Abgrund

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2008
Abgrund
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Holger Schmidt
74°

Phantastik-Couch Rezension vonJan 2008

Therapie im Neoprenanzug

"Abgrund", im Original 1999 veröffentlicht, wurde im letzten Jahr wohl im Kielwasser von Frank Schätzings Romanerfolg "Der Schwarm" auch an deutsche Küsten geschwemmt. Mittlerweile hat Watts Romandebut drei Fortsetzungen nach sich gezogen, die bereits in den Startlöchern für eine Veröffentlichung stehen. Höchste Zeit also, diesen Roman einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

3000 Meter unter dem Meer

Die Unterwasserstation Beebe ist eine der letzten Hoffnungen der Menschheit, ihren horrenden Energieverbrauch zu decken. In den Tiefen des Meeres, dort, wo sonst nur hoch spezialisierte Tiere überleben können, wird Energie aus den nahe an der Oberfläche fließenden Lavaströmen gewonnen. Betrieben wird die Station von den sogenannten Rifters, Menschen, die speziell für das Arbeiten in solcher Tiefe trainiert wurden. Um überhaupt außerhalb der schützenden Hülle Beebes arbeiten zu können, müssen die Rifters einige körperliche Veränderungen über sich ergehen lassen.

Lenie Clarke ist eine dieser Rifter. Um genau zu sein, sogar die erfolgreichste der unter Wasser arbeitenden Menschen, denn sie verrichtet ihren Job nun schon länger als die meisten anderen. Nicht nur körperliche Fitness und das nötige Wissen hat sie für diese Aufgabe qualifiziert. Ihre Tauglichkeit wurde von dem leitenden Psychologen Yves Scanlon attestiert, dessen Methoden etwas unorthodox anmuten. In großer Tiefe, bei monotoner Arbeit und eingezwängt in eine klaustrophobisch enge Station, sind es keine Menschen mit durchschnittlich belastbarem Gemüt. Nein, eher Menschen, die in ihrem Leben gelernt haben, mit den schrecklichsten Erlebnissen klar zu kommen, halten diesen psychologischen Stress aus. Doch wie lange kann eine Handvoll traumatisierter Menschen, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, unter diesen extremen Bedingungen friedlich miteinander auskommen? Anfangs vermutet Lenie hinter ihrer Aufgabe noch ein psychologisches Experiment, doch dann beginnen einige ihrer Kollegen sich zu verändern und die Stationsleitung geht rigide gegen Verstöße der Stationsordnung vor.

Neue Strömungen

Watts Buch erinnert an einige andere Romane neuerer SF-Autoren, die durch ungewöhnliche Erzählweisen und Perspektiven frischen Wind ins Genre bringen. Wie zum Beispiel Adam Roberts konzentriert Watts sich auf starke Figuren und Psychologie statt Action. Ein Großteil der Handlung spielt auf der Station 'Beebe'. Über die Zustände der Welt außerhalb der Station wird lange Zeit nur sehr wenig offenbart. Von Anfang an wirkt die Sichtweise wie von einer Taucherbrille eingeschränkt.

Die durchweg melancholisch-ruhige Stimmung ist jedoch Geschmackssache. Watts konzentriert sich minutiös auf die Veränderung der 'Rifter' und ihrer psychologischen Traumata. Die Figuren reflektieren dabei nur wenig über sich selbst. Erzählt wird die Geschichte in der Gegenwartsform, was ebenfalls zu der besonderen Atmosphäre beiträgt. Da es thematisch vor allem um die Veränderung der Sinneswahrnehmungen der 'Rifter' geht, ist die Zeitform ein interessantes Mittel, um diese fremden Eindrücke zu verarbeiten. Nur wenige Abschnitte sind in der gewohnten Zeitform und wirken nun - kurioserweise - verwirrend.

Literaturperle oder Treibgut

Wie man im Anhang erfährt, war "Abgrund" zuerst eine Kurzgeschichte und wurde dann zu einem Roman ausgebaut. Ein gar nicht mal so ungewöhnlicher Werdegang für einen Roman, zumal das Buch Watts' Erstlingswerk ist. Vielleicht liegt aber auch hier schon die Ursache für die Hauptkritik an "Abgrund". Für die Buchstärke von ca. 485 Seiten ist die grundlegende Geschichte zu dünn. Negativ ist dabei nicht das Fehlen von Action, sondern die zu zähflüssige Entwicklung der Charaktere und das Schicksal der Unterwasserstation. Von Anfang an hat der Leser nicht viel Hoffnung für die vom Schicksal geplagten Figuren und so kann das Ende des Buches auch kaum überraschen. Einschneidende Ereignisse bleiben bei der Lektüre kaum hängen. Das Grundkonzept des Buches gab wohl einfach nicht mehr her, ohne dass man es mit alternativen Handlungssträngen "aufgeweicht" hätte.

"Abgrund" liest sich lange Zeit wie ein SF-Psychothriller. Die Sprache ist sehr ausgefeilt und kann durchweg überzeugen. Mit seiner beklemmenden Atmosphäre wird dieses Buch nicht jeden ansprechen. Das enge Konzept macht diesen Roman zu einem etwas anderen Leseerlebnis, er ist aber zweifellos erstklassig geschrieben.

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