die Offenbarung

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